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Donnerstag, 26.08.2010
Elektronisches Patientendossier weiterhin umstritten

Laut einer aktuellen Umfrage gibt es immer noch Bedenken, was die Missbrauchsmöglichkeiten des E-Patientendossiers betrifft. Derweil läuft in Genf ein E-Health-Projekt mit Vorbildcharakter für die EU.
 
In Bern wurde diese Woche der Swiss eHealth Summit 2010 abgeschlossen, eine Tagung zur Standortbestimmung und zum Informationsaustausch, die alljährlich von der nationalen Interessengemeinschaft eHealth in Bern durchgeführt wird. Getragen vor allem von namhaften Software-Anbietern auf diesem Gebiet sowie dem Bereich Gesundheitswesen der Post, steht die eHealth-Bewegung nun nach Jahren minutiöser Vorbereitungen davor, mit grossräumigen Pilotprojekten konkrete Resultate zu erzielen.
 
Komplexe Schweizer E-Health-Strategie
Die zeitraubenden und mühsamen Vorbereitungen wurden nicht in erster Linie infolge fehlender Lösungen technischer Probleme nötig, sondern ergaben sich vor allem aus der komplexen föderativen Struktur des Schweizer Gesundheitswesens. Darum hat der Bundesrat 2007 die "Strategie eHealth Schweiz" verabschiedet. Diese sieht vor, bis 2015 ein Gesundheitsportal für qualitätsgesicherte Online-Informationen zu schaffen, über das alle schweizerischen Einwohner Zugang zu ihren bis dahin zu erstellenden elektronischen Patientendossier erhalten sollen. Dazu wurde dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) die Geschäftsstelle für ein noch zu schaffendes Koordinationsorgan eHealth angegliedert.
 
Dieses Organ ist erforderlich, weil das Gesundheitswesen in unserem Land primär eine Domäne der 26 Kantone mit unterschiedlich ausgestalteten gesetzlichen Vorschriften ist. Zudem wird das schweizerische Gesundheitswesen finanziell von Dutzenden privat organsierter Krankenkassen alimentiert. Diese gehören darum an prominenter Stelle zu den im Behördenjargon "Leistungserbringer" genannten Trägern der Gesundheitsdienste, also Spitäler, Arzt- und Therapeutenpraxen, Pflegeeinrichtungen und Apotheken.
 
Als Erstes wurden die Spezifikationen für eine in der Schweiz und auch der Europäischen Union (EU) gültigen Versichertenkarte erarbeitet, die 2010 allen krankenversicherten Personen in der Schweiz von ihrer Versicherung zugestellt werden muss. Diese Versichertenkarte soll ihren Träger authentifizieren und freiwillig wählbare persönliche Information - beispielsweise Blutgruppe oder bekannte Allergien - aufnehmen können. Bereits hier ergaben sich indes Diskrepanzen, da einzelne Kassen sich weigerten, ihre Karten mit dem dazu notwendigen Chip auszurüsten.
 
Stimmen zum elektronischen Patientendossier
Am e-Health Summit wurden neben eher technischen Aspekten, beispielsweise Telemedizin, auch die Ergebnisse einer Umfrage vorgestellt, in der eruiert wurde, welche Sorgen der Ärzteschaft bei der Umsetzung von E-Health-Projekten berücksichtigt werden sollten. Die Autoren stammen aus dem Inselspital Bern, dem Psychiatriezentrum Wetzikon und der Universitätsklinik CHUV in Lausanne, angefragt wurden 3567 Adressen in der ganzen Schweiz und es wurde eine Rücklaufquote von beachtlichen 18,1 Prozent erzielt (646 auswertbare Antworten). Die Antwortenden verteilten sich auf zehn verschiedene Fachgebiete, wobei Allgemeinmedizin (40,2 Prozent) und Innere Medizin (22,3 Prozent) die weitaus überwiegende Mehrzahl ausmachten.
 
Die klare Mehrheit war der Ansicht, dass E-Health staatlich gesteuert und national einheitlich zu organisieren sei. Mehr als drei Viertel der Teilnehmer bejahten, dass der Patient das Lese- und Schreibrecht in seinem Dossier vorgängig regeln solle. Über vier Fünftel der Antwortenden waren der Ansicht, dass vor allem Spital- und Praxisärzte sowie die Patienten selbst von einer lebenslangen Krankengeschichte profitieren, weniger jedoch die Versicherer sowie pflegerische und paramedizinische Berufe und Behörden.
 
