Technologie-Partner
Gold-Sponsor:
Dienstag, 20.03.2012
Facebook, Twitter und was noch kommt

Sascha Lobo
"Bei Facebook ist man nur Gast." Der deutsche Kolumnist, Blogger und "Internet-Guru" Sascha Lobo im Gespräch mit inside-it.ch.
 
Der Blick "über den Tellerrand" ist meistens nicht die Stärke der Referenten an IT-Veranstaltungen. Nicht so an den Interlakener X.Days, wo es den Organisatoren immer wieder gelingt, Speaker zu gewinnen, die der "IT-Szene" überraschende Blickweisen und Erkenntnisse von ausserhalb vermitteln. So auch dieses Jahr. Neben einem Astronauten (Claude Nicollier), einem guten Komiker (Ursus Wehrli) und einem Philosphen (Professor Peter Nieschmidt) sorgte der deutsche Blogger Sascha Lobo nicht nur mit seiner auffälligen Frisur für Aufsehen (Foto). Lobo zeigte konzis auf, welche gewaltigen Auswirkungen der Siegeszug von sozialen Medien wie Facebook und andere (noch unbekannte) auf Gesellschaft und Wirtschaft haben (werden).
 
Einige Stichworte: Soziale Medien machen den Fluss von Informationen potenziell unkontrollierbar und neuartige Services wie Qik, mit dem jedes Smartphone zur TV-Kamera wird, könnten die Medienwelt verändern. Soziale Medien können aber auch schon nur wegen der schieren Menge agierender Konsumenten Explosionskraft entfalten. Lobos Beispiel: Es gibt 20 Millionen Menschen, die Lady Gaga im Microblogging-Dienst Twitter folgen. Wenn die Dame eine Webseite via Twitter empfiehlt, so kann dies einen Datensturm auslösen, der auch seriös konzipierte Web-Infrastrukturen in die Knie zwingen kann. Und Lobo postulierte einen neuen Begriff: Entscheidend für die Reichweite in sozialen Medien ist die "Interessanz" (die Kombination von interessant und Relevanz).
 
Wir hatten die Gelegenheit, einige der aufgeworfenen Fragen im Exklusiv-Gespräch mit Lobo zu vertiefen. Das Interview:
 
Facebook verursacht mehr Datenverkehr als die 99 nächst kleineren Webseiten zusammen. Junge Menschen verlassen das "Web" und bewegen sich fast nur noch in Facebook. Wird Facebook das World Wide Web als zentrale Informationsdrehscheibe der Welt ablösen?
 
Sascha Lobo: Es gibt keine eindeutige Antwort auf die Frage. Eine Firma hat keine andere Wahl als in Facebook stattzufinden, wenn sie ein breites Publikum ansprechen will. Ich würde aber keinem Unternehmen empfehlen, ausschliesslich dort präsent zu sein. Man sollte eine eigene Seite als zentrale Anlaufstelle im Netz haben, die man selbst kontrolliert. Diese kann man dann mit Facebook vernetzen.
 
Facebook steht heute stellvertretend für alle sozialen Medien. Facebook wird zwar noch eine Zeit lang weiter wachsen, doch in fünf Jahren wird es nicht mehr das Mass aller Dinge sein. Es wird eine Differenzierung geben. Das heisst, man muss sich überlegen, wie man mit sozialen Medien überhaupt umgehen will. Deshalb ist eine selbst kontrollierte Plattform, die mit Twitter, Facebook und Youtube interagiert, die richtige Strategie. Das bedeutet aber nicht, dass man versuchen sollte, eine eigene Community aufzubauen.
 
In unserer kleinen Welt der IT-Branche trifft man viele Leute auf Xing und / oder LinkedIn an. Haben diese "Business-Facebooks" eine Chance?
 
Sascha Lobo: LinkedIn ist immer noch auf Wachstumskurs. Business-Netzwerke haben ihre Daseinsberechtigungen. Die Frage ist aber, ob Facebook sich diversifiziert und damit zum Business-Netzerk wird. Theoretisch halte ich die Trennung von persönlichen Netzwerken und Business-Netzwerken für sinnvoll, doch ist nicht klar, ob diese Trennung innerhalb von Facebook stattfinden wird.
 
