Microsoft (!) verschenkt (!) Software (!) an Schweizer Behörden und Partner

Das BIT und Microsoft entwickeln gemeinsam eine Workflow-Lösung für Behörden (GEVER). Ein geschickter Schachzug.
 
Würden Sie hinter dem seltsamen Kürzel GEVER eine interessante Story vermuten? Wie man sich doch täuschen kann: GEVER steht für "Geschäftsverwaltung" und meint den schweizweit definierten Standard für die elektronische Abbildung von Arbeitsprozessen in Behörden. GEVER-Lösungen sind also eine Mischung von Dokumenten-Verwaltungssystemen und Workflow-Lösungen. Sie sind teuer und aufwändig zu implementieren, denn eine Behörde ist keine Insel und muss mit einer riesigen Umwelt kommunizieren können. Der Markt ist angesichts der schieren Zahl von Ämtern, Behörden und Institutionen potentiell riesig. Doch GEVER scheint bis jetzt keine Erfolgsstory zu sein, denn alleine beim Bund gibt es 33 unterschiedliche Lösungen! In der Schweiz wichtigster Player in dem Markt ist der österreichische Software-Hersteller Fabasoft.
 
BIT und Microsoft entwickeln GEVER-Framework
Heute gibt es gemäss Claudio Frigerio vom Bundesamt für Informatik (BIT) kein Produkt, das das GEVER-Geschäftsmodell "out of the box" abbilden kann.
 
In diesem Markt haben sich nun zwei potente Player verbündet: Microsoft Schweiz und eben das BIT. An den Berner Telematik-Tagen letzte Woche präsentierte Microsoft in einem erstaunlich wenig beachteten Vortrag erstmals ein Produkt namens OXBA ("Office Extensions for Business Administration Framework"). OXBA ist ein Software-Layer, der auf Office 2007 und Share Point Server aufsetzt. Ziel der gemeinsamen Entwicklung eines Bundesamts mit Microsoft ist ein auf (de fakto) Standards aufsetzendes Framework, das das GEVER Geschäftsmodell vollständig abbildet.
 
Mit OXBA soll sich die Einführung einer elektronischen Geschäftsführung für Behörden wesentlich vereinfachen. Denn die Plattform bildet das GEVER Geschäftsmodell komplett ab, man kann organisationsspezifische Besonderheiten durch Parametrisierung (statt Programmierung) nachzeichnen und es soll standardisierte Schnittstellen zu den Systemen anderer Behörden geben. Das BIT hat mit seiner neuen GEVER-Lösung Grosses vor, will man das System doch den direkten Kunden (EDI, UVEK, EJPD, EFD), der gesamten Bundesverwaltung und auch unabhängigen Institutionen, die sich im Besitz des Bundes befinden, wie der SUVA, anbieten. Auch bei den Kantonen wolle man OXBA "einbringen", wie Frigerio sagt.
 
Wohlgemerkt: Das Framework selbst ist gratis.
 
Microsoft seinerseit wird OXBA bestimmten Partnern ebenfalls kostenlos zur Verfügung stellen, die ihrerseits das Lösungspaket bei ihrer behördlichen Kundschaft verbreiten sollen. Noch im März wird die Version 1 des Lösungspakets lanciert und im Juni und Juli wird OXBA in einer Roadshow schweizweit vorgestellt.
 
Microsofts Fuss in der Verwaltungs-Türe
Die Zusammenarbeit zwischen Microsoft und dem BIT bei der Entwicklung der neuen GEVER-Plattform sieht wie eine klassische "Win-Win"-Situation aus. Der Bund (und andere Behörden) kommen zu einer günstigen, auf de-fakto-Standards (MS Office, Share Point) aufsetzenden Lösung, die sich verhältnismässig leicht an die Prozesse in anderen Behörden anpassen lässt und Schnittstellen zu anderen Systemen garantiert.
 
Microsoft seinerseits hat nun ein sehr sehr gutes Argument gegenüber Ämtern und Behörden, warum diese auf Office 2007 und die neuen Server-Pakete (Exchange, Share Point) migrieren sollten: OXBA. Denn ohne die neuesten Versionen der oben genannten Produkte, kann man das (kostenlose) GEVER-Framework nicht einsetzen. Zudem stellt sich Microsoft durch die gratis Mitarbeit bei der Entwicklung der GEVER-Plattform als behördenfreundlich dar, das kann seit dem heftigen Streit um den neuen Rahmenvertrag mit der Informatikkonferenz (SIK) sicher nicht schaden.
 
Immer, wenn von "Win-Win" die Rede ist, gibt es auch Verlierer. In diesem Fall dürften es die unabhängigen Anbieter und Integratoren von anderen, nicht Microsoft-basierenden GEVER-Plattformen sein. Sie müssen mit dem BIT-Microsoft-Bündnis mit einem ganz neuen Player in der Szene rechnen. (Christoph Hugenschmidt)