Virtuell, virtualisiert, emuliert, nichts kapiert

Zugegeben, die digitale Welt ist komplex. Voraussetzung für das Begreifen ist wie in anderen Bereichen die Kombination von Bildung, Wissen und Denkfähigkeit.
 
Wie man sich bildet und das nötige Wissen aneignet, spielt eigentlich keine Rolle. Entscheidend ist, dass es vorhanden ist. Ohne die nötige Denkfähigkeit klappt es aber definitiv nicht. Das gilt für die "digital Natives" genauso wie für alle anderen Leute. Dabei ist es gar nicht so kompliziert, wie es auf den ersten Blick scheint.
 
Cloud: Wolkige Hardware
IT-Systeme setzen sich aus Hardware und Software zusammen. Ohne die entsprechende Hardware funktioniert keine Software. Bei der Software gibt es mehrere Ebenen. Ohne die unterliegenden Ebenen funktionieren die oberen Ebenen nicht. Auch für die Nutzung von Cloud-basierten Diensten braucht es Hardware und Software, um auf Cloud-basierte Hardware und Software zugreifen zu können.
 
Wenn man in diesem Zusammenhang von virtuell spricht, so ist dabei von einer Abbildung von Teilen der analogen Welt in Software die Rede. Das Wort "virtuell" dient dabei als Sammel- und Oberbegriff, gibt aber keinen Aufschluss darüber, wie was gemacht ist.
 
Virtuell, virtualisiert, emuliert, simuliert
Nicht jede virtuelle Umgebung ist virtualisiert, sondern sie besteht oft aus einer Kombination von virtualisierten, paravirtualisierten, emulierten und simulierten Elementen. Bei einer Virtualisierung wird bestehende Hardware vervielfältigt, indem die physikalische Hardware in mehreren nur logisch vorhandenen Instanzen der Hardware aufgeteilt wird. Jede logische Instanz verfügt über die gleichen Eigenschaften wie die virtualisierte Hardware. Aus einem Rechner werden so mehrere logische Rechner, die sich wie eigenständige Rechner verhalten. Entsprechend bleibt es dem Gastsystem verborgen, dass es nicht auf einem echten, sondern nur auf einem virtuellen Rechner läuft. Auf dem realen System braucht es zur Verwaltung des virtualisierten Rechners eine zusätzliche Managementebene. Der Hypervisor kümmert sich um die Zuteilung der vorhandenen echten Ressourcen an die verschiedenen virtuellen Rechner.
 
Während bei der Virtualisierung unmodifizierte Gastsysteme direkt auf die virtuelle Hardware zugreifen können, erfolgt bei der Paravirtualisierung der Zugriff über eine Programmierschnittstelle (API) des Hypervisors. Dies bedingt eine Modifizierung der Gastsysteme, denn nur so können sie über die vom Hypervisor bereitgestellten APIs auf die Hardware zugreifen.
 
Bei einer Emulation handelt es sich nicht um eine Virtualisierung, sondern um die Imitation von Hardware oder Software auf einem System, das sich hardware- und softwaremässig vom emulierten System unterscheidet. Benötigt man beispielsweise für die Nutzung von Programmen oder Programmfunktionalitäten bestimmte Hardware, so kann mittels Emulation dem System vorgegaukelt werden, dass diese vorhanden ist, ohne dass sie real existiert. Ziel ist die möglichst präzise Reproduktion des Verhaltens.
 
Zu differenzieren ist die Emulation von der Simulation von Hardware oder Systemen, welche in diesem Kontext alle Aspekte des Originals - inklusive Logik - nachbildet.
 
Nichts kapiert
Was passieren kann, wenn Bildung und Wissen ungenügend und die Denkfähigkeit beschränkt ist, zeigte die österreichische IG Autorinnen Autoren, welche forderte, dass nebst auf physikalischem Festspeicher auch auf virtualisiertem Online-Speicher wie Dropbox, Wuala oder Google Drive Urheberrechtsabgaben bezahlt werden sollen. Inside-it.ch berichtete Ende 2012 darüber. Online-Speicher bedingt Hardware und man kann nicht sowohl den virtuellen als auch den dafür benötigten physikalischen Speicher mit Abgaben belasten.
 
Nicht jeder kann alles wissen. Man sollte aber selbst wissen, was man weiss und was nicht, bevor man Sachverhalte beurteilt oder Forderungen stellt. Das fehlende Wissen kann man sich problemlos selbst aneignen – Lesen lernt man ja bekanntlich schon in der Primarschule - oder man kann jemanden fragen, der es weiss. Die benötigten Informationen finden sich relativ einfach über Suchmaschinen. Man kann sich auch direkt auf Wikipedia einlesen oder einen der vielen Onlinekurse besuchen. Für all das braucht es aber den nötigen Willen. (Christoph Jaggi)