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Dienstag, 23.03.2010
"Spätestens wenn der letzte Cobol-Programmierer gestorben ist..."

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Adcubum-Chef Richard Heinzer spricht im Exklusiv-Gespräch mit inside-it.ch über die Zukunftspläne des St. Galler Software-Herstellers und über den Markt für Versicherungs-Informatik.
 
Im Markt für Krankenkassen-Software gibt es einen klaren Trend hin zum Einsatz von Standard-Lösungen. Profiteur dieser Entwicklung ist die St. Galler Software-Schmiede Adcubum, die sich seit eineinhalb Jahren mehrheitlich im Besitz einer Investorengruppe um den Avaloq-Besitzer Francisco Fernandez befindet. Adcubum beschäftigt heute über 110 Mitarbeitende, 2010 sollen mehr als 20 dazukommen. Doch was macht Adcubum, wenn die Migrationswelle im beschränkten Markt für Schweizer Krankenkassenlösungen vorbei ist? Richard Heinzer (Foto), seit gut einem Jahr als CEO und Delegierter des Verwaltungsrats bei Adcubum am Ruder, und sein Marketing-Chef Daniel Wenger stellten sich den Fragen von inside-it.ch.
 
Adcubum dominiert den Markt für IT-Lösungen für Krankenkassen in der Schweiz. Kann man diese Aussage so stehen lassen?
 
Richard Heinzer: Wenn wir die Versicherten unserer Bestandes- und unserer zukünftigen Kunden, die Verträge mit uns unterschrieben haben, zusammenzählen, so stellen wir fest, dass nach Abschluss aller Projekte mindestens jeder zweite Einwohner der Schweiz eine Krankenversicherung haben wird, bei der ganz wesentliche Funktionen durch unsere Software abgedeckt werden. Das ist für ein KMU, das vor 11 Jahren ganz klein anfing, ein schöner Erfolg. Und der Wachstumstrend hält immer noch an.
 
Man sagt, Adcubum eigne sich für grosse Krankenkassen, die komplexe Umsysteme benötigen und sie sich auch leisten können, während kleinere Krankenkassen eher auf die Lösungen ihres Konkurrenten BBT setzen. Bringt Adcubum demnächst eine "Light Version"?
 
Daniel Wenger: Wir haben durchaus kleinere und mittlere Kunden, etwa die 'kmu Krankenversicherung', die Adcubum in Betrieb hat. Und zwar inklusive Printing, CRM-Grundfunktionen und Auswertungen. Man kann sich schon vorstellen, dass wir mit einer "Essential-Version" kommen werden, die für kleinere Krankenkassen optimiert ist.
 
Gibt es also konkrete Pläne für eine "Essential Version"?
 
Richard Heinzer: Zur Zeit halten uns die laufenden Aufträge in Atem. Wir hatten letztes Jahr ein sehr schönes Wachstum und das Projektgeschäft läuft sehr gut. Da muss man sich gut überlegen, wohin man sich weiterentwickeln will.
 
Grundsätzlich kann sich eine Firma in drei Dimensionen weiterentwickeln: Mit zusätzlichen Funktionen, mit dem Einstieg in neue Branchen oder geografisch. Wenn man in allen drei Dimensionen alles machen will, ist das der sichere Untergang, man muss sein Handeln also gut überlegen.
 
In der Schweiz heisst die Richtung aktuell klar Funktionalität. Ein Beispiel ist das Printing. Ein kleiner Versicherer hat keine Freude am XML-Output, der ein Printsystem erfordert, er möchte direkt Papier aus dem Drucker kommen sehen. Wir müssten also schon noch ein bisschen Phantasie entwickeln, um kleinere Versicherer mit optimaler Software bedienen zu können.
 
Adcubum hat aber auch die Absicht, in neue Märkte zu gehen, was aber ganz seriös geplant werden muss. Der Markt für Krankenkassensoftware in der Schweiz ist begrenzt und in absehbarer Zeit werden die Kassen neue Lösungen implementiert haben.
 
Konkret: Was macht Adcubum in drei Jahren? Werden Sie massenhaft Entwickler entlassen müssen?
 
Richard Heinzer: Keine Rede, wir bauen aus. Allein die Dynamik im Schweizer Gesundheitswesen ist so gross, dass eine gute Grundlast gewährleistet ist.
 
Daniel Wenger: Wir zeigen auf unserer Homepage, die wir kürzlich neu gestaltet haben, drei Produktelinien: Je eine Lösung für Kranken-, Unfall- und Sachversicherungen. Unfall- und Krankenversicherung liefen bisher immer etwas parallel, wurden nun aber aufgespalten.
 
