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Donnerstag, 28.06.2012
Chinas Aufstieg zur Cloud-Supermacht

China Cloud Computing
Beim Absatz von Monitoren und TV-Geräten hat China die USA längst abgehängt. Nun will das Reich der Mitte auch bei Cloud Computing die Spitze erobern. Doch für Anbieter aus dem Westen gibt es rechtliche und politische Fallstricke.
 
Die Volksrepublik China will nicht nur Zulieferer der weltweiten Hardware-Industrie sein, sondern strebt danach, bis 2020 zu einem "innovationsorientierten Land" und bis 2049 zu einer "weltweiten technologischen Macht" zu werden. Das berichtete die offizielle Nachrichtenagentur 'Xinhua' Ende Mai nach einem Treffen des Politbüros der Kommunistischen Partei Chinas.
 
Auf der grünen Wiese
Cloud Computing soll dabei eine grosse Rolle zukommen. Beijings Plan sieht als eines von vielen Projekten den Aufbau einer 200 Milliarden Yuan RMB (30,4 Milliarden Franken) schweren Cloud-Computing-Industrie samt eigener Server-Produktion vor.
 
Im Bereich Cloud Computing hat das Reich der Mitte bei neuen Projekten die USA bereits hinter sich gelassen, betonte Denis Yip, Präsident der Region Greater China beim Storagehersteller EMC, anlässlich des EMC Forum 2012 Ende letzter Woche in Hongkong. Die Antwort auf die Frage, warum sein Land sich erstmals bei einer Spitzentechnologie ganz nach vorn gesetzt hat, liegt für ihn auf der Hand: Die Kunden in der Volksrepublik seien nicht mit komplexen Legacy-Systemen belastet, was sie besonders agil und offen für den Sprung in die Cloud mache. Davon will nicht nur der amerikanische Speicherriese EMC profitieren.
"Sie müssen sich nicht um alte Applikationen kümmern, weil sie keine haben, weshalb sie ganz auf der grünen Wiese aufbauen können", so der Chinachef. Dabei verwies er unter anderem auf fünf grosse EMC-Projekte mit wichtigen Lokalregierungen.
 
Rasantes Wachstum
Angetrieben von öffentlichen Projekten wächst der chinesische Cloud-Markt mit riesigen Schritten, über das Wie und die Ausgangslage gibt es allerdings unterschiedliche Bewertungen. Einer IDC-Studie zufolge wurden 2010 in dem grössten kommunistischen Land 388,2 Millionen Dollar mit Cloud-Services umgesetzt, ein Plus von 45 Prozent gegenüber 2009. Bis 2015 soll das Marktvolumen auf 2,21 Milliarden Dollar anwachsen oder um 33,6 Prozent jährlich.
 
Der Private-Cloud-Markt inklusive Infrastruktur und Services ist laut IDC 2010 um über 50 Prozent auf ein Volumen von 292,5 Millionen Dollar angeschwollen und soll mit vermindertem jährlichen Wachstum von 27,5 Prozent im Jahr 2015 Umsätze von 1,26 Milliarden Dollar abwerfen. Chinas Private-Cloud-Markt soll bis 2015 um jährlich 64 Prozent auf ein Volumen von 1,21 Milliarden Dollar anwachsen, so die IDC-Studie vom Vorjahr.
 
Neue Zahlen der Internet Society of China und des chinesischen Ministeriums für Industrie und Informationstechnologie attestieren dem chinesischen Cloud-Markt ein noch stärkeres Wachstum. Demnach hat dieser 2011 zwar nur weniger als drei Prozent der weltweiten Cloud-Umsätze im Wert von etwa 90 Milliarden Dollar erzielt, sein Wert soll sich aber zwischen 2010 und 2013 mit jährlich 91,5 Prozent von 16,7 auf 117,4 Milliarden RMB (17,8 Milliarden Franken) mehr als versiebenfachen.
 
Die Internet Society of China rechnet sogar damit, dass Chinas Cloud-Computing-Markt 2015 bereits die Schwelle von 1 Billion RMB (152 Milliarden Franken) überschreiten wird, nachdem vom Staatsrat gerade erst ein "China Cloud" genannter Nationaler Cloud-Computing-Industrieentwicklungsplan verabschiedet worden ist.

Rechtliche und politische Fallstricke
Die auch in China aktive internationale Anwaltskanzlei Dechert LLP hat in einer aktuellen Studie vom Juni 2012 die rechtlichen und politischen Implikationen von Cloud Computing in China unter die Lupe genommen, um Unternehmen, die dort tätig werden wollen, entsprechende Empfehlungen mit auf den Weg zu geben. Die Studie nimmt vorweg, dass der globale Markt für Cloud-Computing 2012 voraussichtlich um 15 Prozent auf ein Volumen von 112 Milliarden Dollar anwachsen wird. China werden dabei besonders grosse Potenziale bescheinigt, was nicht nur EMC, sondern alle grossen Player der IT-Industrie auf den Plan ruft.
 
Doch werden bei in den USA gehosteten Daten aufgrund möglicher Sperren im Zusammenhang mit dem National Security Act schon Sicherheitsbedenken angemeldet, ist die Gefahr, dass die Daten im Falle Chinas der Zensur oder "nationalen Sicherheit" zum Opfer fallen, noch wesentlich grösser. Die "Grosse Firewall" Chinas ist nur eine von mehreren Mechanismen, um Zensur im Internet auszuüben. Hinzu kommt noch, dass Chinas Netz mit durchschnittlichen Transferraten von 1'463 kbps, einem Fünftel des OECD-Durchschnitts, extrem langsam ist. Cloud Computing verlangt aber in der Regel nach Breitbandverbindungen.
 
Da es abgesehen von Bemühungen einiger Firmen wie Huawei und China Mobile noch keine grossen chinesischen Anbieter gibt, ist der Markt wie geschaffen für die grossen internationalen Player. Doch in der Regel geht es nicht ohne Joint Ventures mit chinesischen Unternehmen. Chinesische Gesetze erschweren es ausländischen Unternehmen, an die Lizenzen für Dienste wie Telecom Value Added Services (VAS) oder das Betreiben von IaaS (Infrastructure as a Service) heranzukommen. NEC hat sich mit dem Unternehmen Neusoft zusammengetan, IBM will vor allem mit Blick auf Cloud Computing zusammen mit Range Technology eine rund 576'000 Quadratmeter grosse "Computer City" aufbauen.
 
Problematisch bleibt in China laut der Studie von Dechert ein noch fehlendes verbindliches Datenschutzrecht. Ausländische Unternehmen sehen sich daher vor einem Dschungel verschiedener Richtlinien, auch wenn China gewissermassen den Schutz von Persönlichkeitsrechten vorschreibt. Das geht soweit, dass Internet Service Provider mit zur Verantwortung gezogen werden können, wenn eine wissentliche Verletzung der Persönlichkeitsrechte durch einen bestimmten Web-Content vorliegt und der Nutzer nicht davor gewarnt oder darüber informiert wurde.
 
"Don’t Deal With State Secrets", lassen Sie sich nicht auf Staatsgeheimnisse ein, lautet schliesslich noch eine Warnung der Dechert-Studie. Das Staatssicherheitsgesetz schreibt nicht nur den Schutz von Staatsgeheimnissen vor, sondern erlegt den ISPs auch die Verpflichtung auf, im Fall von Untersuchungen mit den Behörden zu kooperieren. Immer wieder werden grosse internationale Betreiber und Unternehmen kritisiert, vor dem schwammigen Gesetz in Kadavergehorsam einzuknicken. (Klaus Hauptfleisch)
 
(Bild: DPerstin)
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