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Mittwoch, 14.03.2012
Harte Zeiten für IT-Lieferanten der SBB

Peter Kummer SBB
Die SBB will in Zukunft IT-Leistungen vermehrt selber erbringen. Externe Partner müssten auf Near- oder Offshoring zurückgreifen und mehr Verantwortung tragen, sagt der SBB-CIO.
 
Dieser Mann ist Herr über ein Informatikbudget in der Höhe von über einer halben Milliarde Franken pro Jahr: Peter Kummer leitet seit etwas mehr als zwei Jahren die Informatik-Abteilung der SBB und damit 850 Mitarbeitende. Er habe damals einen Sanierungsjobs übernommen, sagt Kummer im Gespräch mit inside-it.ch. Es ging vor allem darum, die in die Jahre gekommene IT-Arbeitsplatzumgebung "Opus" abzulösen.
 
Vor kurzem ist dies mit dem Abschluss des Projekts "Aqua" gelungen. Zwar lief nicht ganz alles reibungslos - so gab es anfänglich Probleme mit dem Drucken - doch alles in allem sei das Projekt sehr erfolgreich gewesen, sagt Kummer und betont: "Wir waren mit Swisscom im Aqua-Projekt sehr zufrieden."
 
Budget: 560 Millionen
"Aqua" ist nur eines von rund 120 Projekten, die aktuell bei SBB IT laufen. So steht etwa im Personenverkehr die Umsetzung einer neuen Vertriebsplattform für die über 200 öV-Unternehmen der Schweiz an. Mit dem Projekt ZPS (Zukünftiges Preissystem) soll sich der Zugang für Kundinnen- und Kunden vereinfachen: sie erhalten künftig für alle Strecken mit einem einzigen Buchungsprozess nur noch ein Ticket. Die SBB setzt mit dem Bau dieser Plattform auf eine externe Partnerschaft und wird das Vorhaben nearshore in St. Petersburg entwickeln lassen.
 
Gut ein Drittel des Budgets, das letztes Jahr 560 Millionen Franken betrug, wird in solche Neuentwicklungen investiert. Der grosse Rest wird für den regulären IT-Betrieb verwendet. Und hier setzt die SBB hauptsächlich auf drei Outsourcing-Partner: Swisscom IT Services (Workplace), T-Systems Schweiz (Backend) sowie den internen Lieferanten SBB Telecom. Darüber hinaus kooperiert SBB mit zahlreichen externen IT-Firmen, die etwa Software-Entwickler zur Verfügung stellen. Insgesamt bezieht SBB IT externe Dienstleistungen in der Höhe von zirka 200 Millionen Franken.

Outsourcer sollen auf Nearshoring setzen
Mit dem Spardruck, der mittlerweile überall herrscht, erhöht sich der Druck auf externe IT-Partner. Nicht nur Banken verlangen heutzutage von ihren IT-Lieferanten zunehmend günstigere Leistungen - auch die SBB ist sozusagen zum Sparen verdammt. In den nächsten Jahren laufen vier Outsourcing-Verträge aus: "Die Karten werden dann jeweils neu gemischt", sagt Kummer. Schon 2014 läuft der eben erst verlängerte SAP-Betriebs-Vertrag mit Swisscom IT Services (SITS) aus. Die nur zweijährige Verlängerung hat einen Grund: Kummer möchte SAP ab 2015 aus einer Cloud beziehen. Im Rahmen des Vertrags mit SITS werden nun erst mal Nicht-Kernteile des SAP-Systems per Anfang 2013 in die Wolke migriert. Ein Vorentscheid ist das aber nicht: 2014 werden SITS, T-Systems und andere SAP-Betreiber um den lukrativen SAP-Cloud-Auftrag buhlen.
 
2016 läuft der Desktop-Management-Vertrag mit SITS aus. Auch diese Leistung wird ausgeschrieben. Kummer geht davon aus, dass ein Desktop-Outsourcer in Zukunft gewisse Aufgaben vermehrt von Near- oder Offshoringzentren aus erbringen muss. Zwar müsse der Service-Desk - die "Visitenkarte", wie Kummer sagt - aus Mentalitätsgründen immer in der Schweiz bleiben, eventuell sogar im Unternehmen. Commodity-Leistungen wie Monitoring, Patchverwaltung oder Second-Level-Support könnten aber genauso gut - und günstiger - vom Ausland aus erbracht werden, meint Kummer.
 
