Betrugsfall erschüttert Microsoft Schweiz

Microsoft erstattete Anzeige gegen einen Ex-Mitarbeiter, der sich seit mehreren Monaten in Untersuchungshaft befindet. Er soll zusammen mit dem Microsoft-Partner DirAction beim Handel mit Lizenzen für Schulen betrogen haben.
 
Im Juni suchte Microsoft Schweiz auf seiner Stellenplattform einen neuen "Education Lead", also einen Verkäufer für das Business mit Schulen und Universitäten. Grund: Der ehemalige Inhaber dieser Stelle musste Microsoft verlassen - und ein Ex-Kollege aus der gleichen Abteilung sitzt in Untersuchungshaft, wie die 'NZZ' heute exklusiv berichtet. Er soll - zusammen mit dem ehemaligen Microsoft-Partner DirAction - den grössten Betrug in der Geschichte von Microsoft Schweiz begangen haben, schreibt die Zeitung.
 
Auf der Webseite der Firma DirAction, die das Business mit Softwarelizenzen für Schulen in der Schweiz jahrelang beherrscht hat, steht: "Wir bedauern sehr, Ihnen mitteilen zu müssen, dass die Firma DirAction AG sämtliche Geschäftsaktivität per 31.04.2013 einstellt und auch in Zukunft keine Produkte anbieten wird." DirAction ist aus dem Geschäft ausgestiegen, weil Microsoft der Firma per 31. Januar den Status eines LARs (Large Account Resellers) entzogen hat. Auch der Versuch von einigen ehemaligen DirAction-Mitarbeitenden, mit der Nachfolgefirma Optsol wieder ins Geschäft zu kommen, ist gescheitert. Der Firma sei der AER-Status (Authorized Education Reseller) entzogen worden, heisst es auf deren Webseite.
 
Microsoft Schweiz hat am 12. Oktober 2012 Strafanzeige wegen ungetreuer Geschäftsführung gegen den Ex-Mitarbeiter (Name der Redaktion bekannt) eingereicht, wie die 'NZZ' schreibt und Microsoft-Sprecherin Barbara Josef bestätigt. Und zwei Vorgesetzte des ehemaligen Mitarbeiters mussten gehen. Ihnen wurde allerdings ordnungsgemäss gekündigt und man wirft ihnen keine Verwicklung in die Betrugsaffäre vor, hört man von gut informierten Kreisen. "Als die Affäre aufflog, waren plötzlich alle Mitarbeiter des Public-Sektors von Microsoft Schweiz nicht mehr erreichbar und angeblich krank. Danach sind einige wieder aufgetaucht - drei nicht," erzählte uns ein Microsoft-Händler.
 
Educa.ch, die Schweizerische Fachstelle für Informationstechnologien im Bildungswesen, die Bildungsinstitutionen bei der Beschaffung von Software unterstützt, war am 5. Februar 2013 von Microsoft-Schweiz-Chefin Petra Jenner informiert worden. Im Mai dann, nahm Educa Verhandlungen mit Microsoft für einen neuen Rahmenvertrag für Schweizer Schulen auf. Diese Verhandlungen sollen per Ende August abgeschlossen werden. Sie seien "auf gutem Weg", hört man aus Wallisellen.
 
Die seltsame Welt der Microsoft -Händler
Wie die angeblichen Betrügereien funktioniert haben sollen, weiss auch die 'NZZ' nicht. Sie schreibt von einem "komplexen Betrugsgeflecht", das der Ex-Mitarbeiter zusammen mit DirAction aufgezogen haben soll.
 
In der Branche hört man, DirAction habe die gewaltigen Preisdifferenzen für Software-Lizenzen zwischen verschiedenen Ländern - etwa Entwicklungsländern, die von Microsoft unterstützt werden - ausgenützt. Ausserdem redet man davon, dass DirAction zusätzlich auch Spezialist für den Vertrieb von sehr günstiger Microsoft-Software für wohltätige Organisationen gewesen sei und man spekuliert, der Händler habe mit Charity-Lizenzen jongliert.
 
Doch die angeblichen Betrügereien - der Ex-Microsoft-Mann ist nicht verurteilt - scheinen anders funktioniert zu haben. So ist vorstellbar, dass man aus mehreren Bestellungen verschiedener Schulen eine einzige, sehr grosse Bestellung gebastelt und den so entstehenden Mengenrabatt eingesackt hat. Zudem habe der Beschuldigte dafür gesorgt, dass Schweizer Bildungsorganisationen die Lizenzverträge ausschliesslich bei DirAction besorgten und sei dafür "entschädigt" worden, hört man in der Szene.
 
Profiteure des Untergangs von DirAction sind die beiden grossen Software-Händler Comsoft und SoftwareOne, denn diese werden nun das Software-Business mit dem Schweizer Bildungswesen übernehmen können.
 
Verlierer dürfte Microsoft Schweiz sein. Nicht nur haben die "Softies" einmal mehr ein Image-Problem, sondern die Firma dürfte auch viel Geld verloren haben. Gemäss 'NZZ' geht es um den "grössten Betrug" in der Geschichte von Microsoft Schweiz. Stimmt diese Aussage, so muss es um mindestens drei Millionen Franken gehen. 2,9 Millionen Franken betrug die Rückforderung, die Microsoft 2005 an den Distributor Also stellte (und bekam). Also musste damals bezahlen, ohne selbst etwas falsch gemacht zu haben. Es ging um unrechtmässige Deals mit Software-Lizenzen zu Sonderpreisen, die von Kunden eines Also-Kunden, ins Ausland verschoben worden waren.
 
Wie und ob der Beschuldigte und DirAction tatsächlich betrogen haben, wird der Strafprozesss zeigen. Doch die Affäre weist auf einen anderen Fakt hin. Mit Microsoft-Software für Schulen und Universitäten kann man viel Geld verdienen. So viel Geld, dass man jahrelang etwas davon abzweigen kann, ohne dass es bemerkt wird.
 
Der Besitzer und Chef des Ex-Microsoft-Softwarehändlers DirAction beantwortete unsere Bitte um Rückruf nicht. (Christoph Hugenschmidt)