Die neuen Schweizer Bankiers

Nanio will die Konsumenten ermächtigen, ihre persönlichen Daten selber zu verkaufen, Majambe bietet "Umarmungen" als Prämiensystem und Mobino entwickelt ein Handy-basiertes Bezahlsystem, das die Kreditkarten aussen vor lässt. Es tut sich was im Schweizer Geldflusssystem.
 
Auch in der Schweiz tüfteln Innovatoren an neuen Währungen, Geldflüssen und Wertsystemen. Die müssen keineswegs immer an einem physischen Symbol wie Banknoten oder Münzen festgemacht sein, erklärt Christian Walter, Geschäftsführer von Swiss Made Software: es sei ebenso ein Mythos, dass Geld als Ausweg erfunden worden sei, weil der Tauschhandel nicht mehr funktioniert hätte - alles basiere auf der Vergabe von Krediten, und die müssten die Banken heute in Europa gerade noch mit einem einzigen Prozent monetär absichern.
 
Ob virtuelle Währungen der Ausweg aus dem krankenden System der Zinswirtschaft - neue Kredite decken Zinszahlungen für alte - bedeuten, sei offen. Jedenfalls hat die kometenhaft aufgestiegene virtuelle Währung Bitcoin die Aufmerksamkeit auf neue Währungen und alternative Zahlungssysteme gelenkt. Am Meetup der Basler Webilea, organisiert mit Unterstützung der Innovationsförderung Nordwestschweiz (i-net), präsentierten drei Schweizer Startups ihren Ansatz.
 
Nanio: Meine Daten verkaufe ich selbst
Das Aargauer Brüderpaar Andreas und Patrick Lüthi glaubt, dass "Big Data" das Erdöl des 21. Jahrhunderts ist. Weil allerdings die eigentlichen Eigentümer dieser Daten, nämlich die Individuen, welche die Datenspuren produzieren, aus dem Markt ausgeschlossen seien, handle es sich um einen neuen Feudalismus. Mit ihrem Startup Nanio wollen die Lüthis "Vasallen" wie Google, Facebook und die Telcos ausschalten und den Menschen den Verkauf ihrer persönlichen Daten direkt anheim geben.
 
Nanio soll ein Safe für alle persönlichen Angaben und Datenspuren werden, über den die Eigentümer die volle Kontrolle haben. Unternehmen könnten dann auf dem angeschlossenen Marktplatz ein Angebot für die Daten von Personen machen, die sie als potentielle Kunden gerne ansprechen würden. Die "Datenbank" Nanio leitet dieses weiter, und jeder Inhaber passender Daten könnte entscheiden, ob er seine Informationen zum gebotenen Preis an den Kaufinteressenten verkaufen soll. Das Unternehmen steckt noch tief in der Entwicklungsphase.
 
Majamba: Es gibt "hugs" für gute Taten
Sehr viel weiter und aus dem Innovationsfonds des Kantons Waadt gedeckt ist das Unternehmen Majamba des Inders Rajiv Srivastava (Foto), der mit guten Anekdoten und Geschichten rund um das Bonuspunktesystem brillierte. So sei die Idee ursprünglich gewesen, Käufern von Fairtrade-Produkten eine Umarmung (englisch "hug") angedeihen zu lassen, sagte der frühere Orange- und HP-Manager. Inzwischen sind "hugs" zu Bonuspunkten à la Cumulus und Supercard avanciert, allerdings mit zwei entscheidenden Unterschieden: Das Prämiensystem steht Drittorganisationen, und dabei nicht nur Organisationen wie "médecins sans frontières" und Max Havelaar offen, die "hugs" kaufen und an ihre Kunden verschenken können, sondern auch kommerziellen Unternehmen.
 
Die "hugs" können dann gegen Prämien aus dem Bereich der Musik eingetauscht werden: Musik-Downloads, Konzerttickets, Backstage-Pässe oder T-Shirts. Der Slogan lautet "Erhalten sie 'hugs' für eine gute Tat"; laut Srivastava müssen diese "guten Taten" - er nennt sie "missions" - von Majamba abgesegnet werden. Dabei könne ein Autohersteller durchaus eine solche Mission lancieren, die im Kauf eines besonders umweltfreundlichen Autos besteht. Majamba hat derzeit 17'000 Mitglieder und wachse in der Pre-Launch-Phase um rund 1400 Leute täglich.
 
