Leider Nein (heute mit Professor)

Und hier noch unsere Freitagabend-Nachricht.
 
Sie planen eine Veranstaltung, in der Sie nach dem beliebten Prinzip der Kaffeefahrt ihren KMU-Kunden möglichst viel Heizdecken, äh Cloud Computing, andrehen wollen? Dann wählen Sie eine schicke "location" - für die unbedarften helvetischen KMUler wäre etwa der Zürcher Nuggipalast(1), vor dem sich Samstag für Samstag die Limmattaler und Ustermer Jugend zwischen zwölf und siebzehneinhalb in Erwartung des geilen Konzerts und auf der Suche nach einem Erwachsenen, der ihnen den Hardalk besorgt ballt - gerade richtig. Dann brauchen Sie nur noch eine schicke Einladung, ein Call-Center, das den eingeladenen Vätern des samstäglichen Publikums Beine macht und natürlich ein Programm. Die Programmgestaltung ist einfach - eine "Podiumsdiskussion" über die Vorteile von Heizdecken, äh Cloud Computing, lässt sich leicht mit ihren Marketing-Leuten bestücken, die sich seit langem nach einem Auftritt auf der Bühne des Nuggipalasts sehnen, wo sie dann ohne übertriebene Eloquenz aber dafür in der nötigen Länge die Vorteile von Heizdecken, äh Cloud Computing, dem begeisterten KMU-Publikum näherbringen können.
 
Dann brauchen sie natürlich noch ein Zugpferd, also einen Professor. Ein Professor hat den Vorteil, dass er nicht so teuer wie ein Sportler unter 50, ein Bergsteiger, ein 10vor10-Moderator, ein Abt oder ein Künstler ist. Er muss zwingend Deutscher sein, denn Schweizer mit ihrem elenden Hang zu Realismus und Differenzierung bringen das nötige Drohpotential nicht hin, zwingend einen mittlere Initiale besitzen und sich als Autor zahlreicher, für KMU äusserst hilfreicher Bücher ausgezeichnet haben.
 
Haben Sie den Professor, dann sind die Heizdecken, äh Cloud Computing, eigentlich schon verkauft, denn er wird den tumben KMUlern so richtig einheizen und ihnen klar machen, dass sich die Welt wegen des Internets (sagte er 1999), E-Commerce (2001), 2nd life (18. April bis 30. September, 16 Uhr, 2005), Web 2.0 (2006) oder sozialen Medien (2011 ff) total verändert hat und kein Stein auf dem anderen bleiben wird und nur überlebt, wer Heizdecken, äh Cloud Computing kauft. Und so hat uns denn Professor Edgar K. Geffroy gestern im Nuggipalast am "Swiss Cloud Event" von Post, Swisscom und Abacus mehr eingeheizt als Emir Kosturicas Non Smoking Orchestra vor ein paar Jahren, als wir unsere Nichten begleiten durften (Kosturicas serbisches Publikum ist sehr wild). Er - der Professor, nicht Kosturica - zeigte uns Filme, die die Welt verändert haben, denn sie sind m i l l i o n e n f a c h auf Youtube angeschaut worden und wenn die Storenfabrik Rüdisühli nicht sofort anders denkt, auch solche Filme macht, endlich "sein eigener Sender" wird und vor allem: Wenn Herr Rüdisühli nicht sofort 20 Exemplare des neuesten Buchs des Professor kauft und seinen Verkäufern, Product Managern und auch Herrn Ertugrul Satinalamaz aus der Produktion eines schenkt - ja dann sieht es schlecht aus um die Zukunft der Storenfabrik Rüdisühli. Schon in spätestens drei Jahren wird es vorbei sein mit der Rüdisühlischer Herrlichkeit, denn jetzt wird alles anders und zwar sofort.
 
Sie glauben mir nicht? Das sollten Sie aber, denn die Zeichen an der Wand sind überdeutlich: "Mit 56 zu 3 Stimmen und 2 Enthaltungen hat sich am Donnerstagabend, 14. Juni 2012, die Gemeindeversammlung im solothurnerischen Wolfwil in einer Konsultativabstimmung deutlich dafür ausgesprochen, dass im Dorf eine neue Mobilfunkanlage vonnöten und demzufolge gewünscht ist." Es ist eindeutig. Wenn die Wolfwiler mit 56 zu 3 Stimmen beschliessen, ihre VW Golf, Hunde und Kinder nun doch der Strahlung auszusetzen, dann ist die Zukunft eigentlich schon da - ja fast schon wieder vorbei. Wehe dem, der keine Heizdecke hat! (Christoph Hugenschmidt)
 
(1)Das Zürcher Veranstaltungslokal Palais X-Tra wird von Menschen über siebzehneinhalb so genannt.