LinkedIn ist heute so eine Art Facebook für Schlippsträger, muss sich aber sehr gut überlegen, wo sein Mehrwert in der Zukunft liegen wird. Das könnte sehr wohl eine Jobbörse sein. Eine solche könnte neben Facebook Bestand haben.
 
Ist Journalismus tot?
Hat der klassische Journalismus, also das Gewichten, Recherchieren und Schreiben von "Geschichten" eine Zukunft? Welche?
 
Sascha Lobo: Du sprichst von "Geschichten". Geschichten und nicht einfach Informationen interessieren die Leute.
 
Ich halte professionellen Journalismus in Zukunft für unersetzbar. Allerdings gibt es ein Refinanzierungsproblem. Der Erfolg von inside-it.ch ist ja nicht gerade die Regel. In Deutschland ist es ganz dramatisch, es ist beschämend, was bei uns an Zeilengeld bezahlt wird.
 
Hältst Du Crowdfunding, wo Leser mit meist kleinen Beiträgen einzelne Recherchen finanzieren, für ein Finanzierungsmodell, das für Medien Zukunft hat?
 
Sascha Lobo: Das ist nur ein kleiner Teil der Lösung. Spannend finde ich, dass es Weiterentwicklungen des Journalismus gibt. Dass CNN mit dem Blog Mashable über eine Übernahme verhandelt, hängt damit zusammen, dass sich eine neue Art von Journalismus etabliert hat. Mashable stellt eine Vielzahl von unterschiedlichen Arten von Inhalten ins Netz und ist mit allen Arten von neuen Medien verknüpft. Journalismus gehört zu den Inhalten, ist aber nicht die einzige Form. Mashable bietet den Kern des Journalismus, nämlich eine Geschichte zu finden und zu erzählen, aber auch ganz viel darum herum. Sie machen zum Beispiel Veranstaltungen oder Interviews im flappsigen, konfrontativen Blogger-Stil.
 
Kern ist aber die Einsicht, dass es viele Daten gibt und wir Leute brauchen, die diese professionell anschauen und die interessanten Dinge herausholen.
 
Du hast in Deinem Vortrag auch von klassischen IT-Themen wie Big Data und Business Intelligence gesprochen. Welche Rolle spielt Datenanalyse in den riesigen sozialen Netzen der Zukunft?
 
Sascha Lobo: Zum Beispiel wird mit Spotify automatisch veröffentlicht, welche Musik die Menschen aktuell hören. Das ist der erste Schritt dahin, dass Menschen Informationen über ihren Konsum online stellen. Demnächst wird es auch bei Filmen so sein. Solche Informationen auszuwerten, wird enorm wertvoll sein.
 
Das Konzept Intranet ist gescheitert
Ich kann mir gut vorstellen, dass die Menschen gerne über ihren privaten Konsum kommunizieren. Im B2B-Bereich sehe ich keinen solchen Trend. Ein Kraftwerk-Ingenieur wird ja kaum twittern, er habe gerade neue Turbinen für 10 Millionen Franken gekauft. Wie wird der Einfluss von sozialen Medien im B2B-Bereich sein?
 
Sascha Lobo: Es wird um Knowledge Management gehen. Wie man mit Wissen in einem Unternehmen umgeht, ist immer ein grosses Thema bei meinen Beratungsaufträgen in Unternehmen. Mehr noch: Die meisten grossen Unternehmen sind nicht Einzelunternehmen, sondern agieren in einem Verbund mit Händlern, Kunden, Zulieferern. Das Wissen in diesem Verbund hat ein ungeheures Potenzial.
 
Die sozialen Medien haben es geschafft, dass die Leute sich den ganzen Tag mit ihren Inhalten beschäftigen. Intranets sind dagegen nur gerade bessere Telefonbücher. Intranets sind gescheitert und die sozialen Medien werden sie einmal ersetzen. Da gibt es schöne Beispiele. So die Provinz British Columbia, in der 30'000 Angestellte in einem sozialen Medium vernetzt sind. Man sieht sehr schnell, was passiert und kann den internen Fluss von Know-how entscheidend verbessern.
 
