Abschaffung der Netzneutralität in der Schweiz kein Thema

Debatte um Netzneutralität schwappt nach Europa. Schweizer Telekom-Anbieter halten sich zurück.
 
Die Verhandlungen zwischen den beiden amerikanischen Multis Google und Verizon über die vermeintliche Abschaffung der Netzneutralität sorgten nicht nur in den USA für grosse Diskussionen. Mit Netzneutralität wird die unveränderte und gleichberechtigte Übertragung von Datenpaketen beschrieben, unabhängig davon, woher diese stammen oder welche Programme diese generiert haben. Gestern meldete sich etwa der Verband Deutscher Kabelnetzbetreiber (Anga) zu Wort und sprachen sich für ein Ende der Netzneutralität aus. "Wir benötigen eine Kostenbeteiligung von Anbietern, die starken Datenverkehr verursachen", sagte der Chef des Verbandes.
 
Doch wie steht es um die Netzneutralität in der Schweiz? Eine Nachfrage von inside-it.ch bei vier grossen Telekommunikationsanbietern zeigt, dass diese (derzeit) nichts von den Forderungen des deutschen Verbands halten. Cablecom und Orange verweisen dabei vor allem auf ihre leistungsfähigen Netze, die noch längst nicht an ihren Kapazitätsgrenzen seien. "Dadurch, dass die Marktanteile im Vergleich zum Marktführer im Verhältnis 1:3 stehen, sind die Benutzer des Orange Netzes im Vorteil und Orange kann mit ihrem Netz trotz des starken Wachstums des mobilen Datenverkehrs dem einzelnen Benutzer ausreichend Kapazitäten bereit stellen", sagt etwa Orange-Sprecherin Marie Claude Debons. In dasselbe Horn stösst Cablecom. Das Glasfasernetz des Kabelnetzbetreibers sei für intensiven Datenverkehr ausgelegt und könne ohne Einschränkungen auch mehrere Internet-Anwendungen und HD-Fernsehprogramme transportieren.
 
Für Branchenprimus Swisscom ist der Zugang zum Breitbandnetz um so attraktiver, je mehr und bessere Inhalte erreicht werden können. "Wir haben daher kein Interesse daran, Internetinhalte zu blockieren oder deren Übertragung zu verlangsamen", sagt Swisscom-Mediensprecher Olaf Schulze auf Anfrage. Wie andere Netzbetreiber auch, müsse Swisscom aber gewissen Diensten, etwa Swisscom TV, auf dem IP-Netz Vorrang einräumen, damit deren Qualität gewährleistet werden könne. Bei anderen Internetdiensten wie Web-Browsing oder E-Mail sei dies nicht nötig, so Schulze weiter.
 
Nur Sunrise ist ehrlich
Sunrise hingegen betont, dass man den heutigen Breitbandverkehr sowohl auf dem Fest- als auch auf dem Mobilnetz neutral behandle. Neue Inhalte, etwa Streaming-Dienste, seien jedoch mit einem überdurchschnittlichen Breitbandbedarf verbunden und man investiere in den nächsten fünf Jahren rund 1 Milliarde Franken in den Ausbau der Infrastruktur. Sicher sei, "dass bei einem stetig steigenden Bedarf und sinkenden Preisen der Kapazitätsausbau der Netzwerkbetreiber zunehmend unattraktiver wird", sagt Roger Schaller, Mediensprecher von Sunrise. Szenarien zu einer verursachergerechten Verteilung der Investitionen seien für die Branche aber sicherlich denkbar, würden aber ein gemeinsames Vorgehen der gesamten Branche voraussetzen. Sunrise werde Aktivitäten zur Priorisierung bestimmter Datentypen "sicherlich prüfen", wenn die rechtlichen und regulatorischen Anforderungen dazu gegeben seien, so Schaller weiter.
 
Während das Trio Swisscom, Orange und Cablecom offiziell also nichts von einer bevorzugten Datendurchleitung, etwa gegen Bezahlung, wissen will, spricht Sunrise ganz offen davon, solche Möglichkeiten zu prüfen, sofern dies regulatorisch oder rechtlich möglich wäre. Das ist zumindest eine ehrliche Aussage, denn es ist wenig glaubwürdig, dass die anderen Anbieter eine solche Möglichkeit, ihre Netze schneller zu amortisieren, nicht zumindest prüfen würden. Ob die Bevorzugung von Daten zahlungskräftiger Internetanbieter dem Gemeinwohl zuträglich ist, steht allerdings auf einem anderen Blatt. (Thomas Bruehwiler)