Leider Nein

Und hier noch unsere Freitagabend-Nachricht.

JournalistInnen sind bekanntlich total neutral, unvoreingenommen, sachlich, unbeeinflussbar und sowieso unbestechlich und JournalistInnen, die ihren Eintrag im Telefonbuch mit "BR" ergänzt haben, sind dies alles und noch viel mehr, denn sie haben das "Formular über die Anerkennung der "Erklärung der Rechte und Pflichten der Journalistinnen und Journalisten" unterschrieben und sind deshalb auch nicht diskriminierend. Sonst hätten sie die Erklärung nicht unterschrieben - ist ja logisch.
 
Allerdings können auch RedaktorInnen und Journalisten von Gefühlen aller Art erfasst, wenn nicht gar beherrscht sein, denn sie sind - ausser unserem Chef - keine Maschinen, sondern Menschen aus Fleisch und Blut und deshalb von Trieben getrieben. Wie anders wäre es möglich, dass unsere geschätzten Kollegen vom 'Swiss IT Magazine' auf Seite 84 ebendieses Blattes "Monitore mit Streichelbedarf" titeln und grad den nächsten Artikel mit "Schmerzfreie Trennungen" überschreiben? Wir leiden mit.
 
Natürlich haben auch Fachleute für "Beziehungen zum Volk", wie die PR-Branche ihre Arbeit in der Türkei ("halkla iliskiler") schön poetisch zu beschreiben pflegt, Gefühle, doch sind diese sehr wahrscheinlich genau nicht im Spiel, wenn sie versuchen, bei Journalisten eben solche auszulösen um sie dazu zu verführen, ein E-Mail zu öffnen. Hat der oder die Journi nämlich die Mail schon mal geöffnet, so ist die Chance gross, dass sie zu einem Artikeli verwurstet wird, denn die halbe Arbeit ist ja schon getan.
 
Raffiniert zum Beispiel der Mail-Betreff eines Messeveranstalters: "Stierhoden und das diplomatische Parket." Eine solche Mail muss man einfach öffnen - sowieso, wenn sie im Frühling kommt. Zugegeben: Das "diplomatische Parket" hat recht wenig Gefühlspotential, doch ist der Terminus wenigstens aktuell, denn man wünschte sich in diesen Tagen, dass dieses Parket da und dort und vor allem östlich von uns etwas sachter betreten würde. Der erste Satz in der Mail ist dann aber im Vergleich zum Betreff enttäuschend unspektakulär: "Aufmerksamkeit um jeden Preis, aber wie?" Vielleicht mit einem E-Mail-Betreff, in dem irgendein Geschlechtsteil und irgendetwas, das nicht dazu passt, vorkommt?
 
Passend dazu ereilte uns die Nachricht, dass es nun endlich "Domains für harte Männer" gibt. Der Autor der Mail zitiert Herbert Grönemeyer und beglückt uns mit der Information, dass "Minds+Machines eine Reihe von Domains als Registry auf den Markt geworfen" (hat), "die dem Marlboro Man wohl große Freude gemacht hätten." Zu den Harte-Männer-Domains gehört zwar nicht ".stierhoden" und auch nicht ".cojónes" wohl aber ".pferd", ".fishing", ".horse", und "vodka". Dass dies "Domains für wahre Männer" seien, löst Erstaunen aus, denn wir dachten, ".pferd" sei für kleine Mädchen, doch seufzten wir dann total erleichtert auf, als wir gegen Ende der Mail auf diesen Satz trafen: "Sie können diese Pressemitteilung – auch in geänderter oder gekürzter Form - kostenlos verwenden."
 
Selbstverständlich haben wir auch die Mail mit dem Betreff "Schwangerschafts-Serien für Teens oft verwirrend" geöffnet und auch "SCHAU HIN! morgen zum Thema Sexting bei "Volle Kanne" und "Selfies: Selbstkritik führt zu Schönheits-OPs" haben funktioniert. Jaja, die lieben Jugendlichen sind immer für ein leicht schmuddeliges Besorgnis gut und überhaupt: Wenn man grad keine Stierhoden zur Hand hat, so sind wenigstens Sorgenkinder meistens nicht weit: "Der Fachkräftemangel in der Schweizer ICT ist nach wie vor ein riesiges Sorgenkind" hat 'Computerworld' bereits vor - zugegeben - ein paar Monaten gnadenlos enthüllt. (Christoph Hugenschmidt)