Bei Facebook ist man nur Gast
Vor drei, fünf Jahren sprachen alle über Blogs. Man glaubte, Blogs seien die Medien der Zukunft … (Einwand Sascha Lobo: "Das habe ich nie gesagt"). … Heute ist das Thema Blog tot.
 
Sascha Lobo: Das sehe ich nicht so. Ein Blog ist die eigene Stimme in der digitalen Welt. Man braucht eine eigene Stimme und ohne Blog ist man stumm. Man hat auch eine Stimme mit Facebook, aber keine Kontrolle darüber. Facebook macht einem genaue Vorschriften, was man machen darf und was nicht. Viele Firmen werden ein böses Erwachen erleben. Eine selbst kontrollierte Plattform im Netz zu haben, ist essentiell.
 
Nehmen wir das Beispiel München. Die Stadt München hatte eine Facebook-Seite mit 250'000 Fans. Die Seite war von heute auf morgen weg, denn Facebook wird in Zukunft alle grösseren Städte selbst vermarkten. Nicht mal München kann sich dagegen wehren. Auf einmal musste München also merken, dass die Stadt bei Facebook nur ein Gast ist. Deshalb werden selbst kontrollierte Plattformen, ob man sie nun Blog nennt oder nicht, auch in Zukunft sehr wichtig sein.
 
Berlin: Software-Mekka der Zukunft?
Du lebst in Berlin, wo es eine spannende Software- und Internet-Szene gibt. Warum ist gerade Berlin so attraktiv?
 
Sascha Lobo: Der Startup-Hype wurde ein bisschen von aussen nach Berlin getragen. Die Hälfte der Leute, die heute in Berlin gefeiert werden, sind nach Berlin gekommen, weil sie gemerkt haben, dass der Ort hip ist. In Berlin ist es aber immer noch schwer, Risikokapital zu bekommen. Das Kapital kommt von woanders her, von Hamburg, London und Kalifornien. Und die Leute, die man anstellt, kommen aus Norwegen, Frankreich, Schweden, den USA oder Grossbritannien.
 
Gibt es eine starke Szene von Software-Entwicklern in Berlin? Kann man noch Software-Ingenieure (und -Innen) in Berlin finden?
 
Sascha Lobo: Ressourcen gibt es nur zum Teil. Es ist sehr schwer, Leute für Festanstellungen zu bekommen. Es ist etwas leichter, freie Teams zu finden. Langfristige Planung ist sehr schwer, denn der Hype kann in zwei Jahren schon wieder vorbei sein. Heute kommen zum Beispiel Firmengründer aus Kalifornien nach Berlin, nehmen einen Berliner dazu, der Designer kommt aus Schweden. Die wohnen eine zeitlang in Berlin, können aber jederzeit wieder weg, wenn zum Beispiel übermorgen Prag der heisse Standort sein sollte.
 
Ich freue mich über den Startup-Hype und finde ihn gut für Berlin. Aber ich weiss nicht, wie lange er dauert. (Das Gespräch führte Christoph Hugenschmidt)
 
(Foto: Sascha Lobo auf der IMEX 2011. Foto von eveos.de unter Creative Commons Lizenz)
Kommentar schreiben

Kommentare:
Guido Biland 21.03.2012 12:35 Schon wahr: "Eine selbst kontrollierte Plattform im Netz zu haben, ist essentiell."
Je mehr das sogenannte Social Web mit enthemmtem Narzissmus, sinnleerem Geschwätz und kommerzgetriebener Kontrolle (Facebook) zu tun hat, desto kleiner ist der Handlungsbedarf für seriöse Unternehmen. Wer erinnert sich noch an Second Life?
Marc Hauert 22.03.2012 08:53 Die Tatsache, dass eine Community den Inhalt kontrollieren will, ist Fact. Ein exzellentes Tool dazu ist www.tallyfox.com . Es ermöglich einer Community, sich auszutauschen, zu bloggen, zu kommunizieren, etc.
 
Newsletter abonnieren
E-Mail-Adresse
HOT Stories
Neu auf altText
Kolumnen
Features