Im Reisswolf: Postkarten von der Todeszone

Kolumnist Peter Wolf über Schrott aus dem App-Lädeli.
 
Ich habe im App Store von Apple kürzlich einen Reiseführer erstanden, der versprach, Echtzeitverkehrsinformationen vom Mount Everest zu liefern, inklusive Stauwarnungen und Navigationsanweisungen.
 
Man ahnt es: Es handelt sich um eine dieser hundertfach geklonten Apps, bei denen die Produktbeschreibung mittels Suchen/Ersetzen angepasst worden ist. Immerhin hat man sich bei dieser Mogelpackung noch die Mühe gemacht, dies auch beim Inhalt zu tun. Daher finden sich im "Mount Everest Travel Guide" zum Beispiel nützliche Tipps, wie man als Tourist ins Basislager des höchsten Berges der Welt kommt: falls man den Linienbus zu nehmen gedenke, solle man frühzeitig dessen Abfahrtszeiten in Erfahrung bringen. Wer dann vom Dach der Welt eine Postkarte verschicken will, findet auch die nötigen Angaben zu den Schalteröffnungszeiten: "Sending Postcard from Mount Everest / The opening time of the post office: 10:00 to 18:00". Das klingt vernünftig, denn allzu lange sollte man sich sowieso nicht in der Todeszone aufhalten; und es liegt ja noch ein beschwerlicher Abstieg vor einem.
 
Solchen App-Schrott gibt es in den Software-Stores aller Betriebssysteme. Bei einigen werden grottenschlechte Produkte vermutlich einfach durch die Qualitätskontrolle durchgewunken, damit eine grössere Anzahl Apps im Store ausgewiesen werden kann. Manchem Betreiber scheint es wichtiger zu sein, 100'000 beliebige Apps im Angebot zu haben als 1000 gute. Ob sich der Kunde in einem Ramschladen wohler fühlt als in einem gut sortierten, wage ich zu bezweifeln.
 
Die grosse Anzahl an Apps im Windows-Phone-Store rührt unter anderem daher, dass es dort nicht nur eine App mit Tomatensuppenrezepten gibt. Sondern auch eine mit Cremesuppenrezepten. Sowie eine App für "Suppen vegetarisch" und eine "Suppen vegetarisch II" sowie eine mit dem Namen "Suppen vegetarisch I + II + III + IV". Und so munter weiter.
 
Aber nicht nur mit repetitiven Rezept-Apps kriegt man seinen Laden voll, auch die wild wuchernden Taschenlampen-Programme tragen ihr Scherflein dazu bei - sowie die aberhunderten von Städte- und Reiseführern. Einige davon sind wirklich gut, andere enthalten bloss aus Wikipedia herauskopierte Informationen.
 
Und dann gibt es noch die Mogelpackungs-Apps, die klingende Markennamen tragen, mit deren Rechteinhabern aber überhaupt nichts zu tun haben. Diese Trittbrettfahrer profitieren davon, dass einige grosse Firmen es nicht für wichtig erachten, ihre Apps auch für Randgruppenbetriebssysteme zur Verfügung zu stellen.
 
Fürs Windows Phone gibts zum Beispiel eine iTunes-App, die nichts kann ausser so heissen. Und Geld kosten. Und eine schlechte Klingelton-App zu sein.
 
Ich kann mir nicht vorstellen, dass man sich als Benutzer eines Smartphones mit geringem Marktanteil besser fühlt, wenn man mehr Apps zur Auswahl hat, von denen man weniger gebrauchen kann.
 
Peter Wolf (49) beschäftigt sich seit seiner Kindheit mit Technik. Zuerst eher mechanisch durch Aufschrauben und Nachschauen, später vermehrt auch mit elektronischen Produkten und mit Services. Seit 1985 war er immer wieder mal bei Ringier beschäftigt, zuletzt als Trend Scout und Social Media Evangelist. Heute arbeitet er als Research Analyst bei e-Research und als Kolumnist und App-Tester für diverse Publikationen - unter anderem für inside-it.ch.
 
Zeichnung: Barbara Donnarumma für inside-it.ch