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Freitag, 08.06.2012
Kongresshaus wird zum Software-Mekka

ICSE2012
Als weltweit wichtigste Konferenz zur Softwareentwicklung glänzte die ICSE2012 in Zürich nicht nur durch hochkarätige Fachinformation und aktuelle Forschungsergebnisse, sondern auch durch eine lebhafte Diskussionskultur.
 
Wir haben schon im Vorfeld berichtet: Vom 2. bis 9. Juni 2012 ist Zürich die Welthauptstadt der Softwareentwicklung. Über 850 Teilnehmer – die höchste Zahl der letzten zwölf Jahre – aus fünfzig Ländern, davon rund ein Drittel Studenten, 408 eingereichte Papers, von denen Dutzende schliesslich vom Programmkomitee akzeptiert und in Form eines Referats der Konferenzgemeinde präsentiert wurden, mehrere wichtige Sitzungen bedeutender Informatik-Weltorganisationen: Mit sichtlichem Stolz legten Professor Martin Glinz von der Uni Zürich und Gail Murphy von der University of British Columbia die Eckdaten der International Conference on Software Engineering 2012 (ICSE) in ihren einführenden Worten zur Hauptkonferenz dar. Die ICSE geht jedes Jahr in einer anderen Stadt über die Bühne und ist für die akademische Informatik des Gastgeberlandes ein äusserst prestigeträchtiges Ereignis. Das Zürcher Kongresshaus, vom 6. bis 8. Juni Austragungsort der Hauptkonferenz, platzte denn auch aus allen Nähten, bei manchen Sessions waren die Räume schlicht zu klein – die Stadt dürfte jetzt ein Argument mehr für ein neues Kongresszentrum haben.
 
Neben viel Forschung auch etwas Praxis
Die ICSE ist vor allem eine akademische Konferenz. Die zahllosen Referate waren in Zürich in sieben Tracks gegliedert, darunter die zukunftsorientierten Themen "Research", "Novel Ideas and Emerging Results" und "Software Engineering Horizons“, aber auch "Software Engineering Education", "Formal Research Demonstrations" sowie die "ACM Student Research Competition", ein Forum für Vor- und Nachdiplomstudenten zum Kennenlernen der Forschungsszene mit integriertem Wettbewerb.
 
Dazu kamen eine Unmenge von Workshops und Community-Meetings, diverse Symposien und eine ganze Reihe von Rahmenveranstaltungen vom grossen Bankett bis zum konferenzeigenen Fussballspiel.
 
Vor allem viele Workshops der Vorkonferenz an der Uni Irchel, aber auch der Track "Software Engineering in Practice" sowie diverse Mini-Tutorials richteten sich indes auch an Praktiker. Ein Referat befasste sich etwa mit der Migration von Geschäftsprozessen beim Umstieg auf ein neues BPM-System in der Credit Suisse, eine andere Session bot drei Vorträge zum Debugging. Die ICSE soll laut Konferenzleitung auch für Informatiker aus der Unternehmenswelt interessant sein. Dennoch lag der Schwerpunkt der ganzen Veranstaltung eindeutig auf der Hochschulinformatik.
 
Gesprächskultur auf hohem Niveau
Im Gegensatz zu kommerziellen IT-Veranstaltungen, wo das Publikum beim Programmpunkt "Q&A" meist in katatonische Starre fällt und sich kaum eine Frage abringt, glänzte die ICSE durch lebhafte Diskussionen, und zwar nicht nur in der Mittagspause vor dem übrigens reichhaltigen Buffet. Sondern beispielsweise auch an der Panel-Diskussion "Software for a Sustainable City: The eZurich Initiative". Abraham Bernstein von der Uni Zürich moderierte eine Talkrunde, bestehend aus Abraxas-CEO und SwissICT-Präsident Thomas Flatt, Netcetera-CEO Andrej Vckovski und Adobe-CTO David Nüscheler, ex Day Software. Geredet wurde dann zwar nur am Rand über den konkreten Fall Zürich und die ambitiöse Absicht, die Stadt zu Europas führendem Hort von IT-Dienstleistern und IT-Infrastrukturanbietern zu machen. Dafür traten andere Erkenntnisse zu Tage. So meinte David Nüscheler, nachhaltige Software müsse sowohl langfristig wartbar als auch kommerziell erfolgreich sein. Ohne Kunden bringe die beste Entwicklung wenig. Andrej Vckovski doppelte nach und stellte fest, junge Softwareentwickler seien oft nicht in der Lage, ihren Code zum Markterfolg zu verhelfen.
 
