IBM will das Gesundheitswesen modernisieren

Big Blue stellt Smarter Health Systems vor.
 
Das Schweizer Gesundheitswesen steckt, wie dasjenige vieler anderer Länder, in einer ausweglos scheinenden Klemme. Die Gründe sind bekannt, und der Effekt besteht darin, dass die Kosten für das Gesundheitswesen jedes Jahr viel stärker steigen als das Wachstum unserer Wirtschaft. An einer Medienveranstaltung im europäischen Hauptquartier in Zürich versuchte IBM, unter dem Stichwort "Smarter Health Systems" einen gangbaren Weg aus dem Gestrüpp der politischen, ökonomischen, demografischen und medizinischen Widersprüche in unserem Gesundheitswesen aufzuzeigen.
 
Smarter Health Systems ist jedoch kein Patentrezept, sondern ein komplexes und flexibles Konzept für das optimale Zusammenwirken am Gesundheitswesen Beteiligter: Die Patienten, dazu die Kostenträger wie Versicherungen und Krankenkassen, die Ärzteschaft und das Pflegepersonal sowie Spitäler, Arztpraxen und Pflegeeinrichtungen. Das umfassende Instrumentarium zu Smarter Health Systems liefert die medizinische und betriebswirtschaftliche Informations- und Kommunikationsindustrie (ICT).
 
Instrumented, Interconnected, Intelligent
Getragen wird dieses Konzept im Jargon von IBM von drei englischen ICT-Fachbegriffen: Instrumented, Interconnected, Intelligent. Unter Instrumented sind neuartige und weitgehend automatisierte Messungen zu verstehen, die über mobile Geräte am Patienten vorgenommen werden, beispielsweise die automatische Ermittlung der Vitalcharakteristika wie Körpergewicht, Puls und Blutdruck, oder verschiedenartiger Laborwerte. Die dazu erforderliche Technologie - sowohl Hardware wie Software - ist schon in nahezu serienreifer Entwicklung vorhanden, beispielsweise das von der IBM-Forschung erarbeitete "Labor on a Chip".
 
Zum Begriff "Interconnected" gehört, dass diese Messwerte über das Internet an die zuständige Arztpraxis oder das Spital übermittelt werden und dort ausgewertet und in der elektronischen Patientenakte abgelegt werden. Diese Auswertungen können, da es sich in der Regel um Routinevorgänge handelt, von Hilfspersonal vorgenommen werden, qualifiziertes Personal muss beispielsweise nur zur Reaktion auf abnorme Messresultate zugezogen werden.
 
"Intelligent" bezieht sich auf die Gestaltung der Software, und zwar sowohl im medizinischen wie im betriebswirtschaftlichen Bereich. So kann beispielsweise im Fall von abnormen Messwerten ein Patient per Mausklick mit angemessener Dringlichkeit zu einer Konsultation bei seinem behandelnden Arzt bestellt werden. Oder der Medikamentenbestand in einem Spital oder einer Pflegeeinrichtung wird ebenso automatisch bewirtschaftet wie die Hotellerie.
 
Noch fehlende ICT-Infrastruktur
Die Einführung solcher Smarter Health Systems ist an eine ICT-Infrastruktur gebunden, die in der Schweiz erst in Ansätzen am Entstehen ist. Zwar besteht seit Juni 2007 eine vom Bundesrat erlassene E-Health-Strategie Schweiz, und dieses Jahr wurde in unserem Land mit der Ausgabe einer einheitlichen, auch im EU-Gebiet gültigen Krankenversicherungskarte begonnen.
 
Doch andere ICT-Infrastruktureinrichtungen fehlen noch völlig, insbesondere das in der Ärzteschaft aus nur teilweise nachvollziehbaren Gründen umstrittene elektronische Patientendossier (EPD). Diese zentrale Komponente einer wirksamen E-Health-Strategie wird derzeit in drei Pilotprojekten in St. Gallen, Basel-Stadt und Genf evaluiert. Nachvollziehbar ist deren mangelnde Unterstützung durch die Ärzteschaft nur in Bezug auf den anerkanntermassen erhöhten Zeitaufwand, den die Ersterfassung eines EPD erfordert. Dazu ist jedoch anzumerken, dass erst 20 Prozent der schweizerischen Arztpraxen über eine effiziente elektronische Patientendokumentation verfügen.
 
Wir rühmen uns eines sehr gut ausgebauten - aber auch sehr teuren - Gesundheitswesens. In Bezug auf die Digitalisierung der medizinischen Versorgung nimmt die Schweiz in Europa jedoch einen hinteren Rang ein, dabei wäre dies eine wesentliche Voraussetzung zur Effizienz- und Qualitätssteigerung in diesem Bereich. Andere europäische Staaten, wie beispielsweise Dänemark oder die Niederlande, sind da schon sehr viel weiter. (Gregor Henger)