Raiffeisen setzt ganz auf Avaloq

Die Raiffeisen Gruppe gründet zusammen mit Avaloq eine IT-Tochter und ersetzt das Frontendsystem Dialba. Zudem nimmt die drittgrösste Bankengruppe der Schweiz die zu Vontobel ausgelagerte Abwicklung des Wertschriftenhandels ab Mitte 2017 wieder zurück.
 
Der Zürcher Bankensoftware-Hersteller Avaloq landet einen weiteren Coup. Die Raiffeisen Gruppe wird zusammen mit Avaloq ein neues IT- und Service-Unternehmen gründen. Raiffeisen wird die Mehrheit am Unternehmen halten. Der Raiffeisen-eigene IT- und BPO-Dienstleister wird einerseits das Uralt-System Dialba2000 der einzelnen Raiffeisen-Genossenschaften ablösen und betreiben. Das ist dringend nötig, denn die ersten Raiffeisen-Banken haben Dialba2000 1994 (!) eingeführt. Erst vor einem Jahr hat Raiffeisen die Modernisierung von Dialba durch IBM erfolglos abgebrochen.
 
Die neue Firma wird zudem die Abwicklung des Wertschriftenhandels, der seit vielen Jahren zur Privatbank Vontobel ausgelagert ist, per Mitte 2017 übernehmen. Raiffeisen hat den Vertrag mit Vontobel per Mitte 2017 gekündigt, teilt die Bankengruppe heute mit.
 
Wieviele Mitarbeitende die neue IT- und BPO-Tochter von Raiffeisen haben wird, ist noch nicht festgelegt, so Raiffeisensprecher Franz Würth auf Anfrage. Ebenso weiss man noch nicht, wo die Firma stationiert sein wird. Auch über die Höhe der Investitionen in die verschiedenen Software- und BPO-Projekte konnte Würth keine Angaben machen. Es wird sich mit Sicherheit um einen dreistelligen Millionenbetrag handeln.
 
Fehlen nur noch BCV und Bär
Mit dem Raiffeisen-Entscheid für Avaloq und für eine eigene IT- und Service-Tochter ist einer der letzten noch offenen grossen Deals im Schweizer Banken-IT-Business über die Bühne gegangen. Es gibt nur noch wenige grosse Banken, deren IT-Strategie noch offen ist.
 
So steht der Entscheid zur Ablösung einer alten Eigenentwicklung durch ein Standard-Kernbankensystem noch bei Julius Bär aus. Bei diesem Deal geht es anscheinend nur noch um einen Entscheid zwischen Avaloq und Temenos.
 
Und völlig offen ist noch die IT-Strategie der Banque Cantonale Vaudois. Diese lässt bis mindestens 2018 das alte Bankesystem Osiris durch IBM betreiben. Es wird früher oder später abgelöst werden müssen. (hc)

Unser Kommentar:

Hochrisiko?
Die Ankündigung habe den Paradeplatz "erschüttert", schreibt 'Inside Paradeplatz' heute. In der Tat wird die IT- und BPO-Strategie der Bank Vontobel mit der Kündigung des Raiffeisen-Vertrags in Frage gestellt.
 
Mit dem Entscheid für Avaloq-Software und für eine Gemeinschaftsfirma mit Avaloq hat sich Raiffeisen für das wohl geringste Risiko entscheiden. Raiffeisen kennt Avaloq gut, setzt man die Software doch seit Jahren für das Wertschriftengeschäft ein. Zudem holt man sich mit dem Gemeinschaftsunternehmen Know-how von den Zürcher Software-Herstellern, behält aber die Kontrolle. Dass man mit Avaloq eine Retail-Bank mit vielen Filialen betreiben kann, beweisen die grösseren Schweizer Kantonalbanken seit Jahren.
 
Die Raiffeisen Gruppe ist zudem gross genug, um sich eine eigene Business-Process-Outsourcing-Firma, die nicht nur Informatik betreibt, sondern ganze Backoffice-Prozesse übernimmt, zu leisten. Damit wird Raiffeisen versuchen, Kosten zu senken. Auch dabei kann Avaloq, die viel Erfahrung mit der BPO-Tochter B-Source hat, helfen. (Christoph Hugenschmidt)