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Mittwoch, 17.09.2008
Exklusiv! Zattoo schrammt am Abgrund vorbei

Nach einer missglückten VC-Runde im Mai musste der Schweizer Online-TV-Startup das Steuer herumreissen. Doch nun ist wieder Geld da, sagt Mitgründer Beat Knecht.
 
Der Zürcher Internet-TV-Pionier Zattoo, der seit 2006 Gratis-Fernsehen auf dem PC anbietet, ist ein beliebtes Objekt der Berichterstattung. Doch dass dem Projekt und seinen hochfliegenden Plänen vor kurzem fast der "Schnauf ausging", entging der Öffentlichkeit. Im April nämlich misslang der Versuch, von den bisherigen Investoren weitere Mittel aufzutreiben. Zattoo musste auf die Notbremse stehen und einiges am Geschäftsmodell verändern.
 
Zattoo baute Stellen ab, es kam zu "tränenreichen Entlassungen" wie Zattoo-Chef Beat Knecht im Gespräch mit inside-it.ch sagt. In Zürich wurde sechs Mitarbeitenden auf Ende Juli gekündigt und ein paar Stellen wurden im Ausland weggekürzt. Insider sagen zudem, dass Stellenpensen reduziert wurden. Keinen Abbau gab es hingegen im Entwicklungszentrum im amerikanischen Ann Arbor, betont Knecht. Da fielen einzig Temporärjobs weg. Statt wie ursprünglich geplant 70, wird Zattoo per Ende Jahr nun nur 40 Mitarbeitende haben.
 
Zattoo macht strategischen U-Turn
Die Weigerung der bisherigen Kapitalgeber, weiteres Geld zu investieren, wurde von Knecht und seinen McKinsey-erprobten Mannen mit einer Kehrtwende in der Strategie beantwortet. Statt wie bisher den Fokus auf die Rekrutierung von neuen Zattoo-Usern in den schon erschlossenen Märkten und im Aufbau von neuen Gebieten (USA, Italien) zu legen, forciert man nun den Verkauf von Werbung und bezahlten Diensten. In Spanien hat Zattoo den Gratis-Dienst gar eingestellt und bietet nur noch Bezahl-TV. Dies läuft gemäss Knecht nicht schlecht. Bisher haben sich 42'000 User in Spanien dazu entschlossen, Zatto für zweimonatlich 2.40 Euro zu abonnieren und täglich kommen 600 neue Abos dazu.
 
Auch in der Schweiz versucht Zattoo, mit einem Bezahlangebot, bei dem 20 TV-Kanäle mit 1,5 Mbps gestreamt werden, aus der grossen Zahl von Usern Umsatz zu generieren. Die Amerikaner haben dafür ein schönes Wort: "Monetize". Genau das versucht das Online-TV auch mit Werbung, deren schleppender Verkauf über einen exklusiven Partner der Grund dafür war, dass die bisherigen Investoren vor einer weiteren Finanzierungsrunde zurückschreckten.
 
Kritiker sagen, genau dies hätte Zattoo schon viel früher machen sollen. Man habe 2007 den Verkauf der Werbung und die Integration der für Online-Werbung nötigen Software-Plattform sträflich vernachlässigt. Auch ob die exklusive Bindung an einen einzigen Vermarkter richtig gewesen sei, ist umstritten. Knecht nennt den damaligen Entscheid "nachvollziehbar".
 
Stopp der Expansion
Aufgegeben wurde hingegen vorläufig die teure Expansion in neue Märkte wie Italien und die USA. Der Aufbau von Zattoo in Asien ist gemäss Knecht nun "verlangsamt". "Deshalb hatten die Leute, die mit der Expansion in neue Märkte zu tun hatten, keine Funktion mehr," erklärt Knecht den Stellenabbau.
 
Natürlich versucht er, die Kehrtwende in der Strategie als freiwillig darzustellen: Zattoo habe gelernt, dass das Geschäftsmodell viel schwieriger zu kopieren sei als befürchtet und dass man allfälligen Investoren nicht mehr beweisen müsse, dass der Internet-TV-Dienst Millionen von Usern an sich binden könne.
 
Frisches Geld ante portas - ohne Kapitalschnitt
Amerikanische Startups sind es gewohnt, mit hohem Risiko zu arbeiten. Dies tut auch Zattoo. Man warte jeweils bis zum letzten Moment, bis man neue Investoren an Bord hole, sagt Knecht. Dies weil man - bei einem Geschäftsmodell mit rasch wachsenden Userzahlen - die Firma je später desto höher bewerte.
 
Die Gefahr dabei ist natürlich, dass sich der Wind kehrt und dem "Venture" dann nur wenig Zeit übrig bleibt, die Strategie zu ändern und Kosten zu senken. Zattoo scheint dies gelungen. Von den für 2008 geplanten acht Millionen Franken neues Kapital seien sieben da oder fest zugesichert, so Knecht. Und zwar ohne dass die Firma klassisch mit einem "Kapitalschnitt" (Reduktion und Wiederaufstockung des Aktienkapitals) saniert werden musste.
 
Doch Zattoo muss die laufenden Einnahmen weiter steigern, will er wieder zurück auf den Expansionspfad. Denn das frische Geld reicht, wie Knecht freimütig einräumt, "nicht für ein ganzes Jahr." (Christoph Hugenschmidt)
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