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Freitag, 27.07.2012
3D ist mehr als nur TV und Tralala

benq 2d 3d
Zum sechsten Mal ging diese Woche die Fachmesse S3D-Expo / S3D-Today+ über die Bühne. 3D-TV war natürlich ein wichtiges Thema, inhaltlich standen aber Profi-Lösungen im Vordergrund.
 
Die meisten denken bei 3D nur an Hollywood-Blockbuster wie Avatar oder entsprechende Games. Dabei wurde die Stereoskopie bis vor kurzem vor allem professionell genutzt, im CAD/CAM-Bereich etwa. Das liegt einmal daran, dass wegen der hohen Entwicklungskosten früher gar nicht an die Entstehung eines Massenmarktes für 3D-fähige Endgeräte zu denken war. Das hat sich in jüngsten Jahren geändert, aber es fehlen immer noch weitgehend Inhalte.
 
3D als Geisterbahn
Kino und Events sind natürlich auch professionelle Anwendungen. Aber gerade ältere Personen vergleichen ihr erstes 3D-Kinoerlebnis mit dem Besuch einer Geisterbahn. Die vielen Menschen Übelkeit bereitende Anaglyphtechnik mit den berühmten Rot-Grün- oder Rot-Cyan-Brillen stirbt aber langsam aus. Die zirkulare Polarisationstechnik, wie sie für TV-Geräte LG forciert, bietet wegen der gestauchten Doppelbilder in der Regel nur die halbe Auflösung. Die Shutter-Technik, für die sich Samsung und Nvidia stark machen, erfordert relativ teure, klobige Brillen mit aktiv schaltbaren LCD-Gläsern und geht oft mit Helligkeitsverlust einher.
 
Dolby setzt daher für 3D Cinema auf die passive Interferenzfiltertechnik von Infitec, einer Ausgründung der ehemaligen DaimlerChrysler AG. Diese gilt als beste 3D-Technologie, ist aber zu teuer für den Massenmarkt, zumal mindestens zwei Projektoren erforderlich sind. Im Veranstaltungssaal der diesjährigen Messe S3D-Expo / S3D-Today+ in München waren sogar vier 3D-Boliden von Epson übereinandergestapelt, um mit Infitec-Technik traumhafte 3D-Bilder auf die grosse Leinwand zu zaubern.
 
Ohne Brille noch zu teuer
Lutz Möhr, der auch als 3D-Guru bekannte Veranstalter der Messe, weiss, dass der grosse Durchbruch von 3D noch auf sich warten lässt, er ist aber überzeugt, dass das Thema bald überall Einzug halten wird, wo es um Visualisierung geht. Da die Brillen meist als störend empfunden werden und vielfach nicht kompatibel sind, ist Möhr wie viele Experten der Meinung, dass die Zukunft in autostereoskopischen oder kurz AS-3D-Displays ohne Brillenzwang liegt.
 
LG und Toshiba haben schon vor Jahren solche Lösungen gezeigt, recht überzeugend sind die von Tridelity aus dem Schwarzwald. Im Vordergrund der AS-3D-Displays sind Museen und andere Digital-Signage-Anwendungen wie etwa Shopping-Malls, denn dort könnte man ja nicht jedem Vorbeilaufenden eine Brille aufsetzen. Für den breiten Massenmarkt sind die AS-3D-Displays noch viel zu teuer und leider auch noch nicht ausgereift genug. Musste früher der Betrachter in einem ganz bestimmten Abstand und Winkel direkt davorstehen, hat sich aber schon vieles gebessert. Damit mehrere Zuschauer den 3D-Aha-Effekt verspüren können, werden heute in der Regel fünf oder acht Ansichten durch eine Linsenrasterfolie mit winzig kleinen Prismen in verschiedene Richtungen gelenkt.
 
