IT-Probleme bei den RAVs

Informationssystem Avam funktioniert offenbar nicht so, wie es sollte. IBM wehrt sich gegen Vorwürfe.
 
Heute ist erneut eine Geschichte über ein problematisches Informatik-Projekt für eine Behörde ans Licht gekommen. Nach dem Korruptionsverdacht beim Bundesamt für Umwelt und dem angeblich aus dem Ruder gelaufenen IT-Projekt der Ausgleichskassen geht es nun um ein fehlerhaftes System bei den regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV), wie der 'Tages-Anzeiger' heute berichtet. Nach einem kürzlich beantragten Nachtragskredit von 4,4 Millionen Franken stiegen die Gesamtkosten des Projekts auf über 60 Millionen Franken. Wie bei den Ausgleichskassen spielt auch in diesem Fall der IT-Riese IBM eine Rolle.
 
Die Einführung des neuen Informationssystems Avam sorge seit mehreren Jahren für Ärger, schreibt der 'Tagi'. Bereits nach der Vergabe eines grossen Teilauftrags zur Programmierung habe das Finanzdepartement eine Administrativuntersuchung beim Bundesamt für Informatik und Telekommunikation (BIT) eingeleitet. Der externe Gutachter stellte fest, dass zwei BIT-Mitarbeiter offenbar "enge Beziehungen zur Gewinnerin" hatten und dass bei der Auftragsvergabe "zahlreiche Fehler" gemacht worden seien. Weil strafrechtlich aber nichts vorlag, erhielt die fragliche Firma den Auftrag dennoch.
 
Die vom BIT geplante Einführung des neuen Systems vor zwei Jahren gelang nicht, weil der Kernteil des Systems, auf dem die 3800 Nutzer in den RAVs die Dossiers der Stellensuchenden und der Arbeitgeber hätten verwalten sollen, nicht funktionierte. Auch nachdem Avam im Juni 2009 eingeführt worden sei, stürzte das System dauernd ab und funktionierte nicht einwandfrei. Noch heute ist das System anscheinend weiter fragil, obwohl 80 Prozent der Nutzer mit der Zuverlässigkeit zufrieden sind. Seit der Einführung wurden immerhin über 100 Fehler beanstandet.
 
Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), welches die Federführung hat, macht gegenüber dem 'Tagi' eine IBM-Software für die Probleme verantwortlich. Der US-amerikanische IT-Riese, der im Falle der Ausgleichskassen noch verlauten liess, dass man "grundsätzlich" keine geplanten, laufenden oder abgeschlossenen Projekte kommentiere, sah sich offenbar doch gezwungen, zu diesem Fall Stellung zu nehmen. "Wir verwahren uns gegen den Vorwurf, unsere Software WebSphere sei für die erwähnten Probleme verantwortlich", so IBM-Sprecherin Susan Orozco im 'Tagi'. Offenbar hat "Big Blue" beim Seco interveniert. Jedenfalls überarbeitete dieses kurz nach der Anfrage des 'Tagis' bei IBM seine Antworten. Das Problem sei "die Komplexität beim Zusammenspiel verschiedener Hardware- und Softwarekomponenten" gewesen, hiess es nun.
 
Das Seco hat zudem ein weiteres Problem bei den Arbeitslosenkassen, welche wie die RAVs ein Datenmanagementsystem auf der Basis von Filenet erhalten sollen – acht Westschweizer Kassen wollen aber ihre alte Groupdoc-Software behalten. Nun ist die Einführung von Filenet bei den Kassen aus finanziellen Gründen gestoppt. (mim)