"Google Math", unechte App Stores und andere Absurditäten

Der Google Play Store ist eigentlich gar keiner. Und überhaupt: Der Internetriese kann nicht rechnen.
 
Apps gibt's im App Store. Der funktioniert eigentlich ganz einfach: Entwickler geben beim Betreiber des App Stores eine App ein. Genügt die den Richtlinien, so wird sie in den App Store aufgenommen und kann da von den Kunden des App Stores bezogen werden. Die Transaktion erfolgt zwischen Kunde und App Store. Der App Store nimmt für Transaktionsabwicklung, Listing und Delivery eine Kommission von 30 Prozent des Nettopreises, d.h. des Preises nach Abzug der Mehrwertsteuer. Das wäre eigentlich immer noch relativ einfach, ist aber offensichtlich für Google zu kompliziert.
 
Googles Rechenkünste
Der Verkaufspreis besteht aus dem Nettopreis und der darauf fälligen Mehrwertsteuer. Um aus einem Verkaufspreis den Nettopreis zu errechnen, muss die Mehrwertsteuer herausgerechnet werden. Beträgt deren Satz, wie etwa in Grossbritannien 20 Prozent, so geht das korrekt und einfach, indem man den Verkaufspreis durch 1.20 teilt. Bei einem Verkaufspreis von 10 Pfund gibt das dann 8.33 Pfund. Kontrollieren kann man dies, indem man auf diesen Betrag die Mehrwertsteuer von 20 Prozent aufschlägt, d.h. eine simple Multiplikation mit dem Faktor 1.2.
 
Google macht es sich aber noch einfacher, dafür inkorrekt: Für die Ermittlung des Nettopreises werden schlicht und simpel 20 Prozent des Verkaufspreises genommen. Dass dies falsch ist, zeigt eine einfache Kontrolle: 20 Prozent eines Verkaufspreises von 10 Pfund sind 8 Pfund. Wendet man den Steuersatz von 20 Prozent auf diese 8 Pfund an, so ergibt sich ein Verkaufspreis von 9.60 Pfund. Dass da etwas nicht stimmt, ist eigentlich offensichtlich. Hätte Google das eigene Such-Produkt mit den Suchwörtern "VAT Calculation UK" verwendet, so wäre der dritte Treffer auf der ersten Seite der Suchresultate die richtige offizielle Anlaufstation gewesen: Die Seite der britischen Steuerbehörde, welche die Berechnung anhand von Beispielen für durchschnittlich intelligente Leute verständlich macht.
 
Auf Anfrage erklärte Google Schweiz zuerst, dass die Berechnung von Google für Grossbritannien stimmt. Nach Vorlage der offiziellen Berechnungsweise brauchte Google Schweiz dann noch drei Tage, bis der Fehler zugegeben wurde. Mittlerweile hat Google UK den offensichtlichen Fehler behoben. Fragen in Bezug auf Qualität der zur Verfügung gestellten Informationen bleiben bestehen und man muss sich auch die Frage nach der Qualität der Qualitätssicherung stellen.
 
Google Play Store: Das Store im Namen täuscht
Google Play bezeichnet sich zwar als Store, ist aber in Tat und Wahrheit ein Marktplatz. Bei Gratis-Apps spielt das keine Rolle, dafür umso mehr bei kostenpflichtigen Apps und bei Apps mit kostenpflichtigen Inhalten und anderen In-App-Kaufmöglichkeiten. Zwar wird die Zahlungsabwicklung übernommen, dies aber nur in Bezug auf die Bezahlung durch den Kunden und die Auszahlung an den Entwickler/Herausgeber. Um die Mehrwertsteuerabrechnung kümmert sich ein Marktplatz nicht, denn er agiert nur als Vermittler.
 
Obwohl Google sich die branchenüblichen 30 Prozent des Nettopreises genehmigt, verzichtet die Firma darauf, auch die branchenüblichen Dienstleistungen für diese Entschädigung zu leisten und die dafür anfallenden Kosten zu übernehmen. Der Verwaltungsaufwand für Entwickler/Herausgeber, die ihre kostenpflichtigen Apps weltweit anbieten, ist bei Google Play massiv höher als bei Apple, Microsoft oder auch Samsung. Die Organisation als Marktplatz hat auch Auswirkungen auf die Kunden. Bei einem Marktplatz erfolgt das Geschäft zwischen Kunde und Entwickler/Herausgeber, die Verrechnung aber über den Marktplatz, so dass eine einfache Rückabwicklung weder durch den Entwickler/Herausgeber noch durch den Marktplatz möglich ist.
 
Unzulängliche Suche
Apple und Microsoft haben zwar den Developer-Support und den Betrieb des Stores im Griff, patzen aber dort, wo Google seine Stärken ausspielt: Bei der Suche nach Apps im Store. Obwohl nebst Keywords auch Beschreibungen der Apps vorhanden sind, werden diese bei der Suche nach Apps nicht berücksichtigt. Zudem sind die Keywords auf 7 respektive auf 100 Zeichen beschränkt. Bei 800'000 Apps im Apple App Store oder über 130'000 Apps im Microsoft Store ist das suboptimal. Dass bei allen App Stores auch ein deutliches Verbesserungspotential für die Anzeige der Suchergebnisse besteht, ist mittlerweile hinlänglich bekannt.
 
Apps und App Stores
Im ersten Teil unseres Feature-Artikels zu Apps und App Stores geht es um eine Bestandesaufnahme. Im zweiten Teil wird es dann um das Ökosystem rund um Apps und App Stores gehen und wie die App und Content Stores in Zukunft aussehen sollten, insbesondere aus der Sicht der Entwickler/Herausgeber und der Kunden.
 
Ein herunterladbares PDF mit einer Übersicht wird ebenfalls folgen. (Christoph Jaggi)