Software, so eine weitere einhellige Meinung der Panelisten, sei als eigenständiges Geschäft vor allem im Massenmarkt praktisch tot. Die Leute wollten nicht Software kaufen, sondern Funktionalität, die ein bestimmtes Problem löst. Softwareentwickler würden aber sicher nicht arbeitslos, denn als "Rohmaterial" in andere Produkte eingebettet werde Software immer wichtiger. Vckovski: "Ein Hörgerät besteht zu 90 Prozent aus Software". Und, wie Thomas Flatt anmerkt, Software braucht es auch für die Bewältigung von Wachstumsproblemen, die gerade auch in Zürich massiv auftreten – mehr Verkehr, mehr Menschen, mehr Energie, mehr Nahrung…
 
Hier könnte auch der Staat behilflich sein und aktiver zum Beispiel die Energieeffizienz fördern. "Punkto Energie spielt Software eine Riesenrolle". Die nötigen Ressourcen liessen sich durch Abbau anderer Staatsaufgaben freimachen.
 
Mehr Support von der öffentlichen Hand forderte auch eine Stimme aus dem Publikum. Gerade Startups würden durch die hohen Hürden des öffentlichen Beschaffungswesens benachteiligt, es sei fast unmöglich, als kleine Firma einen öffentlichen Auftrag zu erhalten. Die Panel-Teilnehmer nahmen den Einwurf auf und kamen zum Schluss, dass der Staat durchaus zu einem Treiber für die Softwareszene werden könnte, falls sich in der Beschaffungspraxis etwas ändern würde. Insgesamt also viel Konjunktiv.
 
Für die Frage, wie denn Zürich zum eigentlichen IT-Powerhouse werden kann, ist ein anderes Statement aus dem Publikum interessant. Ein Teilnehmer aus London, das sich ebenfalls als "Tech Cluster" positioniert, stellte fest: "Es braucht dazu einen steten Zufluss von Fachtalent, aber auch eine lebhafte Kultur- und Medienszene." Mit anderen Worten: Wer in der IT gut sein will, muss auch die Kultur fördern.
 
Globale Finanzindustrie vs. globale Zivilgesellschaft
Lebhafte Diskussionen gab es auch rund um die erste Keynote am Mittwochmorgen, allerdings vornehmlich auf Twitter. Die Referentin Saskia Sassen, sie gilt als eine der renommiertesten Soziologinnen der Zeit, sprach nämlich nicht wirklich englisch, sondern soziologisch, und das kam nicht bei allen Zuhörern gut an. So meinte ein Tweet: "Benutzt Sassen Worte, um zu erhellen oder zu verschleiern? Bitte komm auf den Punkt!", und ein anderer Zwitscherer formulierte seinen Eindruck nicht minder direkt: "Die erste Keynote war <hier ein negatives, aber politisch korrektes Wort einsetzen>". Informatiker scheinen mit Soziologen-Jargon offenbar ihre Schwierigkeiten zu haben.
 
Saskia Sassen sprach über "Digital Formations of the Powerful and the Powerless" und informierte über ihre Erkenntnisse zum Umgang mit digitalen Technologien am Beispiel der entfesselten globalen Finanzindustrie einerseits und der globalen Zivilgesellschaft auf der anderen Seite. Es gebe zwar einen zentralen Berührungspunkt, nämlich die Technologie selbst, die dezentralen Zugang, Vernetzung und Gleichzeitigkeit ermögliche. Aber sowohl die ursprüngliche Absicht der beiden Gruppen als auch der resultierende Weg bei der Technologienutzung unterscheiden sich markant. Insgesamt sei die Finanzwelt der Zivilgesellschaft um Längen voraus. Und die Technologie werde oft anders genutzt, als es die Entwickler im Sinn hatten – Sassen spricht von der "distortion of the engineer’s intention".
 
Die globale Finanzwelt sei "ohne Format", im Gegensatz zu konventionellen multinationalen Unternehmen "alten Formats", sprich: die digitalen Netzwerke ermöglichten es der Hochfinanz, völlig losgelöst von den Einschränkungen der realen Welt zu agieren. Dennoch sei auch für die Finanzwelt das Lokale wichtig: Statt vertikaler Integration mit zentralisierter Zusammenlegung aller Funktionen profitiere die Finanzwelt nicht nur von der globalen Vernetzung, sondern auch von den lokalen Eigenheiten der Märkte und der verschiedenen Börsen.
 
Im Prinzip gelte Entsprechendes auch für die Zivilgesellschaft, zum Beispiel in Form globaler Nichtregierungsorganisationen und Aktivisten. Aber diese müssten aufpassen: "Gebt ihnen Geld und macht ihnen irrwitzige Abrechnungsvorschriften", sei eine Strategie des Gegners, um zivilgesellschaftliche Initiativen aufs "old format" zurückzustutzen und zu verhindern, dass sie die digitalen Technologien auf radikalere Weise nutzen. So habe zum Beispiel der unabhängige Nachrichtendienst Indymedia eine Spende der Ford Foundation abgelehnt, weil damit "sein Kern zerstört worden wäre". (Urs Binder)
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