Schweizer Polizei-IT: Quo vadis?

Die Harmonisierung der Polizeiinformatik stand im Zentrum des diesjährigen Schweizer Polizei Informatik Kongresses im Berner Stade de Suisse. Auf der Agenda steht eine Verschlankung der ICT-Organe der Polizei. Knacknuss bleibt die Helvetisierung internationaler Software-Lösungen.
 
Gut 600 Teilnehmer und damit rund 70 mehr als im Vorjahr trafen sich gestern zum diesjährigen Schweizer Polizei Informatik Kongress (SPIK), der somit einen Rekordzulauf verbuchen konnte. Man habe das quantitative Wachstum nie als Selbstzweck gesucht, freue sich aber sehr, dass die Plattform solchen Anklang findet, hält Mark Saxer vom veranstaltenden Verein Swiss Police ICT fest und schiebt nach: "Qualitativ definieren wir jedes Jahr Verbesserungen". Diesmal waren neben den schon traditionellen Gästen des deutschen BKA (Bundeskriminalamt) und verschiedenen LKAs (Landeskriminalämter) auch hochrangige Besucher aus Polizei und Politik aus Rumänien, Tschechien, Frankreich und Spanien vertreten.
 
Trotz des internationalen Zuspruchs wird aber nicht an eine Internationalisierung des SPIK gedacht: "Das S im Kürzel SPIK steht für Schweiz, und so wird es bleiben", erklärt Saxer gegenüber inside-it.ch. Allerdings diskutiere man, wie sich angesichts des positiven Echos und des wachsenden Interesses aus dem Ausland in geeigneter Form auch internationale Referenten einbinden lassen. Dass die Veranstaltung nichts an Attraktivität eingebüsst hat, zeigt übrigens auch die Teilnahme von 30 Firmen, die den Kongress inzwischen als Ausstellungsplattform nutzten.
 
Zusammenarbeit gegen Cyberkriminelle
In den Plenumsvorträgen wurden drei zentrale Themen adressierten: Big Data, Cybercrime und die Harmonisierung der Polizeiinformatik (HPI) in der Schweiz. Hierzu wies IBM-Trendforscher Moshe Rappoport in seinem Eröffnungsvortrag darauf hin, wie sehr sich die Nutzung von IT-basierten Lösungen im Alltag ausgebreitet haben, wie rasant die Datenbestände wachsen und ein ganz neuer Umgang mit ihnen konstatiert werden muss.
 
Eine der damit einhergehenden Herausforderungen thematisierte Dieter Schneider (Foto), Präsident des Landeskriminalamts Baden-Württemberg. Er forderte eine enge Zusammenarbeit mit Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und jedem Einzelnen, um den explosionsartig zunehmenden Gefahren aus dem Internet effizient begegnen zu können. Um an die Cyberkriminellen herauszukommen, so Schneider gegenüber inside-it.ch, seien Partnerschaften unumgänglich. Mit der Schweizer Polizei pflege man hierbei bereits einen guten Austausch, auch wenn der nicht institutionalisiert sei. Der SPIK, laut Schneider eine Plattform, die in dieser Form einzigartig ist, biete genau diese Möglichkeit für den notwendigen Austausch über die Grenzen der Polizei hinaus.
 
HPI hinkt der Technik hinterher
Auf grosses Interesse stiess zudem der Vortrag von Markus Röösli, IT-Chef der Kantonspolizei Zürich und Vorsitzender der Programmleitung HPI (Harmonisierung Polizei-Informatik). Zum einen konnte er bekannt geben, dass soeben erst die Organisation für HPI verschlankt worden ist. So werden bis Ende 2013 die Schweizerische Polizeitechnische Kommission (SPTK) in HPI aufgehen und die Leiter Dienste der SPTK mit den Programmmanagern des HPI zusammengeführt. Ausserdem sollen auch die Fachgruppe Informatik und Kommunikation des HPI mit dem Gremium Planung, Projektsteuerung und Standardisierung in der polizeilichen Informationsverarbeitung der Schweiz (PPS), die im Wesentlichen die gleichen Aufgaben und Ziel verfolgen, zusammengelegt werden.
 
Angestrebt wird damit eine grundsätzliche Verschlankung der bestehenden ICT-Organe innerhalb der Schweizer Polizei. Gleichzeitig, so Röösli, werde man diverse Aufgaben für die Umsetzung und den Betrieb gemeinsamer IT-Projekte professionalisieren und nicht mehr nur auf "Milizler" sondern vermehrt auf festangestellte Profis setzen.
 
Helvetisierung auf dem Prüfstand
Die Diskussion mit SPIK-Teilnehmern zeigte dann, dass Röösli mit der Umorganisation einen wunden Punkt getroffen hat. Wim van Moorsel, COO bei Anyweb, betont gegenüber inside-it.ch, dass HPI noch immer am Anfang stehe. "Die Industrie könnte heute längst weiter sein, als es die Organisation ist". So seien etwa Applikationsbrüche zwischen den Kantonspolizeien nach wie vor nicht gelöst, obwohl dies technisch kein Problem sei. Auch im Cybercrime-Umfeld zeige sich immer wieder, dass eben nicht die Technik sondern neben der komplexen gesetzlichen Diskussion gerade auch die Organisation einen eigentlichen Hemmschuh bildet.
 
Ein weiteres Gesprächsthema war unter den Anbietern von IT-Lösungen für die Polizei die sogenannte Helvetisierung der Angebote. Sowohl bei Anyweb wie auch bei LogObject wurde betont, dass man sich in der Schweiz in einem lokalen Nischenmarkt befinde. Das seien schlechte Parameter für grosse Anbieter, die ihre Lösungen einfach auf den Schweizer Markt herunterbrechen, meinte etwa Roberto Rossi, Chef von LogObject, gegenüber inside-it.ch. Schnelle Gewinne seien nicht zu realisieren und ständig seien Investitionen in Millionenhöhe nötig. Ob sich grosse Unternehmen auf Dauer auf solche Marktbedingungen einlassen, bezweifelt Rossi. Konkret meinte er, dass "im Markt für Einsatzleitsysteme eine Konsolidierung" ansteht. Nicht alle vier derzeitigen Marktleader (Intergraph, Hewlett Packard, Techwan, LogObject), so Rossi, würden auf Dauer in der Schweiz weiterbestehen können.
 
Doch die Diskussion ist noch keineswegs entschieden. Denn am SPIK war diesmal auch Atos prominent vertreten, beispielweise im Umfeld der Einsatzleit-Systeme soeben erst als neuer Anbieter an den Start gegangen. Atos kann heute mit der Rega ein Schweizer Referenzprojekt zeigen. Dabei wurde das in Spanien weit verbreitete System von Atos an die Schweizer Verhältnisse angepasst. Eine Helvetisierung, die als gelungen gilt.
 
Mobility
Wichtiges Thema am SPIK war zudem die Mobilität. Hier hatte die Kantonspolizei Zürich gezeigt, wie schwierig es ist, die rund 2000 iPhones, die sich grosser Beliebtheit erfreuen, fit zu machen für den nötigen Einsatz. Hierfür fehlen insbesondere die Möglichkeiten für ein professionelles Management. Insgesamt werde es immer anspruchsvoller, Devices, die aus dem Consumer-Umfeld stammen, in Umgebungen einzubinden, wie sie etwa bei der Polizei betrieben werden, erklärt van Moorsel. Auch hier seien je länger desto öfter Spezialisten gefragt, die sich auf eine Marktnische spezialisiert haben, dazu den lokalen Markt bestens kennen und technisch auf der Höhe der Zeit sind. (Volker Richert)