"Einseifen, büschelen, höbelen"

Wie die Gemeinden Kriens und Emmen Desktop-Virtualisierung einführ(t)en.
 
Zusammen betreiben die beiden Luzerner Gemeinden Kriens und Emmen immerhin 2000 PCs in der Gemeindeverwaltung, in Schulen und im Gesundheitswesen - und dies mit geringsten Mitteln. Denn in Kriens gibt es zum Beispiel nur gerade 470 Stellenprozente für das Management der rund 1000 PCs. Dies sind wesentlich weniger Stellen, als es für ähnliche Aufgaben in der Privatwirtschaft gibt, wo ein IT-Mitarbeiter im Schnitt für 15 bis 59 PCs verantwortlich ist.
 
Diese Zahlen nannte heute Mittag Bernhard Bieri (Foto) an einer Medienveranstaltung am Rande der Hausmesse VMware Forum in der Messe Zürich. Bieri ist externer Projektmanager unter anderem mit der Erneuerung der IT-Infrastruktur in Kriens und Emmen betraut.
 
Von Überstunden und dem "Hey-Joe"-Effekt
Die geringen Ressourcen und die "gewachsene", sprich mit möglichst geringen Investitionen beschaffte IT-Infrastruktur führte naturgemäss zu einigen Problemen. So waren die IT-Mitarbeitenden viel zu oft an unterschiedlichen Standorten unterwegs und wurden dort dann jeweils von allen Seiten mit der Lösung von PC-Problemen beschäftigt ("Könnten Sie nicht schnell, wenn Sie gerade da sind...?"). Die Systeme waren langsam und instabil, Richtlinien konnten nicht durchgesetzt werden und die User hüteten einen riesigen Zoo von ungefähr 600 verschiedenen Applikationen auf "ihren" PCs. "Wenn man mit dem IT-Leiter gut ausgekommen war, war mehr oder weniger alles erlaubt", beschreibt Bieri den Zustand. Entsprechend waren die wenigen IT-Angestellten der Gemeinden dauernd überlastet und Überstunden häuften sich an.
 
An eine Erneuerung und Standardisierung der Client-Infrastruktur auf einen Schlag war aus Budgetgründen nicht zu denken, erzählt Bieri. In der Tat: Emmen hatte für 2011 gerade mal 500'000 Franken für Ersatzinvestitionen in der Informatik (Server, Netzwerk, Clients, Storage) budgetiert - ein Ersatz der rund 1000 PCs ist mit einem solchen Budget nicht vorstellbar.
 
Desktop-Virtualisierung als Heilmittel
Zur Lösung des Problems schlug Bieri die Virtualisierung möglichst aller PCs mittels VMware Desktop-Virtualisierung vor. Die nötigen Investitionen für das Projekt liessen sich, so Bieri, grösstenteils durch die Verlängerung der Lebensdauer der Clients finanzieren. Statt neue PCs mit Windows 7 zu kaufen, wurden alle Geräte zu "dummen" Terminals gemacht. Die Geräte werden erst durch Wyse Thin Clients ersetzt, wenn sie physisch kaputt sind und können damit statt vier während acht oder sogar 10 Jahren benützt werden.
 
"Es war ein Kampf"
Bieri startete das Virtualisierungsprojekt zuerst in der Gemeinde Emmen vor zwei Jahren. Wichtig war, dass die Machbarkeit mittels Pilotanwendern zu demonstrieren und dass das Projekt jederzeit bei Nichterreichen von Meilensteinen abgebrochen werden konnte.
 
Besonders schwierig war, die Konsolidierung und Standardisierung der Anwendungen durchzusetzen, so Bieri. "Wenn sie mir meinen Bildschirmschoner wegnehmen wollen, können wir das gerne im Gemeinderat diskutieren," soll einmal ein User angedroht haben. Ebenfalls zu gewissen Kämpfen führten die Zentralisierung der Drucker und das Abschalten von Eigenentwicklungen oder selbstgebastelten drahtlosen Netzwerken. Bieri: "Es war ein Kampf."
 
Ein gutes "Stakeholder- und Expectation-Management" oder "einseifen, büschelen und höbelen" in Schweizerdeutsch gehörten gemäss Bieri zu den wichtigsten Massnahmen bei der Umsetzung des Virtualisierungsprojekts.
 
Weniger Supportaufwand, nur noch wenige "fat clients"
Gemäss Bieri, der als Projektleiter natürlich auch Partei ist, hat sich der Aufwand für das noch nicht ganz abgeschlossene Projekt aber gelohnt. Die Informatik-Mitarbeitenden konnten ihre Überstunden abbauen und der Supportaufwand ist generell massiv gesunken. Einige Multimedia-PCs von Schulen konnten allerdings nicht ersetzt werden, da die nötige Grafik-Performance der virtuellen PCs nicht ausreichte.
 
Er könne VMware für Desktop-Virtualisierung durchaus empfehlen, so Bieri heute Mittag. Für ein Virtualisierungsprojekt brauche es aber nicht nur viel technisches Wissen, sondern auch einen sehr "breiten Projektleiter-Rücken". Oder eben: "Einseifen, büschelen, höbelen". (Christoph Hugenschmidt)