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Montag, 16.04.2012
Exklusiv! Gemeindesoftwareprojekt in Schieflage

Vitznau, vom See aus gesehen
Die Luzerner Interessengemeinschaft Gemeindeinformatik (IGGI) droht im Zuge der schleppenden Migration auf die Microsoft-Software "newsystem public" auseinanderzubrechen. Derweil hat IGGI den Softwarehersteller Ruf Informatik wegen Verletzung von Lizenzrechten verklagt.

Wenn Organisationen der öffentlichen Hand ein ambitiöses Informatikprojekt anpacken, sorgt das fast immer für heisse Diskussionen. Schliesslich geht es um "unser Geld". Noch heisser werden die Diskussionen, wenn das Projekt in Schieflage gerät. Mehrere unabhängige Quellen haben in den letzten Wochen und Monaten gegenüber inside-it.ch auf ein solches Projekt aufmerksam gemacht: Es geht um die Einführung der auf Microsoft Dynamics NAV basierten Gemeindesoftware "newsystem public" in den Gemeinden des Kantons Luzern: Im Projekt ist es zu Verspätungen gekommen und Gemeinden kehren dem verantwortlichen Verband den Rücken.

Kontroverse Auftragsvergabe
Die Geschichte beginnt Mitte 2010, als der Verein SSGI (Schweizerische Städte- und Gemeinde-Informatik) den Auftrag zur Lieferung einer neuen Gemeindesoftware an den Rotkreuzer IT-Dienstleister Information Technology & Trust (IT&T) vergibt. SSGI hatte bereits bei der kontroversen Ausschreibung ein Miteigentum an der Software verlangt, was die beiden in der Schweiz etablierten Gemeindesoftware-Anbieter Ruf Informatik und Nest/Abacus davon abhielt, überhaupt mitzumachen.

Dem Verein SSGI gehören acht Regionalverbände an, unter anderem die Luzerner Interessengemeinschaft Gemeindeinformatik (IGGI), die bislang in ihrem Rechenzentrum die Ruf-Lösung GeSoft betreibt. IGGI bezeichnete die bevorstehende Migration auf newsystem public im September 2010 als "eine der grössten Herausforderungen in der Vereinsgeschichte". Die über 40 angeschlossenen Gemeinden dürfen selbständig darüber entscheiden, ob und wann sie auf das Produkt von IT&T migrieren wollen - oder ob sie gänzlich darauf verzichten. Und tatsächlich: Mittlerweile ist klar, dass nur eine Minderheit von 14 Gemeinden den Sprung wagt. Ein Teil der Gemeinden bleibt auf Ruf, der grösste Teil ist bis heute noch unentschlossen.

Die fehlende Schnittstelle
Felix Zünd, seit einem Jahr IGGI-Geschäftsführer, sagt im Gespräch mit inside-it.ch, dass Anzeichen vorhanden seien, dass sich noch weitere IGGI-Gemeinden für newsystem public entscheiden werden. Trotzdem ist eine gewisse Abneigung und Unentschlossenheit nicht zu leugnen. Dies rührt daher, dass newsystem public ein "New Kid on the Block" in der Schweizer Gemeindesoftware-Szene ist. Es ist vieles anders im Vergleich zu den etablierten Lösungen von Ruf, Nest oder Dialog. Vor allem ist die Software nach Meinung vieler Beobachter schlicht noch nicht fertig. So müssen Daten oft noch manuell erfasst werden. Insbesondere die Entwicklung des Lohnwesens harzt. Ausserdem rechnet sich eine Migration auf die neue Software für kleine Gemeinden oft nicht.

Laut Zünd haben bislang nur die beiden Pilotgemeinden Vitznau und Escholzmatt migriert. In der "Zwischenzeit" würden bei den Pilotgemeinden die Einwohnerkontrolle und andere kleine Teile nach wie vor von Ruf genutzt, so Zünd. Man rechne damit, dass per Anfang 2013 auch die restlichen zwölf Gemeinden newsystem public eingeführt haben werden. Anfänglich wollte IGGI allerdings rund 30 Gemeinden per Anfang 2012 auf newsystem public migrieren. "Eine Migration aller Gemeinden war von Anfang nicht zu erwarten, aber wir hatten schon damit gerechnet, dass sich die Mehrheit der IGGI-Gemeinden für den Wechsel auf newsystem public entscheiden würden", räumt Zünd ein. Er sieht das Problem jedoch nicht bei der "unfertigen" Software: "Die Software steht am Anfang ihres Lebenszyklus und hat viel Potenzial. Zwar sind noch nicht alle Module ausgereift, aber die Lösung funktioniert." Die Migration bei den Pilotprojekten verzögere sich aufgrund einer fehlenden Schnittstelle für das kantonale Register, sagt Zünd. Hier gebe es seitens IT&T noch zu tun, doch man sei zuversichtlich, dass die Schnittstelle bis Anfang 2013 entwickelt und vom Kanton zertifiziert sei.

Eine Klage und: Das Ende von IGGI?
Für den Verein IGGI könnte es dann aber zu spät sein. Die schleppende Migration hat nämlich zur Folge, dass einzelne Gemeinden den Verein verlassen. IGGI droht deshalb auseinanderzubrechen. Zünd spricht von fünf Gemeinden, die sich definitiv per Ende 2011 für einen Austritt entschieden haben. Letztlich müssten die Gemeinden selber entscheiden, ob sie an IGGI festhalten wollen. "Das Budget 2012 sieht vor, dass das Jahr mit einem Nullergebnis und ohne weitere Verpflichtungen abgeschlossen wird. Wir hätten somit die Möglichkeit, den Verein per Ende 2012 aufzulösen. Den Entscheid darüber müssen die Gemeinden fällen", sagt Zünd.

Die meisten Gemeinden, die bisher IGGI den Rücken kehren, wechseln ins Rechenzentrum von Ruf. Das bringt allerdings ein Problem mit sich, denn sie nehmen damit auch Software-Teile mit, die von IGGI als Erweiterung zur Ruf-Lösung GeSoft entwickelt wurden. IGGI hat deshalb Anfang Jahr Ruf wegen Verletzung der Lizenzrechte der individuellen Erweiterung vor dem Zürcher Handelsgericht verklagt. IGGI hat nach eigenen Angaben in den letzten zehn Jahren über eine Million Franken in diese GeSoft-Erweiterungen investiert. Die meisten Entwicklungen seien noch aktiv und dürften nicht ohne weiteres von Ruf betrieben werden, so die Position von IGGI. Eine Stellungnahme von Ruf war bis Redaktionsschluss leider nicht zu erhalten.

Zünd weist darauf hin, dass Gemäss dem Vertrag mit Ruf die Software nicht den Gemeinden gehört, sondern dem Verein. Allerdings stellt sich die Frage, wie lange dieser Verein noch existieren wird. Verzögert sich die Entwicklung der Module und vor allem der Schnittstelle weiter und verlassen noch mehr Gemeinden IGGI Richtung Ruf, dürfte die Luzerner Interessengemeinschaft Gemeindeinformatik selbst auch bald in arge Schieflage geraten. (Maurizio Minetti)
 
(Foto: Vitznau, vom See aus gesehen. Quelle: LucaLuca)
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