Nachwehen des Zuger IT-Flops

Praktisch einstimmig verlangt der Zuger Kantonsrat eine neue, kantonale IT-Strategie. Untersuchungsbericht mit der Qualität eines Lehrmittels.
 
Fast einstimmig, nämlich mit 71 zu einer Stimme hat der Zuger Kantonsrat gestern eine Motion mit detaillierten und klaren Forderungen in Sachen IT an die Kantonsregierung überwiesen. Dass sich das Parlament ausführlich mit der IT-Strategie befasst hat, ist eine Folge des "Zuger IT-Debakels". Der Kanton Zug musste Anfang 2013 das schon damals mehrmals verschobene Projekt zur Einführung einer neuen Software für die Einwohnerkontrolle von IBM erfolglos stoppen.
 
Die gestern verabschiedete Motion (Klick öffnet PDF) verlangt von der Kantonsregierung eine viel klarere Aufteilung der Verantwortung und Kompetenzen zwischen den Fachabteilungen und dem Amt für Informatik (AIO). Das AIO soll zudem die Verantwortung für die IT-Architektur des Kantons übernehmen. Insbesondere muss das Amt zusammen mit dem Kanton und den Gemeinden über die künftige IT-Architektur entscheiden, bevor weitere Projekte zur Ablösung der alten IBM-Software (ISOV) gestartet werden. Das Zuger Kantonsparlament verbietet mit dieser Forderung nachgerade, das geplante Nachfolgeprojekt "Nerz" zu starten, ohne dass man zuvor die IT-Architektur des Kantons definiert.
 
Insgesamt will der Kantonsrat der AIO, die zum Finanzdepartement von Regierungsrat Peter Hegglin gehört, sehr viel mehr Verantwortung übertragen. Und er verlangt ultimativ, dass Submissionsvorschriften einzuhalten seien. Da die Forderung in die Form einer Motion verpackt sind, habe der Zuger Regierungsrat nun keine Wahl, als sie umzusetzen, so SVP-Kantonsrat Thomas Wyss, der die Ad-Hoc-Kommission präsidiert hat, in einem kurzen Telefongespräch heute.
 
Ob die Forderungen des Kantonsrats auch zu personellen Konsequenzen führen wird, wird der Regierungsrat entscheiden müssen.
 
Kantonales IT-Dienstleistungszentrum?
Die Arbeit der Ad-Hoc-Kommission könnte gar zu einem Umbau der IT-Struktur des Kantons Zug führen. Das Parlament verlangt nämlich, dass der Kanton überprüft, ab er nicht ein gemeinsames IT-Dienstleistungszentrum für Gemeinde und den Kanton aufbauen soll. Ein solches gibt es zum Beispiel in den Kantonen Ob- und Nidwalden. Die Beurteilung dieser Frage muss zwingend durch einen externen Experten erfolgen.
 
Wie man ein Projekt an die Wand fährt
Der Abbruch des Projekts kostete den Kanton Zug und dessen Gemeinden inklusive indirekte Kosten ingesamt 3,7 Millionen Franken, wie die Untersuchungskommission nun aufdeckte. Dies ist nicht das erste gescheiterte Software-Projekt des Kantons. Schon der Abbruch des Projekts zum Bau einer neuen Grundbuchlösung - ebenfalls durch IBM - hat den Kanton 850'000 Franken gekostet.
 
Die Ad-Hoc-Kommission, die das IT-Debakel untersucht hat, nahm ihre Aufgabe offenbar ernst. Sie wurde gestern im Kantonsrat für ihre Arbeit denn auch unisono gelobt. Sie liess sich von einem externen Experten beraten. Geholfen hat auch, dass einige der insgesamt 15 Kommissionsmitglieder beruflich mit Informatik zu tun haben, so Wyss.
 
Der insgesamt 49-seitige Bericht der Kommission (Klick öffnet PDF) zeigt sehr schön auf, wie man Software-Projekte nicht machen sollte. So hat man offenbar die Komplexität des Projektes in den ersten Jahren massiv unterschätzt. Und die zuständige Direktion des Innern hatte gar nicht die nötige (IT-) Kompetenz, um ein Projekt dieser Grösse zu stemmen. Natürlich hatte der verantwortliche Projektleiter auch zuwenig zeitliche Ressouren und es gab Wechsel im Projektteam. Weitere Fehler: Es gab keine verbindliche Spezifikationen für diverse Komponenten und die Qualitätssicherung funktionierte nicht.
 
Besonders krass: Da die neu entwickelte Software-Generation der IBM-Gemeindelösung ISOV an Performance-Problemen litt, wurden "umfassende Tests der Funktionalität der neuen Lösung" verhindert. Diese Performance-Probleme waren übrigens spätestens sei Juli 2012 bekannt, als die St. Galler VRSG beschloss, die Einführung der neuen ISOV-Generation zu verschieben.
 
Der Bericht ist sachlich und die Untersuchung durch die Kommission scheint genau zu sein. Er liesse sich durchaus auch als Lehrmittel in Sachen Software-Projekt-Management in öffentlichen Verwaltungen verwenden. (hc)