Schweizer Anwender proben den Aufstand gegen SAP

Ab 1. Januar 2009 bekommen alle SAP-Kunden den neuen Wartungsvertrag Enterprise-Support. Dieser ist teurer als der bestehende Standard-Support und viele Kunden sehen keinen Mehrwert darin. Nun haben sich 23 namhafte Schweizer Industrie-Unternehmen zusammengeschlossen, um dagegen anzukämpfen.
 
Der Streit zwischen dem grössten deutschen Softwarehersteller SAP und seinen Kunden verschärft sich. Seit SAP im vergangenen Juli angekündigt hat, den Standard-Support per 1. Januar 2009 abzuschaffen und stattdessen den teureren Enteprise-Support auf alle Kunden auszuweiten, hat sich Widerstand formiert. Viele Kunden erkennen im Enterprise-Support auch nach diversen Workshops keinen Mehrwert und sie sehen deshalb die Abschaffung des Standard-Supports einfach nur als eine Preiserhöhung an.
 
IG SAP Wartung CH gegründet
In den deutschsprachigen Ländern kämpft in erster Linie die deutschsprachige SAP-Anwendergruppe (DSAG) gegen die Erhöhung der Wartungspreise um 30 Prozent. Seit einigen Monaten gibt es nun aber auch eine "Interessengemeinschaft SAP Wartung CH", die 23 namhafte Schweizer SAP-Kunden, die inside-it.ch bekannt sind, aus der Industrie vertritt. Die Schweizer IG hat sich mit der Geschäftsleitung von SAP Schweiz getroffen, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen, wie ein Vertreter der IG – der nicht genannt werden möchte – zu inside-it.ch sagt. Dieser ist selber ein Experte in Sachen SAP für die Industrie. So war er rund 30 Jahre im IT-Management tätig, zuletzt vierzehn Jahre als CIO einer internationalen Industrie-Gruppe. Anfang 2008 hat er sich als Unternehmensberater selbständig gemacht.
 
Wer die Mitglieder der IG – die zusammen ein Lizenzvolumen von über 100 Millionen Franken erreichen – sind, möchte der Vertreter lieber nicht kommunizieren. Die Unternehmen fordern insbesondere das Aufrechterhalten des bestehenden Wartungsmodells, bei dem jährlich 17 Prozent der Lizenzgebühren für Wartung ausgegeben werden müssen. Wohlgemerkt ist schon dies ein Preis, der im Branchenvergleich nicht gerade tief ist. Beim neuen Modell werden bis in vier Jahren sogar 22 Prozent fällig. Die Schweizer IG vertritt die gleiche Meinung wie alle anderen SAP-Anwendervereinigungen: Enterprise-Support sei nicht auf die Bedürfnisse von kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) zugeschnitten. Für den Mittelstand sei Enterprise-Support "eine oder mehrere Nummern zu gross", so die IG.
 
Kritisiert wird auch, dass "Solution Manager" – ein Tool für die Verwaltung von SAP-Systemen – Voraussetzung für Enterprise-Support ist. "Solution Manager" wird noch lange nicht von allen Kunden eingesetzt. Die Software ist zwar kostenlos, doch muss sie laut DSAG "stark ausgebaut werden", wenn man die vollumfänglichen Leistungen des Enterprise-Supports beziehen will.

"Wir sind verärgert"
Am 19. November hat die Schweizer IG einen eingeschriebenen Brief an die SAP-Geschäftsleitung in Walldorf geschickt. Darin heisst es unter anderem: "Wir sind verärgert darüber, dass ein wichtiger strategischer Partner, mit dem wir durch den Einsatz eines ERP-Systems eine langfristige Bindung eingegangen sind, seine Marktstellung ausnutzt und so vorgeht. Zumal kaum die Möglichkeit besteht, innerhalb kurzer Zeit auf eine andere Software zu wechseln. Bestünde diese Möglichkeit, wäre dies durchaus eine Option."
 
