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Montag, 25.05.2009
Berner Software-Beschaffung wird zum Politikum

Nachdem der Kanton Bern entschieden hat, Microsoft-Lizenzen ohne Ausschreibung zu beschaffen, regt sich Widerstand aus der Open-Source-Szene. Die Berner Regierung soll bis September eine Interpellation beantworten.
 
Die erst vor wenigen Wochen entstandene Open-Source-Lobby "Parlamentarische Gruppe Digitale Nachhaltigkeit" hat bereits ihre erste Medienmitteilung verschickt. Darin geht es um den politischen Vorstoss im Kanton Bern wegen "fraglicher Software-Beschaffung". Hintergrund ist der Entscheid des Kantons Bern, die PC-Landschaft zu erneuern, jedoch die Beschaffung des Betriebssystems und der Bürosuite nicht auszuschreiben. Der Kanton hat nämlich bereits entschieden, dass Windows 7 und Office 2007 zum Einsatz kommen sollen. Es gebe genügend Gründe, um ein freihändiges Verfahren durchzuführen, verteidigte sich Reto Burn, stellvertretender Generalsekretär der kantonalen Finanzdirektion.
 
Es geht um 2,5 Millionen pro Jahr
Die Open-Source-Szene wittert nun – nach einem analogen Fall bei der Bundesverwaltung – einen weiteren Verstoss gegen Beschaffungsregeln. Deshalb wird der Berner EVP-Grossrat Marc Jost in Zusammenarbeit mit dem Sekretariat der genannten Open-Source-Gruppe eine dringliche Interpellation zur – wie es in der Mitteilung heisst – "80-Millionen-Informatik-Migration" der Berner Kantonsverwaltung einreichen. Dabei ist allerdings anzumerken, dass die zu beschaffenden Lizenzen für Windows und Office eben nicht in den 80 Millionen inbegriffen sind. Der 80-Millionen-Kredit wird für die Beschaffung von Hardware und anderer Software benötigt. Dafür soll es mehrere Ausschreibungen geben.
 
Die Microsoft-Kosten für die 14'000 Kantons-Rechner sind bedeutend tiefer. Reto Burn von der Berner Finanzdirektion sagt zu inside-it.ch, dass die jährlichen Lizenzkosten für Microsoft-Produkte 2,5 Millionen Franken betragen – im Vergleich zu den gesamten IT-Kosten des Kantons im Umfang von zirka 200 Millionen Franken pro Jahr. Er geht davon aus, dass auch die neuen Lizenzen nicht teurer sein werden. Burn betont aber, dass die Verhandlungen mit Microsoft noch nicht abgeschlossen sind.
 
Der Interpellationstext
Sowohl Burn als auch EVP-Grossrat Jost gehen davon aus, dass die Interpellation auf die September-Session hin beantwortet wird. Gemäss Burn wird dann auch das gesamte Projekt "Kantonaler Workplace 2010" im Parlament besprochen. Im Interpellationstext von Jost wird gefragt, "wie unabhängig" dieser Workplace sei. Er stellt dem Regierungsrat gemäss Communiqué folgende Fragen:
 
1. Wie hoch sind die jährlichen Ausgaben des Kantons Bern für Lizenzkosten von Microsoft (Enterprise Agreement) und anderen Herstellern proprietärer Software bisher und in Zukunft?
 
2. Wie hoch ist der geschätzte Migrationsaufwand für das neue "Windows 7" in Arbeitszeit und Geld?
 
3. Wie verhindert der Regierungsrat, dass bei der geplanten Software-Beschaffung die Abhängigkeit von Herstellern proprietärer Software nicht noch weiter erhöht wird? Könnte nicht auch ein hybrider Einsatz von Open Source Software sinnvoll sein, z.B. OpenOffice.org auf Windows wie es die Stadt Freiburg im Breisgau getätigt hat?
 