88,2 Prozent der Befragten äusserten Bedenken wegen Missbrauchsmöglichkeiten; 5,8 Prozent befürchten höheren zeitlichen und administrativen Aufwand und 46,6 Prozent sorgten sich um Zusatzkosten für die Ärzteschaft. Mehr als drei Viertel der Befragten sind überzeugt, dass das elektronische Patientendossier entsprechend den Anforderungen des ärztlichen Alltags zu strukturieren sei und dass sich die Effektivität medizinischer und administrativer Abläufe dadurch verbessern würde.
 
In der anschliessenden Diskussion der Umfrageergebnisse wurde bekräftigt, dass eine Notwendigkeit für ein online zugängliches Patientendossier bestehe, aber es wurden Bedenken insbesondere wegen der Missbrauchsmöglichkeiten unter dem Stichwort des "gläsernen Patienten" erhoben. Am unterschiedlichsten waren die Antworten in Bezug auf die Zugriffregelungen. Schreiberecht, so wurde festgestellt, sollten in erster Linie die behandelnden Ärzte und Notfallärzte haben, hingegen wurde das Leserecht der Patienten mehrheitlich begrüsst.
Wie geht es weiter mit der Schweizer E-Health-Strategie? Noch in diesem Jahr wird dazu eine bundesrätliche Antwort auf eine parlamentarische Anfrage durch Nationalrätin Ruth Humbel (CVP) erwartet.
 
Pilotprojekt e-toile
Im Kanton Genf wird nächsten Monat unter der Bezeichnung e-toile sowohl ein Patientenportal als auch ein Portal für alle Leistungserbringer, die dem Projekt angeschlossen sind, eröffnet. Zunächst sollen die Versicherten in vier Kantonsgemeinden, insgesamt rund 30'000 Personen, in diesem Patientenportal zusammen mit einem frei wählbaren Vertrauensarzt ihr elektronisches Patientendossier anlegen können. In diesem Dossier werden ihre Krankengeschichte, ärztliche Berichte, Atteste und Verordnungen, Laborresultate und die Ergebnisse von Untersuchungen mit bildgebenden Verfahren gespeichert. Weil es sich dabei um teilweise hochsensible persönliche Daten handelt, werden diese unter fünf Geheimhaltungsstufen - von öffentlich bis geheim - verschlüsselt gespeichert. Diese dezentrale Speicherung erfolgt unter vergleichbaren Sicherheitsvorkehrungen, wie dies bei Bankdaten der Fall ist. Jeder Patient hat bei Arztbesuchen und wenn er einen entsprechenden Kartenleser besitzt - in Post-Shops kostengünstig erhältlich -, auch am eigenen PC Lesezugang zum eigenen Patientendossier. Schreibezugang erhalten mit entsprechender Berechtigung die verschiedenen Leistungserbringer über eine besondere Karte, die von der Verbindung der schweizerischen Ärzte und Ärztinnen (FMH) abgegeben wird.
 
Dieses Pilotprojekt wird von der Post und dem Departement für Wirtschaft und Gesundheit des Kantons Genf geleitet, als Lieferanten waren hauptsächlich die Softwarefirmen Elca (Integration), Cisco (Kommunikation) sowie Adnovum (Sicherheit) beteiligt. Nach einem erfolglosen ersten Anlauf konnte dieses Projekt - dem erstmals sämtliche Leistungserbringer und die Patienten angeschlossen sind - nach einer erfolgreichen Volksabstimmung über die Anpassung der gesetzlichen Bestimmungen im Jahr 2008 nun realisiert werden. e-toile soll zunächst 16 Monate lang betrieben und dann evaluiert werden. Für die Schweiz hat dieses Projekt Modellcharakter und wird darum vom BAG und den kantonalen Gesundheitsdirektionen scharf beobachtet. Weil die föderative Struktur des schweizerischen Gesundheitswesens mit seinen 26 Kantonen ähnlich komplex ist wie in der EU mit ihren 27 nationalen Mitgliedern, soll e-toile als Referenzprojekt für den e-Health-Projektverbund der EU (epsos) nominiert werden. (Gregor Henger)
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