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Donnerstag, 31.05.2012
Atombombensicher: Bunker K7 wird zum Rechenzentrum

Rechenzentrum Attinghausen
Fünf private Investoren haben in Attinghausen einen bis vor kurzem noch streng geheimen Bunker gekauft. Dort wird nun ein Rechenzentrum mit dereinst 8000 Quadratmetern Arbeitsfläche aufgebaut.
 
Nur wenige hundert Meter von der Reuss entfernt öffnet sich in Attinghausen unscheinbar an zwei Stellen der Berg. Hier, an der Gotthard-Route im Kanton Uri rund 80 Kilometer von Zürich entfernt, befinden sich die Zugänge zu einem der grössten atombombensicheren Bunker der Schweiz: Dem sogenannten K7. 1948 war Baubeginn und im Kalten Krieg wären hier die Fäden des Schweizer Militärs zusammengelaufen, sollte doch von 1956 bis 1976 hier im Ernstfall die Armeeführung zusammenkommen. 2005 wurde das dreistöckige Bauwerk, das in drei Kavernen über rund 15'000 Quadratmeter bis zu 270 Meter in den Berg hinein getrieben ist, aus dem Anlagenverzeichnis des Bundes gestrichen und 2007 an Deltalis verkauft.
 
Deltalis gehört zusammen mit Radix Technologies und Itecor zum Verbund einer fünfköpfigen privaten und milliardenschweren Investorengruppe, die bereits im Besitz eines weiteren Bunkers in der Romandie ist, wie Stephan Grouitch, Verwaltungsratspräsident von Deltalis und Radix sowie CEO der Schweizer Itecor, gestern an einer gut besuchten Pressekonferenz vor Ort erklärte. Die drei Firmen verbinden Infrastruktur-Leistungen und den RZ-Betrieb (Deltalis) mit der Software-Entwicklung, Support und einem eigenen Cloud-Angebot (Radix) sowie der IT-Beratung (Itecor) zu einem Gesamtpaket für die Kunden. Radix und Deltalis beschäftigen derzeit gemeinsam 20 Mitarbeitende und Itecor 130.
 
Lockvogel-Preis
Die relativ grosse Entfernung vom RZ-Mekka Zürich sieht man bei Deltalis als Standortvorteil. So hält Michael Imfeld, Verkaufs- und Marketingchef bei Deltalis und Radix, fest, dass noch viele RZs in der Stadt und der Umgebung viel zu nahe beieinander liegen und bei Katastrophen wie einem Erdbeben gleich beide RZs eines Unternehmens betroffen sein könnten. Bei Übertragungsraten im sehr niedrigen Millisekundenbereich nach Zürich oder auch Frankfurt und redundanten Glasfaserleitungen, die auch dediziert genutzt werden können, erhöhe man mit dem Standort in Uri also den Sicherheitslevel der meist international tätigen Kunden.
 
Zudem biete Uri die Möglichkeit, die Energieversorgung zu 80 bis 100 Prozent mit "grünem" Strom aus der "Wasserburg der Schweiz" sicher zu stellen. Damit sei Attinghausen für alle die Unternehmen interessant, die ihre RZ-Leistungen spezifisch nach Green-IT-Aspekten auswählen: "Wir haben inzwischen in den Offerten immer öfter auszuweisen, wie viel "grünen" Strom wir pro KW und Rack anbieten können", schiebt Imfeld nach.
 
Interessant ist aber auch der Preis, mit dem Deltalis lockt: Gingen wir bisher davon aus, dass Quadratmeterpreise von 1500 Franken pro Monat in etwa der Realität entspricht, stellt Imfeld klar, dass man bei Deltalis je nach Ausstattung und Verhandlungsgeschick pro Quadratmeter nur zwischen 900 und 1200 Franken verrechnet.
 
Die guten Konditionen dürfen aber wohl nicht einfach als Dumpingpreise verstanden werden. Vielmehr hat Deltalis den Bunker vergleichsweise günstig kaufen können. In diversen Medien wird ein einstelliger Millionenbetrag kolportiert, den die Betreiber allerdings nicht kommentieren und dazu nur "confidential" sagen. Geht man von einem Einkaufspreis von rund fünf Millionen Franken aus und rechnet die bisher laut Deltalis in die Umbauten und die Infrastruktur investierten acht Millionen Franken dazu, steht hier das wohl günstigste je in dieser Grössenordnung gebaute RZ der Schweiz. Und diese Investitionsvorteile spiegeln sich in den niedrigen Preisen, die man im Übrigen bei Deltalis voll ausspielt: "Wir sind auch für internationale Kunden preislich sehr attraktiv", sagt jedenfalls Imfeld.
 
