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Freitag, 19.03.2010
Erhöhte Tonlage im Microsoft-Schul-Knatsch

Microsoft Schweiz wehrt sich in einem geharnischten Schreiben gegen eine Pressemitteilung der Parlamentarischen Gruppe Digitale Nachhaltigkeit und verlangt Richtigstellung.
 
Gestern versandte die "Parlamentarische Gruppe Digitale Nachhaltigkeit" eine Pressemitteilung unter dem Titel "Schweizer Schulen wenden sich ab von Microsoft und wollen auf Open Source Software setzen." In der Pressemitteilung wird auf eine neu erschienene Empfehlung der 'Schweizerischen Fachstelle für Informationstechnologien im Bildungswesen' (SFIB) hingewiesen. Die Fachstelle, die im Schweizer Bildungswesen eine grosse Rolle spielt, teilt in der Empfehlung mit, dass die Verhandlungen mit Microsoft über die Erneuerung des Partnervertrags "Partners in Learning" gescheitert seien und empfiehlt allen Schulen, künftig auf Microsoft-Software zu verzichten.
 
Microsoft Schweiz reagierte heute mit einem geharnischten Schreiben, das inside-it.ch vorliegt, an die parlamentarische Open-Source-Lobby und verlangt ultimativ die Richtigstellung von - in den Augen von Microsoft - sachlich falschen Darstellungen. "Ob es sich hier nun um unprofessionelle Recherche oder eine bewusst falsche Darstellung der Tatsachen handelt, sei dahingestellt; jedenfalls sind solche Falschaussagen diffamierend, geschäftsschädigend und widersprechen klar unserem Verständnis von Fairness," heisst es in dem Schreiben, das von Thomas Reitze, Director Public Sector, unterzeichnet ist.
 
"SFIB beruft sich auf falsche Datenschutzbestimmungen"
Insbesondere kritisiert die SFIB, respektive deren Geschäftsstelle, die Genossenschaft educa, die Datenschutzerklärungen, die Microsoft mit dem Online-Dienst für Schulen, "live@edu.ch" verknüpft. Wie Microsoft Schweiz schreibt, bezieht sich die SFIB respektive ch/open aber auf die falschen Datenschutzerklärungen, nämlich auf solche, die sich nur auf die Beantragung von Test-Accounts für Lehrpersonen beziehen.
 
Nutzungsbestimmungen und Datenschutzerklärung für die Schweizer Version von Live@edu seien noch gar nicht fertig, so Microsoft-Sprecherin Barbara Josef. Die Schüler-Online-Dienste Live@edu wurden erst neu für die Schweiz lokalisiert, so Josef. "Wir haben noch keinen einzigen Kunden dafür in der Schweiz." Datenschutzerklärung und Nutzungsbedingungen werden gemäss Josef zur Zeit erst zusammen mit Zürcher Schulbehörden ausgearbeitet.
 
Neue Konditionen nicht teurer
Die SFIB erweckt in der Kurzversion der "Empfehlung in Sachen Microsoft School Agreement und Live@edu" den Eindruck, Microsoft habe versucht, in den Neuverhandlungen des Lizenzrahmenvertrags eine Preiserhöhung durchzusetzen.
 
So heisst es in der Empfehlung wörtlich: "Trotz grossem Engagement seitens educa.SFIB kam kein Nachfolgevertrag zustande. Grund war das Festhalten von Microsoft Schweiz an der Verknüpfung einer neuen Rahmenvereinbarung mit dem Microsoft Live@edu-Angebot - einem Webservices Paket aus Microsoft-Produkten - sowie an einer neuen Preisgestaltung, die auf dieser Verknüpfung basiert."
 
Dieser Eindruck sei völlig falsch, so die Microsoft-Sprecherin. Microsoft habe angeboten, die bestehenden Konditionen für Schulen weiterzuführen, zusätzlich aber einen Projektrabatt angeboten, wenn sich Schulen für Live@edu entscheiden. Josef: "Wenn eine Schule nicht bei Live@edu mitmachen will, wird es keineswegs teurer. Es gibt einfach keinen zusätzlichen Rabatt."
 
