Ruf katapultiert Gemeindesoftware in die Moderne

Mit "publiweb" ersetzt der Schlieremer Software-Hersteller die beiden Gemeindelösungen GeSoft und WWSoft durch eine einzige, moderne Lösung. Sie kann "als Service" angeboten und mit mobilen Geräten bedient werden.
 
Eine moderne Software-Plattform muss "als Service" angeboten werden können. Sie muss mit ganz verschieden Geräten, vom klassischen PC oder Mac über Tablets bis hin zum Smartphone, bedient werden können und sie muss überall und immer verfügbar sein. Sie muss jederzeit aktuelle Daten liefern und grafisch darstellen können. Das Interface muss so intuitiv bedienbar sein wie Facebook und trotzdem muss sie Daten sicher und für Nicht-Berechtigte unerreichbar wegsperren. Daneben muss sie natürlich alle Prozesse der angesprochenen Branche abbilden können und mit allen möglichen Umsystemen kommunizieren können.
 
Das sind so etwa die Anforderungen, die der Schlieremer Software-Hersteller Ruf Informatik an die nächste Version der in der Schweiz weit verbreiteten Gemeindelösungen GeSoft und WWSoft stellt. Ruf hat in der Schweiz ungefähr 600 Gemeinden als Kunden. Mutig hat man sich dafür entschieden, die beiden bekannten, aber in die Jahre gekommenen Lösungen durch eine völlig neu entwickelte, einzige Plattform zu ersetzen: publiweb.
 
Die Investitionen von Ruf Informatik sind beträchtlich. Bis 2018, wenn alle Komponenten von publiweb verfügbar sein sollen, wird der Hersteller rund 100 Mannjahre für die Entwicklung investiert haben, so Ruf-Chef Roland Michel (Foto) bei einem Redaktionsbesuch diese Woche.
 
Neue Einwohnerkontrolle ab Ende Juni
Am 27. Juni wird der Hersteller den ersten und wichtigsten Teil von publiweb erstmals zeigen: Die Lösung für die Einwohnerkontrolle (publiweb Einwohner). Später wird publiweb Finanzen und noch später publiweb Steuern dazu kommen. Bis 2018 sollen alle Funktionen - bis hin zur übrigens erstaunlich komplexen Software für die Hundekontrolle - verfügbar sein.
 
Aargau überlegt sich kantonale EK-Lösung
Die neue Lösung wird komplett "Cloud-fähig" sein. Gemeinden können sie in einem eigenen Rechenzentrum betreiben, sie können sie aber auch von einem Rechenzentrum mehrerer Gemeinden wie etwa das Wetziker RIZ betreiben lassen oder sie von Ruf selbst "als Service" beziehen.
 
Publiweb ist zudem mandantenfähig. Im Kanton Aargau ist dies auf Interesse gestossen, sagt Michel. Vorstellbar ist, dass ein Kanton wie Aargau, die Gemeindelösung für alle Gemeinden betreibt. Beim Kanton würde man mit den kantonsrelevanten Daten der Einwohnerkontrolle arbeiten während die einzelnen Gemeinde eine Sicht auf "ihre" Einwohnerkontrolle erhielten.
 
HTML 5, Cloud Printing, SuisseID, MobileID und mTAN, Reporting, eingebaute Archivierung und diverse eCH-Schnittstellen
Ruf Informatik hat beim Bau der brandneuen Gemeindelösung fast durchgehend auf Microsoft Webtechnologien gesetzt. So wird Microsoft SQL Server als Datenbank eingesetzt und für Reporting und Analyse werden SSRS (SQL Server Reporting Services) und SSAS (Analysis Services).
 
Als Clients können alle neue Browser, die HTML 5 "verstehen", eingesetzt werden. Dies hat den riesigen Vorteil, dass die Software auf jedem Gerät, sei es PC oder Tablet einsetzen kann. Auch Touch-Interfaces funktionieren.
 
Für die Sicherheitsfunktionen arbeitet Ruf Informatik mit dem Zürcher Spezialisten AdNovum zusammen. Für die Nutzer-Authentisierung können Gemeinden entweder SuisseID einsetzen oder dann mit mTAN oder Swisscoms Mobile ID arbeiten.
 
In publiweb integriert wird es ein Dokumenten Management System (DMS) geben. Doch Ruf geht mit publiweb sogar noch einen (grossen) Schritt weiter: In der Lösung werden Funktionen für elektronische Geschäftsverwaltung eingebaut werden. Sie enthält eine Prozess-Engine und man plant einen Workflow Designer für Administratoren.
 
Es gibt Cloud Printing Dienste, man kann auf lokalen oder Netzwerkdruckern drucken, Microsoft Office integrieren und elektronisch signieren.
 
Publiweb Einwohner wird einen grosse Menge von eCH-Standards unterstützen, so eCH-0093 für den elektronischen Datenaustausch zwischen Gemeinden oder GERES für kantonale Dattenplattformen.
 
Grundversion in Wartungsgebühren enthalten
Gemeinden, die Wartungsgebühren für GeSoft oder WWSoft bezahlen, werden die komplett neu entwickelte Gemeindelösung im bestehenden Funktionsumfang als Teil der Wartung erhalten. Neue Funktionen, wie etwa das "Gemeindecockpit" werden etwas kosten.
 
Entwicklung in Schlieren und Bangladesh, HR von Proffix, ECM von Optimal Deutschland
Ruf entwickelt die Lösung in Zusammenarbeit mit einzelnen Gemeinden. Gebaut wird sie einerseits in Schlieren, programmiert wird aber auch bei der Software-Firma Selise in Bangladesh. Ruf setzt agile Entwicklungsmethoden wie SCRUM ein.
 
Die künftige HR-Lösung erarbeitet man zusammen mit Proffix, sagt Michel. Das System für Enterprise Content Management baut auf enaio der deutschen Optimal Systems auf. (Christoph Hugenschmidt)
 
(Interessenbindung: Ruf Informatik ist, wie andere Player auch, ein Werbekunde unseres Verlags.)

Unser Kommentar:

Ein Befreiungschlag
 
Mit 600 Gemeinden als Kunden ist Ruf - zusammen mit Abacus NEST - die Nummer eins im Markt für Gemeindesoftware. Dieser Markt schrumpft, denn Gemeinden fusionieren oder schliessen sich in IT-Bündnissen zusammen. Ausserdem ist es ein Verdrängungsmarkt: Es gibt keine Gemeinde, die nicht schon eine Gemeindelösung gekauft hätte.
 
Die Schlieremer hatten bisher nicht den Ruf, besonders innovativ zu sein. Und so zielte die Zuger IT&T mit ihrer neuen, auf Microsoft-Navision aufbauenden Lösung newsystem public auch auf die Kundschaft von Ruf.
 
Mit der komplett neu gebauten, Cloud- und Mobile-fähigenen Gemeindelösung setzt Ruf zum Befreiungsschlag an. Gelingt er, so werden bis 2018 mehrere hundert Schweizer Gemeinden Informatik-mässig einen Modernisierungsschub erleben.
 
Bedingung ist allerdings, dass die neue Lösung ohne allzu heftige Kinderkrankheiten in Sachen Funktionalität, Bedienbarkeit und Performance lanciert werden kann. Und dass die Gemeindeangestellten die moderne Bedienungsoberfläche nicht nur akzeptieren, sondern ihre Vorteile rasch erkennen.
 
Wie interessant so etwas langweiliges wie Software für die Erhebung von Hundesteuern doch sein kann. (Christoph Hugenschmidt)