Dell: "Wir sind schon lange keine PC-Firma mehr"

Seit 130 Tagen ist Dell nicht mehr an der Börse, und so allmählich zeichnet sich der Kurs ab, den der Gründer und Eigentümer Michael Dell mit seinem "Baby" verfolgt.
 
Vieles von dem, was Dell jetzt anstrebt, adressiert die Probleme, die sich schon im vorigen Jahr abgezeichnet haben. Beispielsweise, dass man eine Lösung für den schrumpfenden PC-Markt finden muss, oder dass das Geschäft mit Software und Services profitabler ist als das Systemgeschäft. Und so ist es kein Wunder, dass Michael Dell (Foto) die Bedeutung seiner PC-Sparte herunterspielt: "Wir sind schon lange kein PC-Unternehmen mehr", sagte er jüngst auf einer Veranstaltung am Firmenhauptsitz in Austin. Zwar würde das PC-Geschäft noch immer einen bedeutenden Anteil am Gesamtumsatz ausmachen, doch die Wachstumsraten gibt es vor allem bei den professionellen IT-Segmenten wie Workstations, Management-Software, Server und Netzwerk-Komponenten.
 
Allrounder für die Business-IT
Trotzdem sind die PCs weiterhin ein wichtiges Standbein. Laut Dell beginnen rund 30 Prozent des Neukundengeschäftes mit einer PC-Beschaffung. Das bedeutet andererseits, dass bereits 70 Prozent des Neukundengeschäftes mit Server, Storage, Networking, RZ-Software und den entsprechenden Services generiert werden. Damit hat sich Dell endgültig als Allround-Anbieter für die Unternehmens-IT fest etabliert.
 
Gegenüber grossen Konkurrenten wie HP, IBM und Oracle will man sich vor allem durch ein besseres Preis-Leistungs-Verhältnis sowie durch Produkte mit offenen Standards und durch innovative Kooperationen unterscheiden. Was den letzten Punkt angeht, so verweist man auf Dells Cloud-Konzept. Während IBM und HP mit aller Kraft versuchen, sich gegen den Cloud-Marktführer Amazon zu behaupten, versucht man das bei Dell erst gar nicht. Stattdessen setzt man auf die Kooperation und Unterstützung von "Cloud-aktiven" Partnern. Hierzu gehören die neuen Kooperationen mit Microsoft, Google, Dropbox und Red Hat.
 
Die geschrumpfte Workstation
Besonderes Gewicht nehmen Dells Workstation-Angebote ein, vor allem die neuen virtuellen Systeme. Hierzu stellte das Unternehmen in der vergangenen Woche sein Konzept der virtuellen Desktop-Workstation vor. Dazu wurden die Client-Technologien von Wyse und die Cloud-Server-Strukturen von Citrix aufgebohrt, sodass darüber nicht nur die relativ unkritischen Büro-Anwendungen, sondern neuerdings auch Performance-intensive Ingenieur-Lösungen laufen können. Damit schrumpft die Workstation-Box zu einer kleinen Box auf dem Schreibtisch, während der Rest in den Racks des Rechenzentrums untergebracht ist. Primäre Zielgruppe für diese Systeme sind vor allem Anwendungen im CAD/CAM-Bereich. Dafür ist aber noch der Schulterschluss mit den entsprechenden ISVs erforderlich. Diese müssen nämlich ihre Software für eine solche Cloud-Anwendung modifizieren. Für Siemens' PLM-Software gibt es bereits ein entsprechendes Zertifikat; Autodesk, PTC und SolidWorks sollen in Kürze folgen.
 
Bei Dell sieht man die neuen virtuellen Workstations als Teil einer internen Cloud. Das heisst, diese Workstation werden entweder auf der bisherigen Rack-Workstation R6710 oder auf einem speziellen Server gehostet. Hierzu hat das Unternehmen soeben in Austin sein erstes "Virtualization Center of Excellence" eröffnet. Das ist ein spezielles Rechenzentrum, auf dem die Kunden ihre Anwendungen im Zusammenhang mit Thin-Client-Workstations testen können, bevor sie diese im eigenen Rechenzentrum implementieren. Das Zentrum steht weltweit zur Verfügung. Das heisst, wer seine CAD/CAM-Lösung auf eine virtuelle Workstation umstellen will, kann seine Software dort installieren, um sie auszutesten. Performance-Einbussen sind natürlich bei einer solchen Remote-Anwendung unvermeidlich, aber die Funktionalität lässt sich testen. Wer auch die Performance testen will, kann dazu nach Austin reisen, wo in einem speziellen Arbeitsraum alle verfügbaren Thin-Client-Systeme angeschlossen sind, sodass auch die Wahl des richtigen Endsystems ausreichend unterstützt ist. Um den Kunden die Reiserei zu ersparen, baut Dell derzeit solche Zentren rund um die Welt auf – auch in Frankfurt ist ein solches Zentrum geplant.
 
Bei dem Rechenzentrum in Austin werden die Thin-Client-Workstations wahlweise auf der Rack-Workstation R7610 oder auf dem PowerEdge-Server R270 gehostet. Letzterer ist mit Intel Xeon E5, Nvidia Grid K1/K2, VMware Horizon View und Citrix' XenDesktop ausgestattet. Dieses neue Konzept der Thin-Client-Workstations erlaubt auch die Möglichkeit eines neuen Cloud-Dienstes "Workstation-as-a-Service". Dell hat das aber nicht auf der Agenda. "Wir haben keine diesbezüglichen Pläne, aber für unsere Channel-Partner könnte das ein lukratives Geschäftsmodell sein", sagte Dells Workstation-Chef Andy Rhodes anlässlich der Eröffnung des Centers in Austin.
 
Damit bietet Dell jetzt im Bereich Workstations eine sehr breite Palette an. Sie beginnt am unteren Ende mit der soeben neu vorgestellten-Laptop-Workstation M2800, die mit einem 15-Zoll-Display für einen Startpreis von 1200 Dollar auf den Markt kommen wird. Dann geht es weiter über die klassischen Tower-Workstations T1700 und T7610 und der Rack-Workstation R7610 bis hinauf zur neuen Wyse-basierten Cloud-Workstation. Diese Produktvielfalt zeigt deutlich, dass Dell diesem Geschäftsbereich auch weiterhin grosse Bedeutung beimisst. "Auf unseren Workstations werden Oscar-Filme produziert, Rennwagen konstruiert und preisgekrönte Gebäude entworfen – es wäre töricht, dieses Potenzial nicht weiter auszubauen", sagte Rhodes über seine Business-Perspektiven. (Harald Weiss, Austin)