Erste Kunden für das Hochsicherheits-RZ
Nach dem Kauf des K7 hat zunächst die Armee zwei Jahre lang den Bunker geräumt und ab 2010 wurden dann die acht Millionen Franken in den Umbau zum RZ investiert. Seit Ende 2011 haben nun die ersten 25 Kunden auf einer Fläche von derzeit rund 100 Quadratmetern den Betrieb aufgenommen. Zu ihnen zählen etwa der Handyhersteller Nokia, der hier eine App für Russland betreibt, oder die Software-Entwicklungsumgebung des Partners einer der zwei Schweizer Grossbanken. Bekanntlich werden Kundennamen in der RZ-Branche nur sehr selten genannt, woran man sich auch bei Deltalis hält.
 
Beabsichtigt wird der Ausbau von 8000 Quadratmetern, die wie üblich sukzessive mit den Kunden eingerichtet werden sollen. Zur Verfügung stehen dafür zum Teil gewaltige Räume von 300 bis 600 Quadratmetern Fläche mit Höhen von bis sieben Metern (Foto). Die Nachfrage gerade nach den hohen Räumen ist laut Imfeld gross. Um die damit einhergehenden Bedürfnisse abzudecken, soll nun ein zweiter Lift eingebaut werden, der Gewichte von bis zu zwei Tonnen transportieren kann. Redundante Stromversorgung, USV, Kühlung, Sicherheitsbauten und all die anderen allgemein genutzten Infrastruktur-Elemente sind bereits installiert. Soweit nötig, werden die Daten in einem "Partner-RZ in Zürich" gespiegelt, wie Imfeld sagt.
 
Die angebotene Infrastruktur orientiert sich an den höchsten Level. Konzipiert ist der K7 als Tier-4-RZ, dessen Stromversorgung von zwei verschiedenen Unterwerken des EW Altdorf mit derzeit 12 MWatt sichergestellt wird. Schon im nächsten Jahr soll sich die Stromversorgung mehr als verdoppeln, weil man dann auch den Strom der 2013 aufgegebenen Gotthard-Baustelle nutzen kann. Die Kühlung erfolgt klassisch mit Luft (Free-Cooling), die aber über Wärmetauscher mit dem konstant um die 16 Grad kalten Wasser des riesigen (705'000 Kubikmeter) internen Grundwasser-Reservoirs gekühlt wird. Erreicht wird damit in der jetzigen Anfangsphase bereist ein PuE-Wert von 1,2, der sich bei Volllast noch auf 1,15 reduzieren soll. Im Einsatz steht zudem das Energieverwaltungs-Tool von CA (ecoMeter), so dass beispielsweise der gesamte CO2-Ausstoss des RZ permanent optimiert wird.
 
Geld spielt keine Rolle
Zu denen Investoren gehören neben den Franzosen Stephan Grouitch, Patrice Douce und François Meyer der Schweizer Patrick de Balthasar, der früher bei PricewaterhouseCoopers Schweiz in der Geschäftsleitung sass, sowie der Brite und DHL-Mitgründer David Allen. Sie verfügen offensichtlich über exzellente Verbindungen in der Schweiz, auch wenn der Bunker in einer öffentlichen Ausschreibung verkauft wurde. Den Zuschlag erhielt nicht der Meistbietende, wie Imfeld erklärt, vielmehr habe man beim Bund sehr auf die künftige Verwendung des Bunkers geachtet. Hier habe nicht nur das Konzept von Deltalis überzeugt, wichtig sei auch gewesen, dass im Kanton Uri IT-Arbeitsplätze geschaffen werden.
 
Neben dem Bunker gehören ausser der Zufahrt auch einige Wiesen vor dem Bergstock zum Besitz der Deltalis, was Ausbaumöglichkeiten in jeder Richtung erlaubt. Wie schnell der Bunker nun gefüllt werden soll, wollte gestern niemand sagen. Betont wurde stattdessen, dass man mit einem langen Atem angetreten sei: "Wir sind keinem Fahrplan unserer Investoren unterworfen", sagte Verkaufschef Imfeld. In der Pipeline seien allerdings vielversprechende Anfragen. Imfeld hatte im Anschluss an die Presseveranstaltung noch viel Arbeit vor sich: Noch in der Nacht musste er eine Offerte für eines der weltweit fünf grössten IT-Unternehmen abschicken: "Würden wir diesen Auftrag erhalten, hätten wir noch in diesem Jahr den Vollausbau erreicht", fügt er an. (Volker Richert)
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