Weissrussland - Silicon Valley Europas?

Die ehemalige Sowjetrepublik im Osten Europas hat sich in den vergangenen 15 Jahren zu einem attraktivem IT-Outsourcing- und Offshoring-Markt entwickelt, der sogar dem Giganten Indien Konkurrenz macht. Vom weissrussischen Software-Boom können auch Schweizer Firmen profitieren.
 
"Ja, wir haben auch einige Kunden aus der Schweiz", sagt Alexej Spas (Foto) im Gespräch mit inside-it.ch. Der Senior IT Manager arbeitet beim weissrussischen Software-Entwickler Instinctools, der sein Hauptquartier in Stuttgart und sein Entwicklungslaboratorium in Minsk betreibt. "Es sind kleine und mittlere Firmen", fügt der Manager hinzu, ohne Einzelheiten zu verraten. Die grösseren Kunden stammen seinen Aussagen zufolge aber aus Deutschland. "Es sind unter anderem SAP, BMW oder Daimler", so Spas, der diesen Teil von Europa sehr gut kennt. Schliesslich hat er im baden-württembergischen Pforzheim an der FH zwischen 2004 und 2006 seinen MBA im internationalen Management gemacht. Trotzdem spricht er lieber Englisch.
 
Top-Offshoring-Land
Nicht nur Westeuropa ist für die Weissrussen von Interesse. Selbstverständlich bedienen sie auch Kunden in der Region wie die russischen Finanzriesen Sberbank und VTB Bank. "Wer davon letztlich der bedeutendste ist, lässt sich schlecht sagen", erklärt der IT-Fachmann. Denn schliesslich setzt seine Firma seinen Aussagen zufolge auf Diversifikation. Er spielt darauf an, dass Instinctools möglichst viele Aufträge gewinnen will, um sich nicht von einem einzigen Grosskunden abhängig zu machen. "Wir beschäftigen 40 hochqualifizierte IT-Ingenieure und sind am deutschen und westeuropäischen Markt bereits seit sieben Jahren aktiv", unterstreicht Spas.
 
Instinctools gehört zu den weissrussischen Neulingen, die in den vergangenen Jahren immer mehr Kunden im Westen gefunden haben. Das Land hat sich immer weiter zu einem IT-Outsourcing-Markt entwickelt. Gartner listete Weissrussland kürzlich unter den Top-30-Offshoring-Länder weltweit. Nach Schätzungen des dänischen Nearshoring-Spezialisten Ciklum lag Ende 2011 der Wert der Aufträge, den internationale und einheimische Unternehmen den weissrussischen Dienstleistern erteilt haben, bei insgesamt 384 Millionen Dollar (355 Millionen Franken). Doch das ist noch nicht alles: Beim Wert der exportierten IT-Leistungen befindet sich Weissrussland sogar weltweit in der Spitzengruppe - und zwar dann, wenn man das Gesamtvolumen durch die Einwohnerzahl teilt. Mit 35 Dollar (32 Franken) je Einwohner rangieren die Osteuropäer nicht weit hinter dem IT-Giganten Indien, der die Tabelle anführt.
 
Jahrzehnte alte Software-Industrie
Dafür gibt es einige Gründe. Das Land war bereits zur Sowjetzeit die Republik, die gut ausgebildete Software-Experten beschäftigt hat. Einer der ersten Computer, den das kommunistische Land hergestellt hat, wurde in der jetzigen Hauptstadt Minsk entwickelt. Seit etwa einem halben Jahrhundert existiert hier eine gut entwickelte Software-Industrie. Das Land hat insgesamt 55 Universitäten, die pro Jahr etwa 16'000 IT-Experten ausbilden.
 
Dieser Schwerpunkt des osteuropäischen Staates auf Technologie ist nur wenig bekannt. Schliesslich schreibt die westliche Presse fast nur dann über Weissrussland, wenn Staatspräsident Alexander Lukaschenko wieder einmal mit Repressalien aufgefallen ist. Was nur wenige wissen: Das Minsker Regime schneidet auf den Listen internationaler Organisationen, welche die Verletzung von Bürgerrechten anprangern, nur wenig schlechter ab als der grosse Bruder in Moskau, Russland. Da Westeuropa aber vom russischen Gas abhängig ist, fällt der Ton gegenüber Russland letztlich doch noch relativ milde aus. Umso mehr muss sich Lukaschenko den Tadel der westlichen Presse anhören, weil sein Land für den Westen eine geringere Bedeutung hat.
 
Keine Unternehmenssteuern für Tech-Firmen
Das hat dazu geführt, dass die Entwicklung der weissrussischen Software-Industrie im Westen weitgehend unbemerkt geblieben ist. Dabei dürfte das Angebot der Weissrussen durchaus interessant sein. Und das alleine schon deswegen, weil das Regime um Lukaschenko diese Branche massiv unterstützt. Beispielsweise werden die Firmen, die sich im Hightechpark des Landes ansiedeln, von sämtlichen Unternehmenssteuern befreit. Dort präsent sind zum Beispiel der SAP-Schweiz-Partner LeverX oder Epam Systems, ein US-Unternehmen, das auch in der Schweiz tätig ist. Schweizer Kunden bedienen unter anderem die Firmen System Technologies, Web2 Innovation und EuroATS
 
Für westliche Kunden ist besonders wichtig, dass die Preise wesentlich geringer sind - neben einer ähnlichen Qualität der Dienstleistungen. Im Durchschnitt kostet die Arbeitsstunde zwischen sechs und zehn Mal weniger als in Westeuropa oder in den USA. Langfristig kann eine Firma dadurch erheblich ihre Kosten senken. Darüber hinaus ist der Standort nicht weit entfernt. In zwei bis drei Flugstunden lässt sich Minsk von fast jeder westeuropäischen Hauptstadt bereits erreichen.
 
Gravierende Sprachprobleme gibt es eigentlich auch keine, da die Software-Experten im Prinzip alle Englisch sprechen - ein Fakt, den man hier nicht unbedingt erwarten muss. Denn in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion ist zum einen diese Sprache bei weitem nicht so verbreitet wie im Westen. Zum anderen sind die Weissrussen gegenüber Ausländern normalerweise auch nicht sehr offen.
 
"Silicon Valley of Europe"
Die starke internationale Ausrichtung des Hightechparks, in dem mehr als 100 Firmen angesiedelt sind, spiegelt sich auch in den Statistiken wider: 80 Prozent der Software, die hier produziert wird, gehen in den Export. 45 Prozent davon sind für den US-Markt sowie für Kanada bestimmt. Ein Drittel findet ihre Abnehmer in Westeuropa, ein Fünftel hingegen nur in Russland und andere GUS-Staaten.
 
Ciklum spricht davon, dass Weissrussland sogar schon in den kommenden drei Jahren "Silicon Valley of Europe" werden könnte. Nach Einschätzung der Experten dürften in dieser Industrie mehrere tausend neue Arbeitsplätze entstehen. Das Engagement der Weissrussen in dieser Branche dürfte somit aufgrund der vergleichsweisen hohen Qualität und der niedrigen Kosten langfristig von Erfolg gekrönt sein. (Sebastian Becker, Warschau)