"Keine Drohung"
Man könnte das geharnischte Schreiben von Microsoft an die Parlamentarische Gruppe, in der sich eine ganze Reihe von recht gewichtigen Politikern von den Grünen bis zur FDP organisiert haben, auch als versteckte Drohung mit rechtlichen Schritten interpretieren. Schliesslich ist da von "bewusst falscher Darstellung von Tatsachen" die Rede. Drohen will Microsoft aber gemäss Barbara Josef nicht. "Wir sind immer noch Partner der SFIB und wollen ihr keinesfalls drohen. Wir finden die Pressemitteilung der Parlamentarischen Gruppe einfach nicht sauber und wollen, dass die falschen Darstellungen korrigiert werden."
 
Demnächst in diesem Theater: Runde 3
Wohl nicht nur wir sind gespannt auf die Reaktion der Parlamentarischen Gruppe wie auch auf diejenige der SFIB. Wird die Parlamentarische Gruppe in den sauren Apfel beissen und öffentlich zugeben, sich geirrt zu haben?
 
Für Microsoft Schweiz steht ungeheuer viel auf dem Spiel, geht es doch darum, bereits Kinder an den Gebrauch von Microsoft-Software zu gewöhnen und sich damit einen entscheidenden Vorteil zu sichern. Denn, dass die meisten Leute mit Microsoft-Software umgehen können, ist eines der wichtigsten Verkaufsargumente.
 
Es würde uns nicht wundern, wenn Microsoft, wie schon beim bekannten
Knatsch mit der Schweizerischen Informatikkonferenz
, zum Schluss doch noch zu einem Vertragsabschluss mit der SFIB käme. Die Taktik dürfte die gleiche wie damals sein: Microsoft-freundliche Gemeinden und Kantone dazu zu bringen, bei der SFIB einen Vertragsabschluss zu drängen. (Christoph
Hugenschmidt)
 
Das Dossier der SFIB zu den gescheiterten Vertragsverhandlungen samt sehr detaillierten Argumentationen kann man hier als ZIP-File herunterladen.
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Kommentare:
Rainer Göllner 19.03.2010 20:56 Egal ob nun teurer als früher oder nicht oder ob gute oder schlechte Datenschutz-Bedingungen - der Kern ist doch offensichtlich, dass Microsoft ihr live@edu an das Kind bringen will, um endlich einen Fuss in den Community-Markt zu bekommen und zugleich schon heute die Kunden von morgen zu binden.
 
Die Strategie ist natürlich nicht neu und auch nicht spezifisch für Microsoft, nicht mal spezifisch für den Informatikbereich überhaupt. Jede Waschmittelwerbung benutzt diese Prinzipien mittlerweile irgendwie. Selbst bei Linux ist die Community zentral und die Macht der Gewohnheit stark.
 
Allerdings ist es eins, Communities zu nutzen und sich durch Gewöhnung zu entlasten. Es ist etwas anderes, beides zu _be_nutzen, eine Stufe mehr, es gegenüber Kindern und Jugendlichen zu benutzen und noch eine weitere Stufe, das staatlich sanktioniert zu tun.
 
<Polemikmodus ein> Gibt's eigentlich noch Autowerbung im Kinderfernsehen? <Polemikmodus aus>
Stefan Hess 23.03.2010 10:21 Das Problem liegt auf einer ganz anderen Ebene. Bisher hat Microsoft mit beachtlichen Summen die Platform educanet mitfinanziert. Die eigene Community-Lösung Live@edu, die Microsoft Schweiz vom Mutterkonzern mit Verkaufsauftrag aufgedrückt bekommt, steht in direkter Konkurrenz zu educanet. Deshalb will Microsoft auch nicht weiter "Sponsor" sein.

Dass dies nun einen Einfluss auf die verwendeten Softwareprodukte haben soll, kann ich nicht nachvollziehen. MS School-Agreement ist eine kostengünstige und flexible Lösung für Schulen. Die Produkte stossen bei Schülern wie Lehrern auf grosse Akzeptanz. Weshalb sollte man auf unkonfortable OpenSource-Lösungen wechseln?
 
Solange School Agreement zu den bisherigen Konditionen verfügbar bleibt, sehe ich keinen Grund, darauf zu verzichten.
 
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