Technologie-Partner
Gold-Sponsor:
Dienstag, 04.10.2011
Millionenprojekt FAMOZ/ELUSA: Zürcher Stadtrat zieht Reissleine

martin waser stadtrat zürich
Die mangelhaft arbeitende Sozialamtssoftware FAMOZ doch noch zurechtzuzimmern hätte mehr gekostet, als es gebracht hätte, sagt Stadtrat Martin Waser zu inside-it.ch. Aber: "Die Mitarbeitenden können gut damit leben."
 
Dabei gab es doch einen so schönen Scrum/Hermes-Projektplan für das Projekt "ELUSA" mit 16 "Sprints", genau festgelegten "Phasenübergängen" und "Entscheidungspunkten" und allem, was dazugehört. Dieser, und wahrscheinlich haufenweise andere Folien, Pläne und Powerpoints, deren Erstellung einige Millonen Franken gekostet hat, sind nun Makulatur: Der Vorsteher des Zürcher Sozialdepartements, Stadtrat Martin Waser (Foto), hat sich dazu entschieden, das IT-Projekt "ELUSA" zu beenden, wie gestern mitgeteilt wurde.
 
Erst vor sechs Wochen herrschte noch Aufbruchstimmung: Der Stadtrat hatte gerade weitere sechs Millionen Franken bewilligt, um das Softwareprojekt ELUSA (Elektronisch unterstützte soziale Arbeit) zu realisieren und abzuschliessen. Die Analyse und Konzeptphase von "FAMOZ 2", wie ELUSA vorher hiess (sowie die Realisierung eines Teilprojekts für das Alimentenwesen), hatte bereits 6,4 Millionen Franken gekostet. Im Rahmen dieses Projektes hätte die 2008 im Rahmen des mittlerweile berühmt-berüchtigten Projekts "FAMOZ" (Fallmanagement Modell Zürich) eingeführte Sozialamtssoftware, die deutliche Mängel aufweist und die ursprünglichen Projektvorgaben nie erfüllen konnte, doch noch zurecht gezimmert werden sollen. Dafür wäre ein umfangreiches Neudesign und eine Modernisierung der Architektur notwendig gewesen.
 
Der neu im Projekt involvierte IT-Dienstleister Bedag habe nun aber seit August "noch einmal ganz genau hingeschaut" so Waser heute zu inside-it.ch, und sei zum Schluss gekommen, dass die Realisierung von ELUSA deutlich teurer werden und länger dauern würde, als bisher budgetiert. Damit sei die Rechnung einfach gewesen: Das Projekt hätte schlicht mehr gekostet als der zusätzliche Arbeitsaufwand, den die Mitarbeitenden des Sozialdepartements heute leisten müssen, um die vorhandenen Schwächen von FAMOZ durch Notlösungen auszugleichen.
 
Bedag ist durch die Übernahme der Software KiSS von Born Informatik, dem Kernbestandteil von FAMOZ/ELUSA, seit Anfang August in das Projekt involviert. Bedag, so heisst es in der Mitteilung, habe bei der Überprüfung der von der Born Informatik gestellten Offerte für die Realisierung von ELUSA festgestellt, dass der Aufwand für den Dienstleister drei- bis viermal höher gewesen wäre, als gerechnet.
 
Was bleibt von den Millionen?
Von der zuletzt bewilligten Tranche von sechs Millionen Franken muss nun der grösste Teil nicht ausgegeben werden. Bisher kosteten die Projekte FAMOZ und ELUSA aber bereits über 23 Millionen Franken. Alles verloren? Für Martin Waser ist dies keineswegs der Fall. Die Software biete nach dem heutigen Stand "rund 75 Prozent" der ursprünglich angestrebten Funktionalitäten. Man habe die Mitarbeitenden des Departements informiert, und diese, so der allgemeine Tenor der Reaktionen, könnten damit "gut leben". Einer der zentralen wunden Punkte der ursprünglichen Version, die fehlende Compliance beziehungsweise Revisionssicherheit bei der Fallführung sei mittlerweile behoben. Die Supportkosten wurden im Vergleich zu den abgelösten früheren Applikationen ungefähr halbiert, auf jetzt noch 734'000 Franken. Und zudem habe man im Rahmen der Projekte die internen Prozesse verbessert und sei nun gut aufgestellt für die Zukunft.
 
Trotz alledem wird man nicht ewig bei der jetzigen Lösung bleiben können, da stimmt auch Waser zu. Mit Bedag wurde aber eine Wartungsvertrag für die jetzige Lösung bis 2019 abeschlossen. Das verschafft eine längere Verschnaufpause, auch wenn man natürlich nicht bis dahin warten kann, um ein neues Projekt anzupacken. (Hans Jörg Maron)
Kommentar schreiben

Kommentare:
Heinz Wehrli 04.10.2011 14:58 Wenn ich lese, wie avantgardistisch-abenteuerlich man sich hier aus der Krise manövrieren wollte, verwundert mich nichts mehr.
 
Jetzt gehört dieses abgebrochene Projekt zu dem letzten Drittel aller Projekte und ist dort in guter Gesellschaft.
 
Erfolgreiches Projektmanagement ist kein Hobby, das jeder kann oder mittels einem Multiple-Choice-Kurs lernen kann, sondern beinhaltet vor allem viel Erfahrung und muss als echte Passion gelebt werden.
André Schild 04.10.2011 18:23 Wenn ein Projekt in dieser Grössenordnung mit Opensource Schiffbruch gegangen wäre, dann wäre von vornherein klar gewesen das Opensource der Grund dafür ist
 
Newsletter abonnieren
E-Mail-Adresse
HOT Stories
Neu auf altText
Kolumnen
Features