PostFinance: Lieber Tata statt IBIS, Avaloq oder Finnova

Der gelbe Finanzdienstleister steht vor umfangreichen Softwareprojekten. In zwei von drei Fällen wird die Schweizer Bankensoftware Avaloq bereits wieder abgelöst.
 
An einer Medienorientierung in Bern sprach der CIO von PostFinance, Enrico Lardelli (Foto), über den im Sommer getroffenen Software-Entscheid zu Gunsten des indischen IT-Riesen Tata Consultancy Services (TCS). PostFinance löst mit der Zahlungsverkehrslösung TCS BaNCS ein seit 1993 bestehendes System ab, das mit Hilfe von Paranor entwickelt wurde. Die Migration soll 2015 abgeschlossen sein. Spekulationen, der Deal sei 50 Millionen Dollar wert, wurden von PostFinance nicht kommentiert.
 
Cobol statt Ada?
Wie Lardelli sagte, habe man ursprünglich rund 15 verschiedene Lösungen evaluiert. Am Schluss befanden sich noch TCS und Hewlett-Packard im Rennen - sieben Monaten lang wurden die beiden Varianten intensiv getestet, letztlich habe man sich für TCS BaNCS entschieden, weil man bei HP einen grossen Teil selber hätte entwickeln müssen, wie Lardelli gegenüber inside-it.ch erklärte. Die Variante HP hätte bedeutet, dass PostFinance für die Kontoführung die Bankenlösung IBIS3G eingesetzt hätte, beim eigentlichen Zahlungsverkehr aber selber eine Lösung hätte entwickeln müssen.
 
Das mittlerweile veraltete Zahlungsverkehrs-System basiert grösstenteils auf der in den siebziger Jahren entworfenen Programmiersprache Ada - doch mit TCS BaNCS könnte sich PostFinance potenziell die noch ältere Programmiersprache Cobol an Bord holen. Tatsächlich wurde der Core-Bereich von TCS BaNCS mit Cobol geschrieben, doch mittlerweile werde dieser in Java umgeschrieben, so Lardelli. Man sei der Meinung, dass man dereinst auf die Java-Version migrieren könne. Laut dem Migrationsplan werden zuerst die Bereiche Fonds und Payments und erst am Schluss (2015) der Core implementiert.
 
Für TCS ist der Deal mit PostFinance ein Prestige-Projekt für den Schweizer Markt, denn hierzulande setzen gemäss Lardelli bisher nur etwas mehr als ein Dutzend kleinere Privatbanken auf die indische Software. TCS wollte den Auftrag unbedingt, was auch die Tatsache zeigt, dass der indische CEO Natarajan Chandrasekaran ("Chandra") höchstpersönlich zwei Mal in die Schweiz reiste, um den PostFinance-CIO zu überzeugen. PostFinance schaute sich zudem die Installation bei der Société Générale in Paris an, die bislang gute Erfahrungen mit TCS gemacht habe.
 
Abschied von Avaloq
Seit 2004 hat PostFinance auch die Zürcher Bankensoftware Avaloq im Einsatz, und zwar ursprünglich im Kreditgeschäft und im sogenannten Passivgeschäft (Finanzanlagen, Devisengeschäft). Damals ging man noch davon aus, die Banklizenz möglichst bald zu erhalten. Doch daraus wurde nichts und so änderten sich auch die Bedürfnisse des gelben Finanzdienstleisters. Gleichzeitig habe sich Avaloq "nicht so entwickelt wie angenommen", so Lardelli.
 
PostFinance hat sich nun nicht nur gegen die Berner Bankensoftware IBIS3G, sondern auch gegen die Schweizer Marktführer Avaloq, wie auch gegen Finnova entschieden. Vor einem Jahr schon hatte PostFinance im Kreditgeschäft ein Projekt zur Ablösung von Avaloq und Einführung von Finnova gestoppt. Als Grund wurden damals zu hohe Kosten genannt, doch es dürfte auch eine Rolle gespielt haben, dass PostFinance mit der "Andockung" an die Finnova-Migration von Valiant die eigenen Bedürfnisse nicht genug abgedeckt sah.
 
Nach dem danach getroffenen Entscheid für WinCredit im Kreditgeschäft und dem nun unterschriebenen Vertrag für die Erneuerung des Zahlungsverkehrs wird voraussichtlich Ende 2011 oder Anfang 2012 der Entscheid zur Ablösung von Avaloq im Passivgeschäft erfolgen. Avaloq als Insellösung zu betreiben, mache keinen Sinn, sagt Lardelli. Das Projekt zur Ablösung des letzten Avaloq-Teils dürfte voraussichtlich etwa ein Jahr dauern, da das Passivgeschäft nicht so komplex ist wie der Zahlungsverkehr. Es darf vermutet werden, dass auch in diesem Fall TCS wieder zum Zug kommen wird. (Maurizio Minetti)
 
(Interessenbindung: Avaloq ist als "Sponsor" ein Werbekunde unseres Verlags.)