Fredys Internet Protocol: Salzstängeli

Was haben Caterer und Provider gemeinsam? Kolumnist Fredy Künzler erklärts.
 
Waren Sie schon mal an einem Apéro Riche, wo die Häppli innert zwei Minuten alle weg waren? Das passiert vornehmlich an Events, wo das Publikum überaus lange und überaus langweilige Präsentationen über sich ergehen lassen muss, gefolgt von einer Podiumsdiskussion mit sattsam bekannten Argumenten in einem überfüllten und stickigen Saal. Wenn es dann endlich was zu trinken gäbe, ist selbstverständlich nur Weiss- und Rotwein verfügbar, obwohl doch fast alle lieber Bier hätten. Dazu hat der Caterer pro Person zwei Salzstängeli und eine Olive berechnet. Entsprechend ist dann die Stimmung unter den fast verhungerten Gästen.
 
Natürlich ist es unfein, mehr Salzstängeli als vorgesehen zu futtern und den anderen nur Brösmeli zu überlassen, doch eigentlich liegt der Fehler beim Gastronomen und nicht bei den Gästen.
 
Ungefähr gleich kalkulieren manche Provider die verfügbare Datenkapazität pro Endkunde. Wer sich erdreistet, pro Monat mehr als 100 Gigabyte zu saugen, gehört zur Kategorie "Poweruser", bei dem im Kundenadministrationstool eine gelbe Warnlampe blinkt.
 
Für die Salzstängeli-Berechnung… ähm Bandbreiten-Kalkulation ist die durchschnittlich verbrauchte Bandbreite pro Endkunde relevant. Für ein 5000er DSL-Abo ist beispielsweise ein Verbrauch von 160kBit/s im 24h-Dauerbetrieb vorgesehen, was einem Verbrauch von etwa 50GByte im Monat entspricht. Darüber hinaus muss der Provider einen Aufpreis für das Wholesale-Produkt zahlen, was in der Vergangenheit schon dazu geführt hat, dass Heavy-Datensaugern gekündigt wurde.
 
Der Empfang einer Internet-Radiostation mit 128kBit/s im Dauerbetrieb verbraucht das vorgesehene Volumen beinahe schon, aber damit haben wir noch keine Minute Youtube-Filmli geguckt, noch kein iOS Update runtergeladen, die Handyföteli sind noch nicht in der Cloud gebackupt und mit unseren Freunden in Übersee wollten wir doch auch noch videoskypen, doch leider nein - unser Provider sagt uns nämlich - selbstverständlich verklausuliert - ungefähr folgendes:
 
"Lieber Endkunde, wir freuen uns, wenn Sie den schnellsten und schönsten und besten Breitbandanschluss bestellen, den wir im Sortiment haben. Sie sollten diesen dann einfach nicht nutzen, denn sonst werden teure und aufwändige Backbone-Kapazitätsupgrades nötig. Bitte denken Sie daran, unseren anderen Kunden auch ein wenig Bandbreite übrig zu lassen - wir verweisen auf unsere 'Fair-Usage Policy'. Vielen Dank, ihr Provider."
 
Fredy Künzler (45) ist Gründer, CEO und Network-Architect des Business- und Wholesale-Internet-Providers Init7, Parlamentarier im grossen Gemeinderat in Winterthur und Papi eines vierjährigen "Digital Native". Seine Kolumnen für inside-it.ch und inside-channels.ch erscheinen in loser Folge. Fredy Künzler äussert seine persönliche Meinung.
 
Zeichnung: Ramona Stüssi