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Freitag, 25.05.2012
E-Health Europa zu Gast in Bern

Connectathon
Bern wurde für vier Tage zur E-Health-Hauptstadt Europas. Neben dem technisch orientierten Testing-Event Connectathon traf man sich auf dem BEA-Gelände auch zur Fachkonferenz "Europe meets Swiss E-Health". Bundesrat Berset forderte eine "kulturelle und soziale Evolution".
 
In den letzten vier Tagen wurde Bern temporär zum europäischen E-Health-Zentrum: Vom 21. bis 25. Mai ging in Halle 1 des BEA-Expo-Geländes der “IHE-Europe Connectathon 2012” über die Bühne. An diesem rein technisch orientierten Gross-Event testeten 350 Ingenieure von 85 Firmen, die Produkte der Gesundheits-IT anbieten, ihre Anwendungen auf Interoperabilität mit der Konkurrenz. Wer so die Konformität seines Produkts mit drei Mitbewerberlösungen nachweisen kann, darf seinen Eintrag im IHE-Verzeichnis mit einem Stern schmücken. Der Connectathon findet jedes Jahr in einer anderen mehr oder weniger europäischen Metropole statt; für 2013 ist Istanbul vorgesehen.
 
Konkurrenten im friedlichen Test-Marathon
Die IHE, kurz für “Integrating the Healthcare Enterprise”, ist eine globale Branchenorganisation, die sich der technischen Interoperabilität von E-Health-Lösungen verschrieben hat und zu diesem Zweck auf Basis offener E-Health-Standards Profile für verschiedene E-Health-Bereiche wie etwa Labor, Pflege oder Radioonkologie publiziert. Diese Regeln dienen auch als Grundlage für die Connectathon-Tests.
 
Damit dabei alles mit rechten Dingen zugeht, sorgen anbieterunabhängige "Monitore", die meist aus dem akademischen Umfeld stammen, erstens für die zufällige Zuteilung von Testaufgaben – so kann sich niemand durch Vorarbeit einen Vorteil verschaffen – und zweitens für die unparteiische Überwachung und Beurteilung der Testläufe. Das Ganze wirkt übrigens etwa so wie eine ordentlich grosse LAN-Party, allerdings ohne jede Aufregung und völlig entspannt (Foto).
 
Weniger Technik, bitte
Die offizielle Schweizer E-Health-Organisation "ehealthsuissse" und das Schweizer IHE-Chapter nahmen den Connectathon zum Anlass, gleichzeitig eine Fachkonferenz zu veranstalten. "Europe meets Swiss E-Health" zog am 24. Mai knapp 150 Teilnehmer an, der Löwenanteil davon geladene Gäste aus Politik, Gesundheitswesen und E-Health-Branche. Vertreter aus der Bundes- und aus Kantonsverwaltungen, aus Spitälern, von Standesorganisationen, Pharma- und IT-Anbietern, von Beratungsunternehmen und aus der Politik waren zu vergleichbaren Teilen anwesend. Auch einige Hausärzte fanden sich im Publikum.
 
Dieses lauschte zunächst diversen Keynote-Referenten, allen voran Bundesrat und Gesundheitsminister Alain Berset, der die eigentlich bekannte Schweizer E-Health-Strategie nochmals erläuterte – bis 2015 soll das elektronische Patientendossier flächendeckend eingeführt werden. Das entsprechende Bundesgesetz genüge allerdings nicht, die Kantone müssten Lösungen vorantreiben, regionale Projekte seien gefragt. Und: E-Health dürfe nicht den Technikern überlassen werden. Man habe in der Vergangenheit zu technisch geplant. Es brauche stattdessen eine eigentliche kulturelle und soziale Evolution, an Wunder glaube er allerdings nicht, meinte Berset abschliessend, wohl wissend, dass Reformen im Gesundheitswesen bei den Akteuren oft nicht gerade auf Gegenliebe stossen.
 