Das Problem ist nur, je mehr Ansichten, desto geringer wird die subjektiv empfundene im Vergleich zur verfügbaren Auflösung. Auf 30'000 Ansichten bringen es die 3D-Displays von Realeyes, allerdings sind dafür 173 GB an Daten auf 1 qm nötig und ist das Ergebnis durch das erforderliche grosse Linsenraster sehr vom Bildinhalt abhängig. Vom kleinen Blickwinkel von nur 20 Grad in jede Richtung ganz zu schweigen. Auf Umwandlung von normalem 3D-Content in mehrere Ansichten (Multi View) für AS-3D-Displays haben sich unter anderem C.R.S. ii Motion und NVS (natural view systems ) spezialisiert. Manche TV-Geräte bieten schon 2D-zu-3D-Wandler mit Echtzeit-Konvertierung, die Ergebnisse sind aber ebenfalls sehr stark abhängig von den Bildinhalten.
 
Nächster MPEG-Standard lässt hoffen
Das Berliner Fraunhofer Heinrich Hertz Institut (HHI) hat sehr viel Grundlagenforschung für Multi-View geleistet. Laut Ralf Schäfer, Leiter der Abteilung für Bildverarbeitung, müsse es das Ziel sein, auf mindestens 20 Ansichten zu kommen, um damit die breite Masse der Anwender (sowohl TV- als auch B2B-Kunden) abzuholen. Das setze wiederum Bildschirme mit mindestens 4-facher (4K) HD-Auflösung voraus, die noch minimal vier Jahre darauf warten liessen, bis sie bezahlbar werden.
 
Sind viele TV-Anstalten heute schon mit HD überfordert, würde die Ausstrahlung von hoch auflösendem 3D in mehreren Ansichten erst recht ihre Bandbreiten-Kapazitäten sprengen. Das HHI habe daher laut Schäfer den entscheidenden Impuls geliefert für eine auf Autostereoskopie gerichtete 3D-Codierung auf Basis des kommenden neuen MPEG-Standards HEVC (H.265), der bei gleicher Qualität 60 Prozent weniger Datenvolumen erfordert als MPEG-4 oder H.264. Denn statt eine Vielzahl von Bildern gleichzeitig übertragen zu müssen, sind nur zwei Einzelbilder plus eine vom HHI eingebrachte Tiefen-Komponente nötig, um so 3D mit 1,8-facher Bitrate zu übertragen oder gleicher Bandbreite wie heute HD-TV. Auch das ist Business, denn die Berliner wollen für weitere Forschungsprojekte natürlich an Lizenzen verdienen.
 
3D-Education - ein Flop?
Über den Einsatz an Schulen und Universitäten, neudeutsch Education genannt, scheiden sich die Geister. Wie Möhr es sieht, wird in Deutschland und anderen Teilen Europas von den Anbietern mehr darüber geredet als die Bildungssysteme und Lehrpläne es überhaupt hergeben. Das Potenzial sei riesig, alle Anbieter hätten Education im Fokus, aber letztlich scheitere vieles wie so oft an den fehlenden Anwendungen.
 
Was den breiten Einsatz von autostereoskopischen 3D-fähigen Public Displays für Digital Signage angeht, macht sich Möhr auch keine Illusion für die nächsten drei bis vier Jahre. Andererseits habe er beobachtet, dass der Markt für entsprechende 2D-Displays ebenfalls erst in den letzten zwölf Monaten so richtig in Bewegung gekommen sei. Sehr viel Potenzial für autostereoskopische Displays sieht er in Museen. Entsprechende Vorlagen könnte der "erste 3D-Visualizer" von WolfVision aus Österreich liefern, und das sogar in Full-HD-Auflösung. Einsatzbereiche sind Telepresence, Distance Learning und medizinische Einrichtungen. Die Firma MediLive bietet auch entsprechende Lösungen für die Visualisierung von Operationen mit der Möglichkeit der Live-Übertragung an. Auf 3D für die Landvermessung (Geoinformatik) mit Schwerpunkt Archäologie und Denkmalpflege hat sich ArcTron 3D aus Althentann bei Regensburg spezialisiert. Auch das ist laut Möhr ein wachsender Markt. (Klaus Hauptfleisch)
 
Bild: 3D auf 2D darzustellen, ist recht schwer. Hier eine nette Ansicht, wie BenQ 3D-Beamer für Klassenzimmer schmackhaft machen will.
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