Richard Heinzer: Alle drei Lösungen basieren auf der gleichen technologischen Basis, haben aber eine andere Ausprägung.
 
Man muss sich klar werden, wo im technologischen Lifecycle man steht. Vieles ist wesentlich langfristiger als man denkt. Grosse schweizerische Versicherungsgesellschaften haben beispielsweise in den 70-er Jahren Architektur- und Technologie-Entscheide gefällt, die die Entwicklung der IT bis heute, also fast 40 Jahre später immer noch beeinflussen, wie z.B. eine Partnerdatenbank als horizontale Funktion. In der Assekuranz kann es Systeme geben, die in ihren Grundzügen 50 Jahre alt werden. Man hat angesichts der hektischen technologischen Entwicklung im Web und bei mobilen Geräten etwas vergessen, wie lange die Technologie-Zyklen in unserem Geschäft sind. Adcubum hat den Schritt zu einer sauberen Drei-Schichten-Architektur hinter sich. Wir stehen damit am Anfang eines ganz langen Lebenszyklus. Der Kunde kann davon ausgehen, dass das technologische Fundament stabil bleibt, denn es gibt kaum etwas Ärgerlicheres, als wenn die Technik weniger lang lebt als das Problem, das sie lösen sollte.
 
Selbstverständlich müssen wir unsere Basis noch festigen. Wir sind schnell gewachsen, so dass es gewisse Verzettelungen bei den Versionen gegeben hat. Auch im Dienste unserer Kunden streben wir ganz konsequent eine Vereinheitlichung der Versionen an. Mit unserer Technologie stehen wir gut da und ich bin überzeugt, dass Adcubum auch deshalb in 10 Jahren eine dominierende Rolle nicht nur bei Krankenversicherungen, sondern auch in anderen Bereichen spielen kann.
 
Es ist für mich aber offensichtlich, dass der Schweizer Markt beschränkt ist. Nehmen sie das Beispiel der Sachversicherer. Es gibt nicht mehr so viele Versicherungen, die sich für oder gegen eine Lösung entscheiden werden. Der Eintritt in andere Märkte drängt sich auf.
 
Wir sind in Besitz einer Investorengruppe aus dem Umfeld von Avaloq. Wir sind überzeugt, dass das, was die Avaloq im Bankensektor gemacht hat, auch in der Assekuranz möglich ist: dass Standardsoftware zum Standard wird. Dass wir mit dieser Meinung nicht alleine sind, merken wir an den Anfragen von Partnern, die mit uns arbeiten wollen. Es denken wirklich viele, dass bei uns "die Post abgehen wird." Dem wird so sein, aber wir sind auch sehr selbstkritisch und wollen das Wachstum sehr seriös planen und unseren Kunden immer gute Arbeit abliefern.
 
Wie will Adcubum im Ausland bestehen? Der Markt für Krankenkassenlösungen scheint mir sehr lokal zu sein, da er von den gesetzlichen Regelungen bestimmt wird. Und bei den Sachversicherungen müsste Adcubum vor der Expansion ins Ausland ja wohl zuerst einen Heimmarkt haben?
 
Richard Heinzer: Wir bauen unser Sachversicherungssystem bereits heute für zwei Länder: Die Schweiz und Deutschland. Wir sind seit einigen Jahren mit einer Filiale in Stuttgart. In der jetzigen Form fehlen in unserem Krankenversicherungsprodukt noch einige Funktionen, um es in der deutschen PKV (Private Krankenversicherung) und der GKV (Gesetzliche Krankenversicherung) einzusetzen. Dies hat man früher etwas zu optimistisch gesehen.
 
Doch heute gibt es in Deutschland ein drittes Element: die Zusatzversicherungen, die in der Grundphilosophie sehr gut zu Syrius passen. Wir führen für eine Schweizer Gesellschaft die kapitalgedeckte Krankenversicherung ein. Auch daraus können sich gewisse Marktchancen in Deutschland ergeben.
 
Als ehemaliger Leiter der Konzerninformatik der Winterthur-Gruppe weiss ich aber auch, dass Synergien über Landesgrenzen hinaus meist zu optimistisch beurteilt werden. Es gibt in internationalen Versicherungsgruppen wahrscheinlich mehr gescheiterte als erfolgreiche länderübergreifende Projekte. Zudem habe ich sehr grossen Respekt vor Sprachbarrieren. Wir gehen die Expansion deshalb sehr seriös und schrittweise an. Der deutschsprachige Raum ist vorerst unser natürlicher Raum. Später kann man dann in konzentrischen Kreisen darüber hinausgehen, zum Beispiel nach Osteuropa, wo wir ja schon präsent sind.
 