Nicht unähnlich argumentierten die übrigen Redner. So hielt etwa Dr. Clemens Martin Auer, Generaldirektor im österreichischen Gesundheitsamt und in der EU für die Koordination der Health-Governance-Initiative verantwortlich, folgendes fest: "Die politische Debatte muss von der Technik befreit werden. Es geht um Governance und nicht darum, technische Innovation zu kontrollieren." Einen Seitenhieb auf die Industrie konnte sich Auer angesichts gescheiterter E-Health-Projekte aber nicht verkneifen: "Kennen Sie den Unterschied zwischen einem E-Health-Anbieter und einem Occasionshändler? Der Occasionshändler weiss, wann er lügt."
 
Sperrige Ärzteschaft
Eine andere Erkenntnis von Dr. Auer wurde während der Konferenz mehrfach bestätigt: "Ausserhalb des klinischen Bereichs, wo IT-Lösungen schon gang und gäbe sind, zeigt sich die Ärzteschaft nicht gerade begeistert vom Umgang mit ICT." Dies trifft offenbar sogar auf das Pionierland Dänemark zu. Morten Elbaek Petersen stellte in seiner Keynote das sowohl technisch als auch punkto Patientennutzen höchst beeindruckende E-Health-Portal sundhed.dk vor, das mit Funktionen wie Zugang zum elektronischen Patientendossier, Suche nach Ärzten und Spitälern samt Auskunft über Wartefristen und Terminreservierung sowie Spezialprogrammen für chronische Krankheiten wie Diabetes glänzt und dabei als weltgrösstes öffentliches Portal über 100 Datenquellen integriert. An einer Breakout-Session am Nachmittag musste Petersen aber zugeben, dass erst ein Bruchteil der Ärzte das Portal aktiv nutzt und die Dänen es zwar grösstenteils kennen, aber ebenfalls erst spärlich verwenden.
 
Es zeigte sich in den Diskussionen immer wieder: E-Health kämpft derzeit noch häufig mit dem Widerstand der Ärzte, die teils noch nicht einmal über einen Computer verfügen und jede Veränderung scheuen. Es braucht hier klare Anreize, so ein Punkt aus der Schlusserklärung der Veranstalter. Politik und Verwaltung müssten handeln und eindeutige Rahmenbedingungen definieren und sichern.
 
Die Bevölkerung ist bereit
Die Bevölkerung ist jedenfalls nicht schuld am E-Health-Stau, wie die Swisscom-Studie Gesundheit im Social-Media-Zeitalter zeigt. Demnach recherchieren fast 85 Prozent der Befragten gesundheitsbezogene Informationen im Internet, sowohl vor als auch nach einem Arztbesuch, nutzen dabei vornehmlich Suchmaschinen und Gesundheitsportale und sind mit den Informationen mehrheitlich zufrieden. Knapp zwei Drittel wünschen, ihre medizinischen Daten wie Befunde, Röntgenbilder, Laborwerte und Impf-Informationen selbst zu besitzen, um sie beispielsweise zu einer neuen medizinischen Ansprechperson mitzunehmen – das elektronische Patientendossier wäre also hoch willkommen. Dies trifft besonders auf ältere Teilnehmer der 50-Plus-Generation zu. Das ist allerdings kein Wunder, hat man doch ab einem gewissen Alter vermehrt medizinischen Bedarf.
 
An einer Diskussion zum Thema "Patient Empowerment and Health Literacy" kam allerdings auch zur Sprache, dass viele Patienten nicht einmal ihre Arztrechnung wirklich verstehen. Beim Bedürfnis der Gesellschaft, sich in kurzer Zeit ein medizinisches Grundwissen anzueignen, sei E-Health der Schlüssel, meint die Schlusserklärung. Besonders wichtig, darin war man sich einig, ist dabei verlässliche, korrekte Information. Das Publikum muss in der Lage sein, in der Informationsflut die massenhaft vorhandene Spreu vom Weizen zu trennen.
 
Dann könnte eintreten, was Thomas Zeltner, bekannt als ehemaliger Generaldirektor des BAG, als eines der Ziele von E-Health postulierte: Angesichts dessen, dass ein Grossteil der Gesundheitskosten für chronische Krankheiten anfallen, müssen die oft polymorbiden Patienten und ihr soziales Umfeld dringend mit dem Wissen ausgestattet werden, wie Komplikationen zu vermeiden sind. Sonst kommt es zu noch mehr Spitalaufenthalten, und die Kosten steigern weiterhin astronomisch. (Urs Binder)
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