Expertenmangel bedroht Mainframe-Idylle

IBM Schweiz will dagegen halten und hat das Ausbildungskonzept für Mainframe-Spezialisten geändert. Etwas weniger Verschwiegenheit könnte aber auch nicht schaden.
 
Mainframes wurden schon viele Male totgesagt. Die proprietäre Hard- und Software schien in der Welt der offenen Serversysteme – bei denen man nicht von einem Hersteller abhängig ist – überholt. In der Realität sind und bleiben die nicht gerade billigen und schwierig zu bedienenden aber dafür höchst zuverlässigen High-end-Server ein wichtiges Geschäftsfeld und eine schöne Einnahmequelle, sowohl für IBM generell als auch für IBM Schweiz.
 
In letzter Zeit, so meinten IBM-Vertreter gestern in einem Pressegespräch, sei das Interesse von Kunden an den heute "System z" genannten Mainframes – die in der Schweiz fast ausschliesslich in der Finanzindustrie zu finden sind – sogar wieder gestiegen. Grund dafür sei unter anderem der Trend zum Strom sparen und vor allem zur Serverkonsolidierung mittels Virtualisierung. Was im Bereich der "Offenen Systeme" noch eine relativ junge Technologie ist, ist für Mainframes schon seit Jahrzehnten Teil des Konzepts. Viele IT-Verantwortliche, die vor Jahren von Mainframes auf offene Systeme umgestiegen sind, meinte IBM-Mann Walter Schaerer von der Systems and Technology Group schmunzelnd, dürften dies heute sogar – zumindest heimlich – bereuen.
 
Vereinsamende Maschinen
Die Maschinen sind zwar gut, aber leider vereinsamen sie zusehends. Die Mainframe-Szene wird durch den zunehmenden Mangel an Mainframe-Experten bedroht, wie Schaerer und sein Kollege Fabio Saputelli, Country Manager des 180-Mann-starken und für Hardwarewartung zuständigen "Maintenance and Technology Services"-Teams von IBM Schweiz gestern offen erklärten.
 
Der Zahn der Zeit nagt zwar nicht am technologischen Konzept der Mainframes, aber an den Menschen, die die Kenntnisse haben, um Systeme und Software zu warten und zu pflegen. Ihr Durchschnittsalter steigt, und immer mehr nähern sich dem Pensionsalter, während nur wenig neue Spezialisten hinzukommen. In den nächsten zehn Jahren wird die Zahl der Spezialisten rapide sinken. Dies zu ändern wird nicht einfach sein. Ab dem Jahr 2015, so schätzt Schaerer, müssten, um den Kenntnisstand in Sachen Mainframes in der Schweiz zu halten, jährlich rund 100 neue Experten hinzukommen. Wie viele es heute sind, konnte Schaerer nicht genau sagen – von der Zahl 100 ist man aber sicher sehr weit entfernt.
 
Die Situation bringt sowohl Anbieter als auch Kunden in Schwierigkeiten. Auch Joachim Brügger, Chef der Schweizer Niederlassung des im Mainframe-Umfeld wichtigen Software-Herstellers Compuware, bezeichnete kürzlich in einem Gespräch mit inside-it.ch den Expertenmangel als eines der grössten Probleme in diesem Markt. IBM selbst dürfte zunehmend Mühe bekommen, genügend Leute für sein umfangreiches Wartungsteam zu finden, das ein wichtiger Faktor für die hohe Verfügbarkeit der Systeme ist.
 
Wenn Spezialisten für die Softwarewartung fehlen, fällt aber vor allem auch das Hauptargument für Kunden, um bei Mainframes zu bleiben oder darauf umzusteigen, ihre Verlässlichkeit, dahin. Für Unternehmen, die Mainframes als Hauptplattform für Business-kritische Applikationen betreiben, könnte die Situation in einigen Jahren sogar gefährlich werden, so Schaerer.
 
Neues Ausbildungskonzept
Nun könnten Schweizer Mainframe-Anwender darauf hoffen, die Situation durch den Zuzug ausländischer Experten zu entschärfen. Zusätzlich muss aber auch die Ausbildung hierzulande dringend gefördert werden, glaubt IBM. Walter Schaerer hat daher für IBM Schweiz ein neues Trainingskonzept erarbeitet. Dazu gehört unter anderem die Auslagerung der Ausbildung an ein spezialisiertes Drittunternehmen, die Augsburger "European Mainframe Academy" (EMA). Diese bietet seit dem letzten Herbst eine berufsbegleitende, zweijährige Mainframe-Grundausbildung an. Sie ist für Leute konzipiert, die bereits Informatikkenntnisse besitzen, mit Lehr- oder Hochschulabschluss. Es werden zwei Ausbildungswege angeboten, Applikationsentwicklung und System Engineering.
 
Die Ausbildung besteht hauptsächlich aus individuellen E-Learning-Kursen, ergänzt durch gemeinsame Workshops vor Ort. Praktische Arbeiten können über Remote-Zugriff auf einem von der Uni Leipzig betriebenen Mainframe durchgeführt werden. Der Aufwand beträgt 8 Stunden pro Woche, und die Ausbildung kostet pro Teilnehmer 36'000 Euro. Diese Kosten, so glaubt Schaerer, dürften viele Unternehmen gerne übernehmen, aber natürlich können auch Informatiker/innen, die Lust auf eine Mainframe-Ausbildung haben, individuell teilnehmen.
 
Schaerer hat auch mit Universitäten und Fachhochschulen Kontakt aufgenommen um sie zu animieren, Mainframe-Themen in ihre Lehrpläne aufzunehmen. Bei den Unis, so Schaerer, sei die Resonanz aber schwach gewesen (Nach den Informationen der Anwesenden gibt es heutzutage auch keine Schweizer Uni mehr, die einen Mainframe betreibt.) Bei den Fachhochschulen sei er dagegen durchaus auf Interesse gestossen. Ob dieses aber auch zu konkreten Angeboten führen wird, konnte er noch nicht sagen.
 
Omertà
Ein Grund für den Mangel an Mainframe-Nachwuchsexperten ist der allgemeine Informatikermangel. Hinzukommt, dass "Legacy-Skills" allgemein etwas vernachlässigt zu werden scheinen.
 
Ein Mitgrund für die Überalterung der Mainframe-Szene, ist, so glaubt inside-it.ch, aber auch die grosse Verschwiegenheit von Anbietern und Kunden. Es ist schwierig, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit zu erregen und jüngere Leute für ein Informatikgebiet zu begeistern, dessen Wichtigkeit immer nur andeutungsweise geschildert wird. Schweizer Umsätze im Mainframe-Bereich wurden auch gestern nicht verraten, ebensowenig die genaue Zahl oder Namen von Kunden. So durften die IBM-Leute nicht einmal den Namen der Bank bestätigen, deren Serverraum, inklusive Mainframes, am Sonntag unter Wasser stand – obwohl dieser Name ja nun wirklich nahe liegt. Eine grosses Handycap wenn man versuchen will, dieses traditionelle Informatik-Gebiet wieder "sexy" zu machen. (Hans Jörg Maron)