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Dienstag, 26.05.2009
"We don't like changing yesterday"

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Wipro-Gründer Azim Premji und Co-CEO Girish S. Paranjpe erklären im Exklusiv-Gespräch mit inside-it.ch, warum sie T-Systems nicht gekauft haben.
 
Azim Premji, als Gründer und Präsident des indischen IT-Dienstleistungsriesen Wipro einer der einflussreichsten Männer der IT-Industrie weltweit, sowie Co-CEO Girish S. Paranjpe stellten sich anlässlich eines Besuchs bei Schweizer Grosskunden den Fragen von inside-it.ch.
 
2007 und 2008 waren geprägt von Gerüchten, wonach die indischen Outsourcing-Riesen wie Cognizant, TCS, Wipro oder Infosys am Kauf von europäischen IT-Dienstleistern und Systemintegratoren, etwa den ausgelagerten IT-Abteilungen von Grossfirmen, interessiert sein könnten. Auch Wipro war immer wieder als möglicher Käufer oder dann "Partner" von T-Systems, der riesigen ICT-Tochter der Deutschen Telekom, genannt worden.
 
Zu Unrecht, wie Premji im Gespräch mit inside-it.ch betont. Die meisten der europäischen Systemintegratoren hätten riesige Probleme zu bewältigen. So sei die Produktivität der Mitarbeitenden von T-Systems und anderen klar zu tief und der Abbau von Stellen aufgrund der starken Gewerkschaften schwierig. "We don't like changing yesterday", sagt Premji und meint damit, dass Wipro sich mit dem Kauf eines der grossen europäischen Systemintegratoren die Probleme und Fehler der Vergangenheit eingehandelt hätte. Wenn, dann wäre Wipro nur an einzelnen, kleinen Teilen von T-Systems, Siemens Business Services oder Cirquent (ehemalige IT-Tochter von BMW) interessiert gewesen, doch die Firmen waren nur als Ganzes zu haben, so Premji offenherzig.
 
Trotzdem hat Wipro in den letzten Jahren drei Übernahmen in Europa getätigt. "Es ging jeweils um sehr spezifische Kompetenzen, die wir noch nicht hatten oder dann um einen Dienstleister, der bei bestimmten, strategisch wichtigen Kunden gut vertreten war," so Girish Paranjpe. So übernahmen die Inder 2006 einen portugiesischen Spezialisten für Retail-Lösungen. Der indische Service-Riese will seine Präsenz in Europa weiter ausbauen. Heute sind erst 20 Prozent der Beschäftigten von Wipro Europäer. Dieser Anteil soll auf 40 bis 45 Prozent ausgebaut werden. In der Schweiz beschäftigt Wipro immerhin 300 Mitarbeitende.
 
Satyam-Skandal: "Krimineller Akt eines Einzelnen"
Wie stark hat der Finanzskandal beim Wipro-Konkurrenten Satyam das Image der grossen IT-Dienstleister beschädigt? Hat Wipro wegen Satyam Kunden verloren? Premji: "Die Bilanzmanipulationen bei Satyam waren kriminelle Akte von Einzelpersonen, so wie das beim Madoff-Skandal und beim Enron-Crash der Fall war. Man sollte nicht gleich die ganze Industrie schuldig sprechen. Die indische Regierung hat rasch und richtig reagiert und Satyam ist nun bei Tech Mahindra in soliden Händen. Zwischenzeitlich waren vor allem potentielle Kunden von Wipro verunsichert, doch wir konnten die Bedenken ausräumen," so der legendäre Wipro-Gründer, der hinzufügt, dass Satyam-Kunden durch den Skandal direkt nicht zu Schaden kamen. Gelitten hat gemäss Premji aber trotzdem vor allem Satyam selbst: "Wir gewannen ein paar Satyam-Kunden."
 
"Bedarf der Finanzindustrie wird wieder steigen"
Wipro gehört zu den Lieferanten von Credit Suisse und leidet bekanntlich unter dem Abbau der IT-Kosten beim Schweizer Bankriesen. Paranjpe kommentiert: "Die Nachfrage-Schwäche ist nicht permanent und wir ziehen uns keinesfalls aus dem Markt der IT-Dienstleistungen für die Finanzindustrie zurück. Ausserdem ist der indische Markt sehr gross. Wir haben in den letzten sechs Monaten drei Deals mit je einem Volumen von mehr als hundert Millionen Dollar in Indien gewonnen."
 
Die Nachfrage aus den USA und Europa nach den Dienstleistungen werde wieder anziehen, ist Pranajpe überzeugt. Seine Argumente: Gut ausgebildete und talentierte Spezialisten blieben in Europa weiterhin Mangelware, die Systeme der Banken müssten - Finanzkrise hin oder her - früher oder später erneuert werden und sie strebten weiterhin danach Fixkosten in variable Kosten zu überführen, was bekanntlich einer der wichtigsten Gründe für das Auslagern von Informatik ist.
 
Starker Heimmarkt
Während Europa und die USA unter der Weltwirtschaftskrise leiden, geht es der indischen Volkswirtschaft verhältnismässig gut. Wir fragten Azim Premji nach den Gründen.
 
Es gibt, so Premji, drei Faktoren, die für ein weiterhin starkes Wachstum der indischen Wirtschaft sprechen. So befinden sich 70 Prozent der indischen Finanzinstitutionen in öffentlichem Besitz und sind stark reguliert. Dies führte dazu, dass "nur einige kleine Privatbanken in der Finanzkrise in Probleme kamen," so Premji.
 
Zweitens ist Indien viel weniger als China von Exporten in die "alten" Industrieländer abhängig. Nur ein Viertel der indischen Volkswirtschaft hängt von Exporten ab und fast die Hälfte davon geht in den Mittleren und Fernen Osten und ist damit von der Krise weniger betroffen.
 
Und Drittens, erklärt uns Premji, der zu den Gründervätern der indischen IT-Industrie gehört, litt Indien stark unter hohen Preisen für Öl und Rohstoffe. Diese sind nun gesunken, was der indischen Volkswirtschaft hilft. Premji rechnet nur mit einem leichten Rückgang des Wachstums des indischen BIP von 6,8 auf sechs Prozent.
 
Anstieg der Löhne in Indien gebremst
Rasch steigende Löhne sowie eine hohe Fluktuationsrate schädigten das Image der indischen IT-Industrie in den letzten Jahren. Gemäss Premji ist der Druck auf die Löhne nun als Nebenwirkung der Krise massiv gesunken. Die Fluktuationsrate bei Wipro sei von ungefähr 12 bis 14 Prozent auf nun nur noch sechs Prozent gesunken, betont Premji. "Ich bezweifle, dass der Boom bei den Gehältern der IT-Spezialisten in Indien je wieder zurückkehrt."
 
Beim Gespräch mit dem indischen Industrie-Pionier Azim Premji und Wipro-CEO Paranjpe fiel uns die grosse Gelassenheit unserer Gesprächspartner auf. Sie scheinen überzeugt, dass die indische Hightech-Industrie trotz Satyam-Skandal und dem Spardruck seitens Grosskunden wie Credit Suisse gestärkt aus der Weltwirtschaftskrise herauskommen wird. Ein wichtiger Faktor dürfte sein, dass der indische Heimmarkt unterdessen stark genug ist, um das Wachstum - abgekoppelt von der Weltwirtschaft - selbst voranzutreiben.
 
Premji selbst setzt sich dafür auch persönlich ein. Seine Azim Premji Foundation unterstützt aktuell die Primarschulausbildung von 3,2 Millionen Kindern in 17'000 Schulen. (Christoph Hugenschmidt)
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