8 Gigagbyte Chancengleichheit

Statt teure Schulcomputer anzuschaffen, könnten Schulen auch Memorysticks abgeben. Eine Schweizer Entwicklung auf der Basis von quelloffener Software verspricht einiges Potenzial.
 
Dass die Förderung der ICT-Kompetenzen wichtig ist, zeigte sich gerade heute wieder. Oft stösst die Umsetzung dieses Vorsatzes aber an praktische Grenzen: IT-Infrastruktur ist teuer und wartungsintensiv, Lehrpersonen sind mit dem Rechtemanagement oft überfordert und nicht zuletzt ist der Umgang mit persönlichen Daten der SchülerInnen eine Herausforderung, ganz zu Schweigen vom Entscheid für oder gegen Linux. Eine Entwicklung der Fachhochschule Nordwestschweiz könnte einige dieser Probleme bewältigen: Mit dem so genannten Lernstick.
 
Beim Lernstick handelt es sich um einen USB-Speicherstick mit empfohlenen 8 Gigabyte Mindestgrösse, auf dem das Linux-Derivat Debian als Betriebssystem läuft, das auf fast jedem Computer mit Intel-kompatiblem Chip und 250 Megabyte RAM gestartet werden kann. Auf dem Stick findet sich zudem eine umfangreiche Liste von quelloffenen Programmen: Übungen fürs Bruch- und Prozentrechnen, Stern- und Karteikärtchen, aber auch eine erste Programmierumgebung für Kinder und Java-Programmierung für Ältere und ein komplettes Bürosoftwarepaket. Alle Nutzerdaten werden direkt auf den Lernstick geschrieben.
 
Lernumgebung auf einer alten Viren-Schleuder
"Schülerinnen und Schüler haben so alle ihre Daten dabei und nutzen ohne Synchronisierung zu Hause genau dieselbe Lernumgebung wie in der Schule", erklärt Jürg Gasser, Projektleiter Lernstick bei Educa, dem Schweizer Medieninstitut für Bildung und Kultur, gegenüber inside-it.ch. Weitere Vorteile liegen auf der Hand: Es fallen keine Lizenzgebühren an, die Verwaltung von Userkonten fällt weg und es braucht keine einheitliche Hardwareumgebung.
 
Das funktioniert auch zu Hause: Die automatische Hardwareerkennung erlaubt es, den Stick mit fast jedem beliebigen Rechner zu starten - sogar wenn es sich um ein altes Notebook handeln sollte, auf dem sonst ein virenverseuchtes Windows 2000 ohne Servicepack gestartet würde.
 
Im Einsatz an 30 Schulen
Entwickelt wurde der Stick an der Fachhochschule Nordwestschweiz, die ihn zusammen mit Educa in der Schweiz bekannter machen will. So wird der Lernstick auf einer heute aufgeschalteten neu gestalteten Webseite beworben oder an einer Tagung in Zürich am kommenden Samstag vorgestellt.
 
Bereits im Einsatz ist der Lernstick in der Deutschschweiz an etwas über 30 Schulen. "Wir haben laufend Anfragen von Schulen", sagt Gasser von der Educa. Mit dem Lernstick bietet Educa eine verhältnismässig einfach einzuführende Lösung, die gleichzeitig an die Bedürfnisse angepasst werden kann. Laut Gasser hätten sich zum Beispiel mehrere Schulen entschieden, neben Linux auch Windows als Dualboot-Lösung darauf zu installieren.
 
Lernstick auf der Festplatte
Noch einen Schritt weiter ging im Frühling Basel-Stadt, wo das ICT-Zentrum der Basler Schulen aus 100 ausrangierten Schulcomputern ein komplettes Software-Hardware-Bundle kreierte: Statt auf einem Memorystick wurde der Inhalt des Lernsticks direkt auf die Festplatte gespielt und die Rechner zusammen mit Flachbildschirm, Tastatur, Maus und allen nötigen Kabeln verkauft. "Für 60 Franken haben wir diese Computer via die Lehrpersonen an Familien abgegeben, die sich keinen PC leisten können", erklärt Markus Bäumler vom ICT-Zentrum. (Philippe Kropf)