IPv6: Hysterie oder Lethargie?

Schweizer Internet-Provider nur zum Teil IPv6-ready.
 
Dass die IP-Adressen des "alten" Internet-Protokolls IPv4 knapp werden, ist kein Geheimnis. Im Februar dieses Jahres wurden die letzten fünf IPv4-Adressblöcke an die regionalen Internetadressverwaltungen übergeben. Damit steht jeder der fünf "Regional Internet Registries" (RIR) noch ein Block mit je rund 16,7 Millionen IPv4-Adressen zur Verfügung. Experten rechnen damit, dass dieser Vorrat je nach Verwalter in zwei bis sieben Monaten aufgebraucht sein dürfte. Danach ist Schluss - und Provider oder Webseitenbetreiber erhalten nur noch Adressen nach dem neuen IPv6-Standard.
 
Für Internetnutzer und Webseiten-Betreiber führt das früher oder später zu Problemen, zum Beispiel wenn der eigene Internetprovider IPv6 noch gar nicht unterstützt. Webseiten, die ausschliesslich via IPv6 erreichbar sind, kann der Nutzer in diesem Fall nicht mehr aufrufen und erhält stattdessen eine Fehlermeldung.
 
Caceda: "Wir beteiligen uns nicht an der Hysterie"
Anlässlich einer Umfrage von inside-it.ch zeigen sich die befragten Schweizer Internet-Provider Cablecom, Cyberlink, Netstream, Sunrise, Swisscom und VTX betreffend der Einführung von IPv6 mehrheitlich gelassen. Man beteilige sich nicht an der derzeit herrschenden "Hysterie" betreffend IPv6, so etwa Alex Caceda von Netstream stellvertretend für die Branche. Sowohl bei Netstream wie auch bei Cyberlink und UPC Cablecom ist die gesamte Kern-Infrastruktur aber bereits IPv6-fähig, wie die Unternehmen betonen.
 
Sunrise und Swisscom geben sich in ihren Antworten jedoch deutlich zurückhaltender. So wollten beide nicht kommentieren, ob ihre Infrastruktur bereits IPv6-ready ist. Während Sunrise angibt, in der Planungsphase zu sein, und "das Thema in den nächsten Jahren koordiniert mit dem Rest der weltweiten Internetgemeinde angehen" will, heisst es seitens Swisscom, dass man "bereits vor zwei Jahren entsprechende Massnahmen zur Umstellung eingeleitet" habe. Auch auf die Frage, ob die Unternehmen bereits per IPv6-erreichbare Dienste betreiben, erhielten wir lediglich ausweichende Antworten. Erste Produkte für den Privatkundenmarkt seien in Entwicklung, heisst es seitens Swisscom, während Sunrise lediglich schreibt, "zu gegebener Zeit" entsprechende Produkte lancieren zu wollen.
 
IPv6-fähige DSL- und Cablemodems lassen auf sich warten
Das Problem der "grossen" Provider dürfte sich dabei vor allem um die Endgeräte drehen. Während Betriebssysteme wie Windows, Mac OS oder Linux bereits seit längerem mit IPv6 umgehen können und Router und Switches von Providern grösstenteils per Update modernisierbar sind, sieht es bei den heute zu Hunderttausenden an die Kunden verteilten DSL- und Cablemodems nach wie vor schlecht aus. Der allergrösste Teil der Modems verfügt nämlich über keine IPv6-Implementierung, kann also mit dem neuen Adressierungsraum gar nicht umgehen. Dies betrifft erstaunlicherweise auch aktuelle, im Handel erhältliche Geräte. Hier sind ganz klar Netstream und Cyberlink am weitesten, die angeben, zusätzlich bereits IPv6-Adressen an DSL-Endkunden zu vergeben, beziehungsweise dies noch im ersten Halbjahr 2011 tun zu wollen. Der Kabelnetzbetreiber UPC Cablecom folgt im kommenden Jahr.
 
Im Businesskunden-Bereich (xDSL, Serverhousing, Standleitungen und so weiter) ist die Situation hingegen entspannter. Hier geben alle Provider unisono an, bereits über entsprechende Angebote zu verfügen - auch wenn dies nicht in allen Fällen proaktiv kommuniziert wird. (Thomas Brühwiler)