Schweizer "Polit-Skandal" wegen Open XML?

Am Sonntag wird entschieden, ob das Dokumentenformat Open XML von Microsoft als ISO-Standard anerkannt wird. Derweil erhebt die Open-Source-Szene heftige Vorwürfe gegen Microsoft.
 
Kurz bevor die internationale Vereinigung von Normungsorganisationen ISO darüber entscheiden wird, ob das Dokumentenformat von Microsoft, Office Open XML (ooxml), als Standard anerkannt wird, geht es in den verschiedenen nationalen ISO-Gremien heiss zu und her. Schweden hat mittlerweile den heftig kritisierten Entscheid für Microsoft rückgängig gemacht und wird sich nun der Stimme enthalten.
 
Auch in der Schweiz ist es mittlerweile brisant geworden. Die deutsche 'Computerwoche' schreibt heute, dass in der auf Neutralität bedachten Schweiz Microsoft zum Auslöser eines "politischen Skandals" werden könnte.
 
Hintergrund ist der Blog-Eintrag des Open-Source-Experten Matthias Stürmer vom vergangenen Mittwoch. Darin schreibt er, dass Microsoft in den letzten zehn Tagen zwanzig Gold-Partner mobilisiert habe, damit sie im Komitee der Schweizerischen Normen-Vereinigung SNV für die Anerkennung des Standards stimmen. Der Standardisierung-Prozess habe damit seinen technischen Wert verloren und sei ein nur noch politischer Vorstoss zugunsten von Microsoft sowie eine Geldquelle für die SVN geworden. Happige Vorwürfe also.
 
Microsoft wehrt sich
Microsoft Schweiz weist diese Vorwürfe entschieden zurück. Unternehmenssprecher Holger Rungwerth schliesst kategorisch aus, dass Microsoft in irgendeiner Weise seine Partner dazu gebracht hat, an der Abstimmung teilzunehmen und für Microsoft zu stimmen. Wie Hans Peter Homberger, CEO der SNV, gegenüber inside-it.ch sagt, befinden sich nun 57 Mitglieder im Komitee, das nun bereits zum zweiten Mal darüber abstimmen wird, ob ooxml den ISO-Standard erhalten soll.
 
Bei der ersten Abstimmung am Dienstag dieser Woche habe es Formfehler gegeben, deshalb werde sie nun wiederholt, sagt Homberger. Die Mitglieder können bis Mitternacht kurz vor dem 2. September abstimmen. Am 2. September wird das Ergebnis an die ISO weitergeleitet. Wie die 'Wochenzeitung' gestern berichtete, wurde bei der ersten Abstimmung ooxml als Standard anerkannt. Homberger möchte nicht spekulieren, ob die zweite Abstimmung zum gleichen Ergebnis führen wird. Jedenfalls ist sicher, dass genau die gleichen 57 Mitglieder noch mal abstimmen werden.
 
Es dürfte keine Überraschung sein, dass unter den 57 Mitgliedern einige Microsoft-Partner zu finden sind. Sie haben wohl auch ein eigenes Interesse, dass der Standard anerkannt wird. Microsoft weist im Übrigen darauf hin, dass am Anfang der Debatte, also im April, bloss fünf Vertreter im Gremium sassen. Später kam eine erste Welle von Open-Source-Vertetern. Nun hat das Thema politische Brisanz und es dient letztlich als Nährstoff für die alte Rivalität zwischen Microsoft und der Open-Source-Szene, die ja mit der ISO-Anerkennung von OpenDocument bereits im Mai 2006 geschafft hat, was Microsoft am kommenden Sonntag erreichen möchte. (Maurizio Minetti)