Ja was nun: Arbeiten bis 70 oder mit 45 bereits weg vom Fenster?

Der Fachkräftemangel in der ICT ist real, schreibt Jörg Aebischer in seinem Gastbeitrag.
 
ICT-Fachkräfte sind im Alter ab 45 Jahren einem überdurchschnittlich hohen Risiko ausgesetzt, ihren Job zu verlieren. Wenn dann gleichzeitig vom ICT-Fachkräftemangel gesprochen und als Mittel dagegen ein höheres Rentenalter gefordert wird, mag dies für viele sehr zynisch klingen. Trotzdem: Der Fachkräftemangel in der ICT ist Realität. Das ist keine Erfindung der Branche, sondern kann mit Fakten belegt werden. Auch der starke Franken wird daran nichts ändern. Dass viele nicht daran glauben mögen, ist verständlich. Eine Situation, die Mitarbeitende und Unternehmen gleichermassen fordert.
 
Die Wirtschaft braucht weiterhin ICT-Fachkräfte. In den letzten 20 Jahren hat sich das Berufsfeld weit mehr als verdoppelt. Dieser Trend wird anhalten. Der technologische Fortschritt und die zunehmende Digitalisierung der Wirtschaft und Gesellschaft sind die Treiber dieser Entwicklung. Ein Ende ist zurzeit nicht abzusehen. Dass die Personalsituation akut ist, kann anhand folgender Indikatoren abgelesen werden:
 
Deckungsgrad
Der Deckungsgrad berechnet, wie viele ICT-Qualifizierte es im Verhältnis zu ICT-Stellen mit entsprechenden Anforderungen gibt. Über alle Berufsfelder liegt der Wert etwas über 100 Prozent. In der ICT liegt er bei 72 Prozent. Konkret heisst das, dass in der ICT sehr viele Stellen mit Personen ohne adäquater ICT-Qualifikation besetzt sind.
 
Zuwanderung
Die Zuwanderung in der ICT ist mit 12 Prozent beinahe doppelt so hoch wie im schweizerischen Durchschnitt (7 Prozent). Die Migration ist für die ICT vor allem zur Rekrutierung von Hochschulabsolventen wichtig. Eine hohe Migrantenquote deutet auf ein ungenügendes inländisches Angebot an entsprechenden Fachkräften hin.
 
Arbeitslosenquote
Die Arbeitslosenquote der Informatiker liegt 2013 bei 2,4 Prozent. Gesamtschweizerisch beträgt die Arbeitslosenquote 2,9 Prozent. Die unterdurchschnittliche Quote deutet auf einen Mangel.
 
Quote der offenen Stellen
Die Quote der offenen Stellen in der IT ist gemäss Zahlen von x28 mit 3,4 Prozent im Jahresschnitt von 2013 deutlich höher als diejenige der gesamten Schweiz von 2,4 Prozent.
 
Unterbeschäftigung
Die Unterbeschäftigung misst den Anteil derjenigen Teilzeitbeschäftigten, die mehr arbeiten möchten, aber keine Mehrarbeit angeboten erhalten. Die Quote ist in der Informatik zweieinhalb Mal geringer als im gesamtschweizerischen Durchschnitt (1% gegenüber 2,5%).
 
Mögliche Lösungen
Wenn wir also davon ausgehen, dass es tatsächlich zu wenig ICT-Fachkräfte gibt und in Zukunft immer noch mehr gebraucht werden, dann müssen Lösungen gesucht werden, die mehr Fachkräfte hervorbringen. Die Möglichkeiten sind begrenzt. Auf die Zuwanderung können wir nicht weiter setzen.
 
Beschäftigungsgrad erhöhen
Wenn Teilzeitbeschäftige das Arbeitspensum erhöhen, dann vergrössert sich das Angebot an Fachkräftestunden. Diese Möglichkeit ist aber kaum vorhanden, da die Beschäftigungsquote im Berufsfeld der ICT bereits sehr hoch ist (siehe Knappheitsindikator der Unterbeschäftigung).
 
Arbeitszeit erhöhen
Diese Massnahme wirkt analog einer Erhöhung des Beschäftigungsgrades, ist aber wohl schwer umzusetzen, da die Belastung in der ICT bereits hoch ist. Die Massnahme hätte wohl eine verstärkte Berufsabwanderung zur Folge, was unter dem Strich zu einem Verlust an Fachkräften führen würde.
 
Erhöhung des Rentenalters
Diese Massnahme wäre wie die Erhöhung der Arbeitszeit theoretisch ein Gewinn an Fachkräftekapazität. Die Diskussion wird sicher gesamtgesellschaftlich und politisch geführt werden (müssen), dies aber losgelöst vom Berufsfeld der ICT. Hier stehen wir eher vor dem Problem, dass die sonst unterdurchschnittliche Arbeitslosenquote ab einem Alter von 45 Jahren plötzlich überdurchschnittlich ansteigt und höher liegt als im schweizerischen Durchschnitt der Gleichaltrigen. Und damit kommen wir zu einer dringend notwendigen Massnahme.
 
Eigene Fachkräfte qualifizieren
Das Berufsfeld der ICT zeichnet sich durch zwei ungünstige Eigenschafen aus: Zum einen verlässt jeder dritte ICT-Ausgebildete das Berufsfeld und geht einer Tätigkeit ausserhalb der ICT nach, und zum andern können über 45-jährige ICT-Qualifizierte nur noch schwer Fuss fassen in ihrem angestammten Berufsfeld. Hier sind die Unternehmen gefordert und haben ein riesiges Fachkräftepotenzial, das es zu erschliessen gilt. Dass die Lösung nicht banal ist, liegt auf der Hand. Denn die Breite, Komplexität und Dynamik in der ICT ist zu gross, als dass man die Formel "ICT-Fachkraft = ICT-Fachkraft" anwenden könnte. Ganz entscheidend ist aber die letzte hier aufgeführte Massnahme.
 
Die wirksamste Massnahme auf der Suche nach geeigneten Fachkräften ist die Aus- und Weiterbildung. Wir wissen, dass die Unternehmen in der Schweiz im Durchschnitt doppelt so viele ICT-Fachkräfte ausbilden müssen, um den prognostizierten Bedarf nur annähernd decken zu können. Mit Weiterbildungsmassnahmen können schliesslich die Fachkräfte im Geschäft gehalten und damit die Personal-Investitionen gesichert werden. (Jörg Aebischer)

Jörg Aebischer ist der erste Geschäftsführer des im Jahr 2010 gegründeten Verbands ICT-Berufsbildung Schweiz. ICT-Berufsbildung Schweiz wird getragen vom Dachverband ICTswitzerland sowie den kantonalen und regionalen ICT-Lehrbetriebsorganisationen. Zuvor war Jörg Aebischer während sieben Jahren als Direktor eines privaten kaufmännischen Bildungsunternehmens in Bern tätigt, davor während zehn Jahren als Unternehmensberater für Personal und Organisation.