Technologie-Partner
Gold-Sponsor:
Donnerstag, 05.07.2012
IBM-Gemeinde-Software in Troubles

Die ST. Galler VRSG schreibt die gemeinsam mit IBM entwickelte Software für die Einwohnerkontrolle gleich nochmals neu. Die gleiche Software führte auch im Kanton Zug zu Diskussionen.
 
Am 6. Mai 2010 war man noch optimistisch. Die neue Lösung für die Einwohnerkontrolle von IBM (ISOV EK V5) werde "ab Herbst 2010" im Kanton Zug eingeführt, heisst es auf Folie 15 einer Präsentation, die an der Generalversammlung des Verwaltungsrechenzentrums St. Gallen (VRSG) gezeigt worden ist. 2011 dann, soll die neue Lösung auch bei VRSG-Kunden, also bei rund 170 Gemeinden mit total ungefähr einer Million Einwohnern eingeführt werden, glaubte man damals.
 
Die Entwicklung gestartet haben VRSG und IBM im Januar 2009. Die beiden ungleichen Player - da der US-Informatik-Multi, dort das kleine Schweizer Rechenzentrum im Besitz der öffentlichen Hand - wollten die neue Lösung gemeinsam entwickeln und danach je separat vermarkten.
 
"Performanceprobleme"
Heute ist alles anders: Das VRSG hat die Einführung der IBM-Lösung verschoben und schreibt diese teilweise sogar neu. "Leider zeigte sich, dass die technische Entwicklungsinfrastruktur und die Lösungsarchitektur gewisse Schwächen aufweisen, die beim Betrieb mit Datenmengen in der Grössenordnung, wie sie über die Einwohnerkontroll-Lösung der VRSG laufen, zu Performanceproblemen führten. Wir haben uns daher entschlossen, die Einführung zu verschieben und die technischen Mängel vor der Einführung zu beheben", so VRSG-Chef Peter Baumberger in einem E-Mail an inside-it.ch.
 
Zudem habe VRSG diesen Frühling einen "wesentlichen Technologie-Entscheid gefällt", schreibt Baumberger. Das Rechenzentrum wird vom IBM-Grossrechner auf kleinere Systeme wechseln. Da diese nicht von IBM sein werden - wir vermuten, dass es sich um Oracle Exadata handelt - hätte man die Software sowieso auf eine andere Datenbank und Hardware portieren müssen, wie der VRSG-Chef bestätigt: "Dies hätte für die Kunden, die mit unserer Einwohnerkontroll-Lösung arbeiten, zwei Migrationen innerhalb eines Jahres zur Folge gehabt", so Baumberger, der seit einem Jahr an der Spitze des St. Galler Behördendienstleisters steht.
 
"Funktionalitäten überzeugen"
Anstatt die gemeinsam mit IBM entwickelte neue Software in Betrieb zu nehmen, wird VRSG diese nun also - diesmal alleine - weiter entwickeln. Baumberger will allerdings IBM keine Vorwürfe machen: "Die Lösung steht, die Funktionalitäten überzeugen".
 
Ausserdem entstünden dem VRSG und seinen Kunden auch keine Mehrkosten durch die Nicht-Einführung der neuen Software. "Die zusätzlich investierte Zeit und Arbeit kostet in der Tat - dank des angesprochenen Technologiewechsels wird allerdings der Betrieb der neuen Lösung insgesamt günstiger", schreibt Baumberger.
 
Zug hofft auf Ende Jahr
Auch im Kanton Zug hat die neue Lösung von IBM zu Diskussionen und Verschiebungen geführt. Zuerst wurde die geplante Einführung vom Herbst 2010 auf Dezember 2011 verschoben. Noch im November 2011 sagte die Zuger Regierungsrätin Manuela Weichelt-Picard in einer Antwort auf eine parlamentarische Anfrage, die Abnahme der Software sei für den 5. Dezember 2011 vorgesehen. "Der Anbieter hat seit Sommer 2011 einen riesigen Effort geleistet", sagte Weichelt-Picard damals.
 
Nun hofft man im Kanton Zug, die Software gegen Ende 2012 in Betrieb nehmen zu können: "Am Projekt EK V5 wird derzeit mit Hochdruck gearbeitet. Ziel ist es, dass die neue EK noch vor Ende Jahr in Betrieb genommen wird", schreibt Weichelt-Picard auf unsere Fragen.
 
Das Projekt hat im Zuger Kantonsrat, aufgeschreckt durch das Debakel mit der Grundbuchsoftware von IBM, zu einer heftigen Diskussion geführt. Man sprach in der Debatte vom 10. November 2011 von Performance-Problemen, die offenbar auch in Zug aufgetaucht sind und ein Kantonsrat kritisierte, dass die Stundenansätze des Lieferanten (IBM) nicht veröffentlicht wurden, die sehr wahrscheinlich "hoch bis sehr hoch" seien. Kantonsrat Hans Christen, als ehemaliger Finanzchef der Stadt Zug beim Projekt "Neue Einwohnerkontrolle" involviert, sagte in der Debatte: "Das Projekt hatte von Anfang an mit Schwierigkeiten zu kämpfen. Und anscheinend hat sich daran bis heute nichts geändert. Denn wie ist es sonst zu erklären, dass die geplante Einführung auf letzten Dezember bis heute nicht erfolgt ist und sich die Kosten um fast 20 % erhöht haben?"
 
Probleme? Bei uns doch nicht!
Bei IBM will man von Problemen mit der neuen Version der Software für Einwohnerkontrolle und Personenregister nichts wissen. Die Zusammenarbeit mit VRSG sei im Juni 2011 "erfolgreich abgeschlossen" worden, so IBM-Sprecherin Susan Orozco.
 
Und dass das VRSG die neuen Lösung nun gar nicht erst einführt, könne IBM "nicht kommentieren", da die Zusammenarbeit auf die Erstellung der Software beschränkt gewesen sei. "Einführungspläne der VRSG können wir nicht kommentieren", so Orozco.
 
Big Blue wolle sich keineswegs aus dem Markt für Gemeindelösungen zurückziehen, betont die Sprecherin. Neue Kunden für ISOV nennt sie allerdings nicht. "Wir wollen mit der neuen Einwohnerkontrolle-Lösung neue Kunden gewinnen und uns entsprechend im Markt positionieren," so Orozco.
 
Das dürfte allerdings nicht einfach werden, denn einen Kunden, der die neue Version von ISOV EK erfolgreich zum Laufen gebracht hätte, gibt es bisher nicht. (Christoph Hugenschmidt)
Kommentar schreiben
 
Newsletter abonnieren
E-Mail-Adresse
HOT Stories
Neu auf altText
Kolumnen
Features