Bund: Aufregung um GEVER

Der Bund investiert weitere neun Millionen Franken in Lizenzen und Wartung für Software von Fabasoft. Vor einem neuen Produktentscheid für eine zweite GEVER-Lösung.
 
"Dem Bund droht ein neues Millionen-Grab" titelte der 'SonntagsBlick' aufgeregt an Pfingsten. Der Bund habe bisher "über 110 Millionen Franken" in die elektronische Geschäftsvewaltung (GEVER) investiert, schreibt die Zeitung. Nun drohe "ein Übungsabbruch". "Wieder wären über 100 Millionen Franken verlocht!", heisst es in dem Artikel. Zudem zitiert die Zeitung den (zumindest unseren LeserInnen) längst bekannten Bericht der Finanzdelegation, in dem diese vorschlägt, eineN zentraleN GEVER-VerantwortlicheN einzusetzen. Die Zeitung verwechselt dann aber Finanzdelegation mit Finanzkontrolle und behauptet: "Die Eidgenössische Finanzkontolle will jetzt die Notbremse ziehen."
 
Wartung und Lizenzen für Fabasoft für neun Millionen Franken
Richtig ist, dass der Bund für den Zeitraum von 2013 bis 2015 neue Wartungsverträge für die installierten und benützten GEVER-Lösungen des österreichischen Software-Herstellers Fabasoft abschliessen musste. Da nur Fabasoft seine Software wartet, musste der Auftrag "freihändig", also ohne Ausschreibung vergeben werden. Ausserdem hat der Bund zusätzliche Lizenzen für weitere, ursprünglich nicht eingeplante GEVER-Arbeitsplätze gekauft. Total gibt der Bund knapp neun Millionen Franken dafür aus, wie gestern veröffentlicht worden ist.
 
Anders als der 'SonntagsBlick' suggeriert, sind die Lizenzen mit Fabasoft nicht "ausgelaufen", so Jonas Spirig vom Bundesamt für Bauten und Logistik, das den Auftrag an Fabasoft vergeben hat.
 
Und die elektronische Geschäftsverwaltung über verschiedene Departemente hinweg wird tatsächlich eingesetzt. So wurden seit einem Jahr "rund 3000 Bundesrats-Geschäfte erfolgreich mit GEVER vor- und nachbearbeitet", wie Ursula Eggenberger von der Bundeskanzlei schreibt. Sämtliche Generalsekretariate der Departemente des Bundes hätten ein GEVER-System im Einsatz.
 
Neue Produktstrategie lässt auf sich warten
Unklar ist hingegen, welche Software-Plattformen der Bund langfristig für den Bau der elektronischen Geschäftsverwaltungslösungen einsetzen wird. Im November 2011 musste das Bundesamt für Informatik das Projekt "GEVER Office", in dem man eine Alternativlösung zu Fabasoft zusammen mit Microsoft bauen wollte, abrupt abbrechen. Seitdem ist Fabasoft die einzige, vom Bund anerkannte Standard-GEVER-Lösung. Da der Bund aber grundsätzliche eine Mehrproduktstrategie fährt, muss mindestens eine weitere Lösung zum Standard erklärt werden. Welche dies sein soll - es gibt diverse (Schweizer) Alternativen zu Fabasoft - ist vorläufig nicht klar. Das soll sich demnächst ändern.
 
Denn die Generalsekretären-Konferenz der Bundesverwaltung hat am 26. April beschlossen, die künftige Produktstrategie zu klären und die Bundeskanzlei beauftragt, einen Vorschlag dafür zu erarbeiten, so Eggenberger auf Anfrage. Den Entscheid wird dann die Generalsekretären-Konferenz und letztlich der Bundesrat fällen. Sobald klar ist, welche Produkte man einsetzen will, wird die Beschaffung dann WTO-konform ausgeschrieben, so Eggenberger.
 
Da nicht anzunehmen ist, dass der Bund auf die bereits an vielen Orten eingesetzte Lösung von Fabasoft verzichten will, geht es vor allem darum, welches Produkt man als Fabasoft-Alternative als Standard anerkennen wird.
 
"Was hier gewurstelt wird, weiss ich nicht."
Die Zuständigkeiten in Sachen GEVER sind im Bund tatsächlich auf einige verschiedene Stellen verteilt. So auf die einzelnen Departemente, auf das Informatiksteuerungsorgan, das Lösungen zu Standards erklären kann, auf die Bundeskanzlei und auf das BBL, das Lizenzen kauft und verwaltet.
 
Grund dafür ist, dass GEVER nur zum geringeren Teil mit Informatik, aber sehr viel mit Arbeitsabläufen zu tun hat. Die Verantwortung für die Gestaltung der Arbeitsprozesse liegt aber (logischerweise) bei den einzelnen Departementen der Bundesverwaltung. Das hat dazu geführt, dass nicht alle Departemente die gleiche Lösung für die elektronische Geschäftsverwaltung einsetzen und einige GEVER noch gar nicht eingeführt haben. Deshalb stellt die Finanzdelegation ja auch die Frage, ob es nicht eineN zentrale "Mister" oder "Madame GEVER" geben sollte
 
Das ist kompliziert: "Was hier gewurstelt wurde, weiss ich nicht. Aber ich wundere mich nicht, wenn nun neue Schwierigkeiten publik gemacht werden," lässt sich Nationalrat Pirmin Schwander im 'SonntagsBlick' zitieren. Schwander ist nicht der einzige, der nicht weiss, was in Sachen GEVER "gewurstelt" wird. Aber dazu etwas schreiben kann man ja allemal. (Christoph Hugenschmidt)