"Wir brauchen mehr ICT-Lehrstellen"

Bis 2020 fehlen in der Schweiz unter Umständen 25'000 ICT-Fachkräfte. Was tun? Volksschüler und Frauen für ICT-Berufe sensibilisieren, sagen Branchenvertreter.
 
Im Restaurant Au Premier im Zürcher Hauptbahnhof informierte heute der Berufsverband ICT-Berufsbildung Schweiz an einer Pressekonferenz über den anhaltenden Fachkräftemangel in der Schweizer ICT-Branche. Bis 2020 fehlen rund 25'000 ICT-Fachkräfte, besagt eine Studie des Berufsverbandes. Erfreulich ist, dass die Anzahl Beschäftigte in der ICT-Branche seit 2009 immerhin um 3,5 Prozent auf 177'000 zugenommen hat.
 
"Wir müssen bereits in der Volksschule Werbung machen für Informatik", sagt Andreas Kaelin (links auf dem Foto), Präsident ICT-Berufsbildung Schweiz. Darum ergreift der Berufsverband die Initiative und organisiert Workshops rund um das Thema Informatik. Der Frauenanteil im Berufsfeld ICT lässt mit 13 Prozent zu wünschen übrig: "Informatik kann auch für Mädchen durchaus spannend sein, denn auch in diesem Berufsfeld sind kommunikative und kreative Fähigkeiten gefragt", ergänzt er. Angestrebt werde eine Frauen-Anteilerhöhung auf 30 Prozent, so wie es offenbar in anderen Ländern üblich sei – dies könne den Fachkräftemangel mildern und schliesslich lasse sich ein Beruf im ICT-Bereich flexibel gestalten. "Vielleicht sind wir auch etwas selber schuld, dass wir in der Vergangenheit vor allem das männliche Geschlecht angesprochen haben", sagt Kaelin. Es braucht also Marketingmassnahmen, damit auch junge Frauen Gefallen an der Informatik finden.
 
Volksschüler sensibilisieren
Gestern berichtete die Sendung 10vor10 über Informatikunterricht in der Volksschule und über die Situation der Branche. "Es geht schlussendlich um das Erlernen von analytischem Denken", sagt Jörg Aebischer (rechts auf dem Foto), Geschäftsführer ICT-Berufsbildung Schweiz. "Je früher die Schüler damit in Berührung kommen, desto sensibilisierter sind sie für dieses Berufsfeld", heisst es weiter von Seiten der ICT-Vertreter.
 
Die momentane Situation laut der Studie sieht folgend aus: Rund ein Drittel der ICT-Beschäftigten sind im Kanton Zürich tätig. Eine von 15 Personen oder 6,8 Prozent der Erwerbstätigen sind ICT-Beschäftigte. Der Schweizer Durchschnitt liegt bei 4 Prozent. Der Rekrutierungsbedarf bis 2020 liegt schätzungsweise bei 72'500 Personen. "Es müssen einfach mehr ICT-Lehrstellen geschaffen werden", sagt Kaelin und klopft auf den Tisch.

Gegen den Mangel an Lehrkräften wird heute eine neunmonatige Quereinsteiger-Ausbildung angeboten. Ist dies auch im ICT-Bereich eine Option? Jörg Aebischer meint: "Wenn Sie eine neunmonatige Ausbildung als Metzger machen, können Sie auch nicht gleich ein Vieh schlachten, oder?" Es sei schwierig, sich in neun Monaten die ICT-Kompetenzen anzueignen, aber der Verband sei bemüht, eine zweijährige Quereinsteiger-Ausbildung beziehungsweise Weiterbildung ins Leben zu rufen.
 
Mittelfristig will der Berufsverband anstreben, dass die Zahl der ICT-Ausbildungsplätze von knapp 7'000 auf 10'000 erhöht wird. Dies würde etwas mehr als fünf Lernende auf 100 ICT-Beschäftigte ausmachen und entspricht dem schweizerischen Mittel über alle Berufe.
 
Eine Frage der Wertschöpfung
Laut der Studie steht die ICT-Wirtschaft mit 27,3 Milliarden Franken auf Augenhöhe mit der Bauwirtschaft, die eine Wertschöpfung von 28,3 Milliarden Franken ausweist. Die Wertschöpfung der chemischen Industrie (21,3 Milliarden) und des Maschinenbaus (11,7 Milliarden) sei deutlich tiefer.
 
Überdurchschnittlich hoch sei auch die Produktivität in der Informations- und Kommunikationstechnologie-Branche. 4 Prozent der Erwerbstätigen erwirtschafteten einen Anteil von 5,2 Prozent des Bruttoinlandproduktes (BIP). (Hanna Lauer)