"Im Dezember wird sich die IG permanent mit der Geschäftsleitung von SAP Schweiz kurzschliessen", sagt der Gesprächspartner. Die Zeit wird nämlich knapp. Das neue Modell gilt ab dem 1. Januar 2009 und es gibt in der Schweiz aufgrund des geltenden Rechts noch die Besonderheit, dass die Verträge zwischen SAP und den Kunden automatisch verlängert werden. SAP hat in der Schweiz – im Gegensatz zur Situation in Deutschland und Österreich – die Verträge also nicht gekündigt und die Kunden müssen auch keine neuen Verträge unterschreiben. In Deutschland wollen offenbar nicht wenige SAP-Kunden den neuen Vertrag nicht unterschreiben.
 
Die Schweizer Kunden haben das Recht, den Wartungsvertrag innerhalb von 14 Tagen ausserordentlich zu kündigen. (Ansonsten kann ein SAP-Wartungsvertrag jährlich gekündigt werden.) Sollte dies nicht geschehen, wird die Vertragsänderung stillschweigend akzeptiert und der Vertrag kann erst wieder fristgerecht gekündigt werden.
 
Klausel im Vertrag
Die Schweizer Kunden seien vorgängig darüber informiert worden, dass es ein neues Support-Modell gibt, wie SAP-Sprecherin Claudia Rollero zu inside-it.ch sagt. Sie betont zudem, dass SAP laut einer Klausel im bestehenden Vertrag das Recht habe, die Wartungsgebühren um 5 Prozent plus CPI (Konsumentenpreisindex) pro Jahr zu erhöhen. Da die Preise stufenweise über die nächsten vier Jahre erhöht werden, ergibt dies, ausgehend von den heutigen 17 Prozent, eine Erhöhung um 30 Prozent (2008: 17%, 2009: 18,3%, 2010: 19,58%, 2011: 20,95%, 2012: 22%).
 
Zum Vorwurf der Preiserhöhung nimmt SAP wie folgt Stellung: "Wir verstehen, dass das neue und global geltende Wartungsmodell bei SAP-Kunden viele Fragen aufgeworfen hat. Das Ziel von Enterprise-Support ist allerdings mit Sicherheit keine versteckte Preiserhöhung, sondern bietet einen wesentlich grösseren Leistungsumfang als das frühere Modell und berücksichtigt den Kundenwunsch nach mehr Qualität. Damit verbunden passen wir die Wartungspreise - erstmalig seit Jahren - stufenweise über einen Zeitraum von vier Jahren von 17 auf 22 Prozent an."
 
SAP habe die Zusammenarbeit mit SAP-Anwendergruppen und verschiedenen CIO-Organisationen intensiviert, um Leistung und Nutzen aus Enterprise-Support besser abzustimmen und zu optimieren, sagt Rollero. Ein Ergebnis davon ist etwa die vor wenigen Wochen bekannt gegebene Verlängerung des Wartungszeitraums für die aktuelle Version ERP 6.0 und für alle zukünftigen Releases auf insgesamt neun Jahre - das längste Wartungsangebot der Software-Branche.
 
Weitere Verhandlungen
Doch dieses Entgegenkommen reicht den SAP-Anwendervereinigungen nicht. Die DSAG setzt sich weiterhin für Alternativen ein. Betont wird zudem, dass sich die Situation durch die Wirtschaftskrise zuspitzt. Die mit Enterprise-Support verbundene Preiserhöhung treffe branchenübergreifend viele Unternehmen "zur Unzeit", klagt die DSAG. Laut der Anwendergruppe gibt es seitens SAP-Kunden durchaus konkrete Überlegungen, auf ein Konkurrenzprodukt zu wechseln, obwohl dies natürlich auch nicht billig werden dürfte.
 
Die DSAG hat dem SAP-Vorstand zwei Lösungswege als Alternative zum Einheits-Support vorgeschlagen. Diese bestehen zum einen in der Einführung eines Minimal-Supports, also eines reduzierten Wartungsmodells. Zum anderen in der Verschiebung von Enterprise-Support um ein Jahr, um das neue Wartungsmodell zu einem "für den Kunden akzeptablen Support-Konzept weiter zu entwickeln". Es wird im Dezember noch Gespräche zwischen den Anwendervereinigungen und SAP geben. Ob diese zu einem für beide Seiten befriedigenden Ergebnis kommen werden, wird sich zeigen. (Maurizio Minetti)