5. Weshalb wurde nicht auch im Bereich von Betriebssystem und Office-Anwendungen eine öffentliche Ausschreibung gemacht?
 
6. Ist der Regierungsrat bereit, zusammen mit der Verwaltung eine unabhängige, externe Expertise in Auftrag zu geben, welche Aufschluss gibt über:
 
• Risiken wachsender Abhängigkeiten von Herstellern proprietärer Software
• Möglichkeiten zu Kosteneinsparungen mittels Einsatz von Open Source Software (Betriebssystem, Office, Server-Software, Fachanwendungen etc.)
 
7. Wie schätzt der Regierungsrat das Risiko ein, dass gegen die freihändige Vergabe der Betriebssystem- und Office-Software Beschwerde geführt wird? Weshalb will der Regierungsrat dieses Risiko eingehen?
 
OSS selten als Betriebssystem in Verwaltungen
Burn von der Finanzdirektion wollte nicht im Detail auf die Fragen eingehen, die der Regierungsrat zu beantworten hat. Er betont aber, dass der Kanton Bern bereits heute bei verschiedenen Fachapplikationen Open Source Software (OSS) einsetzt. Ein OSS-Einsatz werde auch bei Neuanschaffungen geprüft, falls eine solche Software die gestellten Anforderungen erfülle (und damit zum Beispiel in deutsch und französisch verfügbar sei, was im Kanton Bern eine Grundvoraussetzung sei). Er verweist zudem erneut auf die rund 1200 Fachapplikationen, die in den letzten 15 Jahren im Hinblick auf einen Einsatz mit dem Microsoft-Betriebssystem und der Office-Palette von Microsoft beschafft worden seien. "Es ist unklar, wie viele dieser Applikationen unter einem OSS-Betriebssystem oder mit einem OSS-Office-Produkt einsatzfähig wären beziehungsweise ob und mit welchem Aufwand diese Kompatibilität erreicht werden könnte", so Burn. Dasselbe gelte für die eingesetzte Hardware, wo die Treiber auf ihre OSS-Kompatibilität untersucht werden müssten.
 
In der Mitteilung der "Parlamentarischen Gruppe Digitale Nachhaltigkeit" werden einige Kantone genannt, die OSS-Lösungen einsetzen (Solothurn, Waadt, Genf). Einige seien daran, deren Verwendung zu untersuchen (Thurgau, Aargau, Basel-Stadt). "Dank dem Einsatz von OSS spart der Kanton Solothurn beispielsweise rund 2 Millionen Franken pro Jahr", heisst es da. Kurt Bader, oberster IT-Leiter des Kantons Solothurn, bezifferte die jährlichen Ersparnisse des Kantons allerdings vor zehn Tagen lediglich auf "über eine Million Franken".
 
Burn hinterfragt die erwähnten Beispiele anderer Kantone mit OSS-Einsatz: "Gemäss unserer Kenntnis geht es bei diesen Kantonen (mit Ausnahme des Kantons Solothurn) nicht um den Einsatz von OSS im Bereich des Betriebssystems, sondern bei den Fachapplikationen. Diesbezüglich besteht im Kanton Bern keine andere Haltung." Der Kanton Bern verfüge bis heute nicht über gesicherte Zahlen, die effektiv Einsparungen durch den Einsatz von OSS-Betriebssystemen in vergleichbaren Verwaltungen aufzeigten. "Die in der Öffentlichkeit verfügbaren Erfahrungen mit den Paradeprojekten München, Wien oder Solothurn sind in keiner Weise ermutigend", fügt Burn hinzu. "Mehr Klarheit erhoffen wir uns von der angekündigten Studie der Finanzkontrolle des Kantons Solothurn." (Maurizio Minetti)
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Kommentare:
Erich Rieder 25.05.2009 21:15 "Es geht um 2,5 Millionen pro Jahr"
Nein es geht um 7.5 Millionen, denn ein MS$ PC wird bewiesenermassen 3x mehr zu privaten Zwecken missbraucht anstatt zu arbeiten.
Sascha Mettler 26.05.2009 20:30 Beweise bitte?
Ich bin kein Freund der Nutzung proprietärer Formate durch die öffentliche Hand (Abhängigkeiten etc.)...aber solche Aussagen darf man gerne mit prüfbaren Beweisen versehen. Sonst liest sich das Ganze eher wie billige Trollerei....
 
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