Ebenfalls 2016 muss T-Systems um die Betreuung der Applikations-Server bangen, und 2018 läuft der Host-Vertrag aus. Im Vergleich zu SITS scheint T-Systems aber in Sachen Nearshoring im Vorteil: Der Outsourcer betreibt in Ungarn und in der Slowakei entsprechende Zentren. Schon heute bezieht T-Systems von Kosice aus Leistungen wie Monitoring oder Patching. Die SBB-Daten "sitzen" aber nach wie vor in der Schweiz. Was den Host betrifft, glaubt Kummer, dass er bis 2018 abgebaut ist, so dass er nicht mehr ausgeschrieben werden muss.
 
Werkverträge statt Dienstleistungsverträge
Auch externe Partner, die im Rahmen von Projekten mit der SBB kooperieren, müssen künftig wohl stärker um Aufträge kämpfen. "Wir haben aktuell zu viele externe Partner. Es wird in Zukunft mehr Insourcing geben", so die klare Aussage Kummers. Consulter und Softwareentwickler müssen sich darauf einstellen, dass sie bei einem Projekt mehr Verantwortung tragen werden, denn Kummer möchte vermehrt Dienstleistungsverträge durch Werkverträge ersetzen. Will heissen: Firma XY bekommt den Auftrag, eine Software bis zu einem gewissen Datum zu liefern und sie trägt auch das Risiko, falls etwas schief geht. Bislang wurden meistens nach dem Grundsatz "Time and Material" Ressourcen zur Verfügung gestellt, während die SBB das Risiko trug.
 
Auch in der Zusammenarbeit mit externen Partnern ist Kummer überzeugt, dass gerade Werkverträge zunehmend ausserhalb der Schweiz abgewickelt werden müssen. "Für uns ist es grundsätzlich irrelevant, ob die Software in Bangalore oder Bern entwickelt wird. Wichtig ist, dass der Anbieter die Anforderungen erfüllt."
 
Schweizer Softwarehersteller werden also gewisse Standardleistungen stärker ins Ausland verlagern müssen. Kummer glaubt aber nicht, dass dadurch der Software-Standort Schweiz in Gefahr ist: "Wir brauchen in der Schweiz Leute mit Integrations-Knowhow. Deshalb bin ich überzeugt, dass mittel- bis langfristig Schweizer Software-Ingenieure weiterhin gefragt sein werden." (Maurizio Minetti)
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Kommentare:
Christoph Jaggi 14.03.2012 10:33 Wird von Dienstverträgen (Aufträgen) auf Werkverträge gewechselt, so hat das nicht nur Konsequenzen für den Dienstleister, sondern auch für den Auftraggeber. Damit das funktioniert, muss das Werk bei Vertragsschluss bis ins Detail definiert sein. Der Dienstleister hat dann ein Werk abzuliefern, das genau diesen Spezifikationen entspricht. Die Erfüllung der Kundenerwartung ist damit nicht garantiert. Werden die Spezifikationen während der Entwicklungsphase geändert, so muss der Werkvertrag entsprechend angepasst werden. Dies hat wiederum Auswirkungen auf die Entwicklungszeit und die Kosten. Ein Werkvertrag hilft insofern, als der Kunde zum vornherein klar definieren muss, was er will. Damit ist auch klar, was ihm zusteht. Nur erhöht dies natürlich den Aufwand vor Vertragsschluss und damit die Vorlaufkosten.
Lutz Bogade 14.03.2012 12:55 Ich schliesse mich meinem Vorredner an. In den mittlerweile über 20 Jahren Berufserfahrung als externer IT-Dienstleister hatte ich lediglich einen Auftrag in Form von Werkvertrag. Der Grund: Zu Beginn des Projektes ist nie bereits völlig abgeklärt, wie das Endergebnis im Detail aussehen soll und ein konkretes Pflichtenheft ist mitnichten vorhanden. Es würde mich also sehr wundern, wenn das hier funktionieren sollte.
Markus Meier 04.04.2012 16:23 Alter Wein in neuen Schläuchen. Will wieder mal ein Chef von seinen Leistungen ablenken?
Die Mehrkosten werden sicher nicht vom Bonus abgezogen...
 
Nicht nur die SBB sollte im Ausland akquirieren. Auch die ausländischen Bahnanbieter sollten die Schweiz bedienen. Damit wird zwar das Bahnfahren auch nicht günstiger, aber der Wind bläst damit auch ein bisschen aufs hohe Pferd hinauf…
 
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