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Dienstag, 31.07.2012
Megastromausfall verschont Indiens Silicon Valley

Stromausfälle bedrohen Indiens Wirtschaftswachstum. Im Gestern waren im Norden des Landes bis zu 370 Millionen Menschen ohne Strom. Die Software- und IT-Dienstleistungsindustrie war diesmal aber noch aus der Schusslinie.
 
Gestern mussten zwischen 336 und 370 Millionen Menschen in Nordindien ohne Stromversorgung auskommen. Im Vergleich: Die USA haben 314 Millionen, die Euro-Länder rund 333 Millionen Einwohner. Nachdem die Löcher notdürftig gestopft wurden und bis Nachmittag angeblich 85 Prozent der Versorgung wiederhergestellt worden war, gibt es neue Berichte, wonach sich die Situation sich sogar noch ausweiten könnte.
 
Denn heute Dienstag ist nun auch das Stromnetz im Osten des Landes zusammengebrochen. Manche indische Gazetten titeln heute sogar schon, dass halb Indien erneut ohne Strom sei. Mit der Energieversorgung ist im Norden Indiens auch das Zug- und U-Bahnnetz ausgefallen. Die vielen Klimaanlagen, mit Ursache des Dilemmas, natürlich auch. Gravierender noch, dass auch viele Krankenhäuser von dem Stromausfall betroffen waren. In Teilen Indiens ist in Folge des schlimmsten Blackouts seit 2001 auch die Wasserversorgung zusammengebrochen.
 
Grosse IT-Dienstleister weitgehend aussen vor
Um nicht alles nur düster zu malen, zunächst die gute Nachricht aus IT-Sicht: Die Software- und IT-Dienstleistungsindustrie des Landes konzentriert sich auf "Indiens Silicon Valleys" Bangalore und Mumbai (ehemals Bombay) in der Mitte und im Süden des Subkontinents, abgesehen davon rekrutieren die Hersteller mittlerweile auch Mitarbeitende vor Ort in Europa und den USA. Indiens Top 3 der IT-Dienstleister, Tata Concultancy Services (Mumbai), Infosys und Wipro (beide Bangalore), waren daher in jedem Fall aus der Schusslinie, einzig die Nummer 4 HCL könnte, wie der ausgeschriebene Name Hindustan Computers schon sagt, betroffen gewesen sein. Unter News findet sich auf der Homepage aber nur ein Treffen von Firmengründer Shiv Nadar mit Bill Clinton im November des Vorjahres. Abgesehen davon unterhält der Apple-Partner auch ein riesiges Entwicklungszentrum in Bangalore.
 
Stromversorgung seit Jahren ein Problem
Indiens Stromnetz ist seit Jahren überlastet, der Ausbau kann mit der boomenden Wirtschaft gar nicht mehr Schritt halten. Neben der ausufernden Bürokratie und der an allen Ecken fehlenden Infrastruktur wird die mangelnde Stromversorgung von der auf Militärfragen spezialisierten Zeitschrift 'Globaldefence.net' in einem grösseren Portrait von 2007 als eines der Haupthindernisse für Investition und Wachstum beschrieben. In den Sommermonaten, wenn die Klimaanlagen auf Hochtouren laufen, ist die Situation besonders bedrohlich, so dass es wegen lang andauernder Ausfälle in einigen Teilen des Landes auch schon zu Unruhen gekommen ist.
 
"O’zapft" is mal anders
Gestern Montag besonders betroffen waren die Regionen um Punjab, Haryana, Uttar, Pradeh, Himachal Pradesh und Rajastan. Indiens Energieminister Sushil Kumar Shinde nannte als möglichen Grund für den Mega-Blackout eine Überlastung des Netzes im Norden des Landes. Zugleich kündigte er auch Untersuchungen an. Wie verschiedentlich spekuliert wird, haben einige Bundesstaaten mehr Strom abgeschöpft, als ihnen zusteht.
 
Hinzu kommt, dass ein Drittel der indischen Stromproduktion in den Städten "illegal abgezapft" wird oder auf anderen Wegen verloren geht. Einem Weltbank-Bericht von 2007 zufolge, kosten die häufigen Stromausfälle Indiens Industrie rund 8 Prozent des Umsatzes. Der Aufschwung des Landes wurde 2006 zu knapp 61 Prozent vom Dienstleistungssektor getragen.
 
Widerstand gegen Atomkraftausbau
Indiens Energieversorgung reicht wie gesagt längst nicht mehr aus, um den jährlich wachsenden Bedarf zu decken. Biomasse und Abfall steuerten 2007 rund 37,4 Prozent zum Energiemix bei, Kohle rund 34,1 Prozent, Erdöl 22,2 Prozent, Erdgas 4,1 Prozent, erneuerbare Energien nur 1,4 Prozent und Atomkraft nur 0,8 Prozent. Neben den erneuerbaren Energiequellen soll vor allem die Atomkraft stark ausgebaut werden. 0,5 Prozent des BIP flossen 2007 schon in die Atomkraft, was gemäss den Spezialisten von Globaldefence.net eng verbunden mit der Entwicklung der Atombombe war. Dies hat schon damals zu Widerstand von Umwelt- und Friedensaktivisten geführt.
 
Mit 830 Millionen Megawattstunden hat sich die Stromerzeugung in Indien in den letzten beiden Jahrzehnten bis 2008 mehr als verdreifacht, der Pro-Kopf-Verbrauch gehört aber gemäss 'NZZ' noch immer zu den niedrigsten weltweit. Zumal muss man davon ausgehen, dass rund ein Drittel der Stromproduktion verloren gehen.
 
Ein Viertel der 1,2 bis 1,3 Milliarden Inder sollen bis heute gar keinen Zugang zur Elektrizität haben. Selbst in Grosstädten wie Neu-Dehli und Mumbai kommt es in den Sommermonaten oft zu stundenlangen Stromausfällen.
 
Die Softwareindustrie als Geringverbraucher dürfte sich dagegen mit Notstromaggregaten gerüstet haben. Ob diese aber genug Strom liefern können, um die Klimaanlagen am Laufen zu halten, die es braucht, um vernünftige Arbeitsbedingungen für die IT-Fachkräfte zu garantieren? (Klaus Hauptfleisch)
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