Osteuropa?
 
Richard Heinzer: Wir haben ein Syrius SE bei der SIA, der öffentlichen Sozialversicherung in Bratislava, installiert. Etwas überspitzt kann man sagen, dass wir dort für diese Funktion einen Marktanteil von 100 Prozent haben.
 
Grundsätzlich hat für mich - ausserhalb der Schweiz - der deutsche Markt für Sachversicherungen aber die höchste Attraktivität. Wie sich der Markt für Krankenversicherungs-Lösungen entwickelt, wird man sehen, aber auch diese Möglichkeit prüfen wir intensiv.
 
Man sagt, Versicherer seien heute in der gleichen Lage, in der Banken vor 10 Jahren steckten: Sie sitzen auf grossen, selbst entwickelten Lösungen, glauben an ihre Einzigartigkeit und leiden unter wachsenden Kosten. Gleichzeitig ist der Markt für Versicherungslösungen noch völlig offen - es gibt keinen Dominator. Wo sehen Sie Adcubum in dieser Situation?
 
Richard Heinzer: Die Versicherungen haben bei vielen Systemen das gleiche Problem wie die Flugwaffen: Die Flugzeuge sind meist älter als die Piloten. Man findet sehr oft tief in den Systemen noch Assembler-Module, die in den 70-er Jahren geschrieben wurden. Da waren viele der heutigen Mitarbeiter der Versicherungen noch gar nicht geboren. Es ist eine reine Frage der Zeit, bis die Gesellschaften gezwungen werden, ihre Altsysteme abzulösen. Dies ist ein laufender Prozess, der sich durch diverse Ausschreibungen für den Ersatz der Altsysteme manifestiert, an denen wir teilnehmen können.
 
Doch man darf nicht vergessen, dass die Systeme aus den 70-er und 80-er Jahren schon sehr gut waren. Sie haben 30 bis 40 Jahre ihren Dienst getan. Ausserdem wird die zu ersetzende Software-Basis praktisch täglich grösser und komplexer. Alle Gesellschaften haben Respekt vor dieser Aufgabe und es kommt auch vor, dass man diese Entscheide immer wieder verschiebt, wobei man nicht vergessen darf, dass das zu entsorgende Erbgut jeden Tag grösser wird. Doch eines Tages, wenn der letzte Cobol- oder Assembler-Programmierer gestorben ist, werden die Versicherungen migrieren müssen.
 
Man spricht aber schon lange von einem Trend der Versicherungen hin zu Standardsoftware. Doch es passiert wenig. Wann wird der Trend hin zu Versicherungs-Kernsystemen einsetzen?
 
Daniel Wenger: Es gibt Frühindikatoren. Früher gab es pro Jahr eine oder zwei Ausschreibungen. Heute gibt es pro Quartal eine bis zwei ernst gemeinte Ausschreibungen.
 
Richard Heinzer: Grosse Versicherungen ziehen heute beim Ersatz ihrer Kernsysteme meist nicht mehr in Betracht, eine neue Lösung selbst zu entwickeln. Versicherungen haben gar nicht mehr die Ressourcen, dies zu tun, die Eigenentwicklung ist zur Ausnahme geworden. Der Paradigmenwechsel hat damit stattgefunden. Aber die Entscheidungszyklen sind sehr lang und der Leidensdruck vielleicht noch zu klein.
 
Dazu muss man sehen, dass die Kosten für die Totalrenovation der IT-Systeme einer Versicherung leicht 100 Millionen Franken übersteigen können. Da ist die Versuchung schon gross, kurzfristig zu denken. Eine neue Lösung zahlt sich ja vielleicht erst in fünf oder sechs Jahren finanziell aus.
 
Wie gross ist der Druck auf Adcubum, den Durchbruch im Sachversicherungsmarkt zu schaffen? Mit anderen Worten: Haben Sie eine Deadline?
 
Richard Heinzer: Es wäre fahrlässig, wenn wir uns nur auf das bestehende Marktsegment und nur auf die Schweiz ausrichten würden. Das Krankenkassensegment ist äusserst volatil: Es braucht nur eine Volksabstimmung, um den Markt völlig zu verändern. Zudem haben unsere Kapitalgeber gewisse Vorstellungen über die Dynamik unserer Geschäftsentwicklung. Ich denke, unser Kundenportefeuille in fünf Jahren wird signifikant anders aussehen.
 