Mobino: Bargeldlos und kreditkartenfrei bezahlen
Deutlich internationaler, aber ebenfalls mit dem Ziel der Verbesserung der Welt geht Mobino an den Start. Das Genfer Startup des Franzosen Jean-François Groff, der nach eigener Aussage bei der Entwicklung von HTML am Cern beteiligt gewesen ist, entstand aus seinem persönlichen Frust heraus, dass fast zwanzig Jahre nach dem Start des Webs noch kein vernünftiges virtuelles Zahlsystem bestehe: Alle Systeme, welche eine gewisse Durchdringung in der kommerziellen Welt geschafft hätten, basierten heute auf Kreditkarten.
 
Das schliesse nicht nur Milliarden von Menschen auf der Welt von der Teilnahme an den Marktplätzen aus, es koste auch viel zu viel - drei Prozent pro Transaktion mit einem Händler - und könne für die Verschiebung von Geld unter Privatleuten nicht genutzt werden. Ausserdem seien heute im Durchschnitt bei einem Bezahlvorgang im Web 75 Tastenanschläge oder Klicks nötig.
 
Groff hat deshalb ein System entwickelt, das sehr einfach, universal anwendbar und sicher sein soll. Mobino ist am ehesten mit PayPal vergleichbar. Diesem Pionier des virtuellen Zahlungsverkehrs wirft Groff vor, die Innovation gestoppt und sich den Kreditkarten ergeben zu haben und nur noch die Cashcow von eBay zu sein: Und dennoch habe PayPal bis heute nur 120 Millionen Kunden.
 
Sein System setzt deshalb auf ein Gerät, das auch in wenig entwickelten, armen Regionen der Welt inzwischen allgegenwärtig ist: Das Mobiltelefon. Es ist Terminal und Identitätsausweis des Kunden zugleich, indem seine Mobiltelefonnummer mit der PIN verknüpft wird. Zahlungen werden abgewickelt, indem der Verkäufer bei Mobino ein temporäres Ticket (Zahlencode) generiert und der Kunde mit der Eingabe dieses Codes und seiner PIN am Mobiltelefon der Abbuchung durch Mobino zustimmt. Das geschieht auf Smartphones in einer sehr eleganten (und für iPhone und Android bereits erhältlichen) und simplen App, auf einfacheren Mobiltelefonen via SMS oder per Voice-Steuerung.
 
Damit wird klar, auf welche Märkte Mobino zuerst abzielt: vor allem in Afrika und anderen armen Ländern sollen Menschen so Bargeld ersetzen und online Zahlungen machen können. Der Zugang zum Bankensystem in 32 Ländern sei bereits etabliert, in der Schweiz wickle Mobino den Zahlungsverkehr via SIX und mit PostFinance als Bank ab. Und während ein Kunde hierzulande gelegentlich ein Bankkonto via Lastschriftermächtigung mit seinem Mobino-Konto verknüpft, können Kunden in armen Ländern Transaktionen von der virtuellen- in ihre lokale Währung bei Agenturen abwickeln, wo sie persönlich identifiziert, die Abbuchung aus dem virtuellen Konto und die Auszahlung in Hartgeld vorgenommen werden.
 
Finanziert wird das ganze laut Groff mit einem Prozent Provision, welche Händler auf die Zahlungen ausrichten müssen. Transaktionen zwischen Privaten von einem auf ein anderes Mobino-Konto sind kostenlos.
 
Groff steht vor dem Rollout und sucht Investoren für fünf Millionen Franken an Private Equity. Mit Risikokapitalgebern habe er die Erfahrung gemacht, dass sie allesamt ein geschlossenes System entwickeln wollen, während Groff für grössere Ziele offen sein will. Inzwischen seien vermehrt auch Zentralbanken namentlich von ärmeren Ländern an dem System interessiert, weil sie erkannt hätten, dass sich damit die lokale Wirtschaft ankurbeln und zugleich die Kosten für die Herstellung von Bargeld einsparen lassen. Groff ist sich indes bewusst, dass er in Konkurrenz zu einer Reihe anderer Systeme und namentlich NFC befindet. Er habe deswegen von Schweizer Grossverteilern auch bereits einen Korb erhalten, weil die bereits in die neue Technologie investiert hätten. Er setzt jetzt darauf, schnell genug ausreichend zu wachsen, um sich mittelfristig durchzusetzen. (Peter Sennhauser)