/ch/open: Solothurner Anti-Linux-Entscheid "willkürlich"

Solothurner Regierung ignoriert eigene Experten, meint /ch/open.
 
Die Swiss Open Systems User Group /ch/open protestiert scharf gegen den letzte Woche bekannt gewordenen Entscheid der Solothurner Regierung, Linux wieder flächendeckend von den Desktops der Kantonsangestellten zu verbannen und Windows 7 einzuführen. Noch in diesem Sommer hatte Solothurn zwar eine Abkehr von der reinen Open-Source-Strategie beschlossen, aber stattdessen von einer dualen Strategie mit Linux und Microsoft als Basis gesprochen.
 
Der Verein /ch/open, der sich die Förderung des Einsatzes offener und freier Systeme auf die Fahnen geschrieben hat, nennt nun den aktuellen Entscheid in einer Pressemitteilung "willkürlich". Der Regierungsrat habe damit die bisherige IT-Strategie völlig überraschend über den Haufen geworfen und sich gegen die Empfehlungen der von ihm selber beigezogenen IT-Experten entschieden. Der Verein fordert den Regierungsrat nun dazu auf, detailliert seine Gründe für den Entscheid bekannt zu geben. Ausserdem solle ein allfälliges Nachfolge-Betriebssystem im Rahmen einer "korrekten öffentlichen Ausschreibung" - mit funktionalen Anforderungen aber ohne Nennung von Produkt- und Herstellernamen – beschafft werden.
 
Regierungsrat machte rechtsumkehrt
Um seine Meinung zu untermauern, zitiert /ch/open ausführlich aus einer erst fünf Wochen alten Stellungnahme des Regierungsrats zu einer Interpellation der CVP/EVP/glp-Fraktion. Auf die Frage "Ist es denkbar, dass man sich völlig von Linux verabschiedet?" schrieb der Regierungsrat damals: "Die Experten empfehlen, die bisher gewählte Ausrichtung auf offene Systeme und Linux nicht zu ändern, sondern nur die bisher gewählte Art und Weise der Umsetzung der Linux-Desktop-Strategie zu korrigieren … Eine 'Verabschiedung' von Linux wäre gemäss Aussagen der Experten als Rückschritt einzustufen. Diese Empfehlung erachten wir als fundiert begründet und nachvollziehbar, weshalb eine Strategieänderung nicht in Erwägung gezogen wird."
 
/ch/open räumt ein, dass es bei der Migration auf die Linux-Desktops "Verzögerungen bei der Umsetzung gab, gewisse Software-Probleme auftraten und einige Mitarbeiter unzufrieden mit der neuen Benutzerschnittstelle waren." Die Probleme seien aber nicht grösser gewesen, als bei vergleichbaren Projekten dieser Grössenordnung. Der Verein kritisiert auch, dass die Kosten der Migration auf Windows 7 nicht genau beziffert wurden und dass der Rausschmiss der Linux-Desktops so kurz vor dem Abschluss des Projekts beschlossen wurde. Auf 1300 der rund 2000 Arbeitsplätze wurde bereits unter Linux gearbeitet, der Rest hätte nach der usprünglichen Planung bis Anfang 2011 folgen sollen.
 
Als "geradezu perfid" bezeichnet /ch/open zudem "Anschuldigungen", welche die wichtigsten Vorteile eines Linux-Einsatzes in Abrede stellen würden. So sei öffentlich verschiedentlich die Aussage des für die Migration zuständigen Amts für Informatik und Organisation in Zweifel gezogen worden, mit dem Einsatz von Linux liesse sich pro Jahr mindestens 1 Million Franken sparen.
 
In der erwähnten Stelllungnahme des Regierungsrats aus dem August heisst es dazu: "Die Gutachter erachten die bisher erwähnten Einsparungen von 1 bis 1,5 Millionen Franken jährlich als plausibel." Ein Teil dieser Einsparungen, wird allerdings eingeschränkt, sei darauf zurückzuführen, dass die Microsoft-Produktpalette des Kantons in den letzten Jahren nicht mehr modernisiert wurde. Die Kosten für Upgrades von Microsoft-Anwendungen würden nun teilweise in Zukunft entgegen der bisherigen Annahme doch anfallen. (Hans Jörg Maron)