Was kann Adcubum daran hindern, dieses Ziel zu erreichen? Finden Sie beispielsweise genügend qualifizierte Leute, die nach St. Gallen kommen?
 
Daniel Wenger: Wir stellen einen interessanten Trend fest: Viele Leute, die in Zürich studiert haben, kommen zurück in die Ostschweiz.
 
Richard Heinzer: Letztes Jahr haben wir 19 neue Arbeitsplätze geschaffen und dieses Jahr werden es mehr als 20 sein. Wir glauben fest an den Softwareentwicklungs-Standort Schweiz. Aber wir wissen auch, dass wir die Preisunterschiede mit Qualität wettmachen müssen.
 
Die Herausforderung für uns ist, das Wachstum der Firma zu verkraften ohne die Innovationskraft zu verlieren. Wir haben heute einen sehr hohen Grad an kreativer, positiver Selbstorganisation der Leute. Das gilt es zu bewahren, auch wenn die Firma grösser wird.
 
Avaloq und Adcubum haben teilweise die gleichen Aktionäre. Und zusammen wären die beiden Firmen wohl einer der stärksten Software-Hersteller in der Schweiz. Plant man, irgendwann mal Synergien zu suchen und zu nutzen?
 
Richard Heinzer: Diese Frage müssen Sie nicht mir stellen, aber ich kann sagen, dass wir - zum beidseitigen Nutzen - vielfältige Kontakte haben, es aber zur Zeit zwei freundschaftlich verbundende separate Firmen sind.
 
Eine der grössten Herausforderungen für Schweizer Hersteller von Standard-Software ist, Partner zu gewinnen und gleichzeitig die Qualität zu halten. Wie gehen Sie da vor?
 
Daniel Wenger: Wir haben seit Anfang letztes Jahr damit begonnen, die Partner-Community systematisch aufzubauen. Wir konzentrieren uns auf die Entwicklung der Standard-Software. werden aber immer einen gewissen Stock an Service-Leuten haben müssen, um beispielsweise ein Projekt, das schief läuft, übernehmen zu können und um Partner auszubilden. Wir werden also einen Service-Bereich haben, das Geschäftsmodell ist aber, zusammen mit den Partnern zu wachsen.
 
Das Partnermodell ist im Aufbau. Noch haben wir viele Anfragen für Partnerschaften abgelehnt, denn wir wollen im ersten Jahr mit bestehenden Partnern wie BS Group, Elca, oder Exsigno zusammenarbeiten und daraus lernen.
 
Richard Heinzer: Die Firma muss sich mit wachsender Grösse entwickeln. Wir bildeten letztes Jahr erstmals eine Manager-User-Group mit den CEOs und CIOs der Kunden. Jetzt bauen wir User-Gruppen auf unteren Ebenen auf.
 
Die Firma muss reifen und wachsen, ohne dass wir die Qualitäten einer kleineren Firma verlieren. Doch man kann nicht wegdiskutieren, dass wir mit der wachsenden Firmengrösse und -Reife Freiheiten verlieren werden.
 
Von "E-Health" verspricht man sich grösste Einsparungen. Kann man diese quantifizieren?
 
Unsere Stellung im Gesundheitsmarkt wird so stark, dass wir uns selbstverständlich intensiv mit E-Health-Fragen befassen. Wenn ein so grosser Teil aller Transaktionen im Gesundheitswesen über unsere Software laufen, so haben wir die Pflicht, die Prozesse End-to-End anzuschauen und zu optimieren.
 
Daniel Wenger: Wir müssen sicherstellen, dass unsere Systeme so flexibel sind, dass die Vorgaben der Politik umgesetzt werden können. Bis jetzt konnten wir diese Vorgabe erfüllen. Würde man "E-Claim plus", das System für die hochautomatisierte Leistungsabrechnung, das wir für einen ganz grossen Kunden bauen, für alle Krankenversicherungen ausrollen, könnte man gemäss unserer Hochrechnung einen grossen, dreistelligen Millionenbetrag einsparen.
 
Hier sind wir bei einem ganz wichtigen Thema: Die grössten Einsparungen, zu denen wir als kleiner Player im Gesundheitsmarkt beitragen könnten, wäre die Standardisierung der elektronischen Leistungsabwicklung. Hier können wir mit unserer Stellung im Markt Lösungen anbieten, die im Dienste des ganzen Gesundheitssystems grosse Einsparungen ermöglichen würden. (Gespräch: Christoph Hugenschmidt)
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