Swisscom zwischen Finnova, Avaloq und Digitalisierung

Oliver Kutsch und Marcel Walker im Gespräch mit inside-it.ch-Redaktor Maurizio Minetti.
Die beiden Banking-Profis von Swisscom Oliver Kutsch und Marcel Walker im Gespräch mit inside-it.ch über die Beteiligung an Finnova, modulare Banking-Software, die Digitalisierung und darüber, warum Swisscom im BPO-Bereich für Banken Jobs abbauen musste.
 
Marcel Walker ist ein alter Hase im Schweizer Banking-IT-Geschäft. Vor zehn Jahren mit dem Kauf von Comit zu Swisscom gestossen, war Walker in den letzten Jahren sowohl für die Strategie als auch für das operative Geschäft von Swisscom im Banking-Bereich zuständig. Mitte 2014 hat der ebenfalls langjährige Swisscom-Mann Oliver Kutsch die operative Leitung des sogenannten Solution Center Banking bei Swisscom übernommen, das etwa tausend Personen beschäftigt. Seitdem konzentriert sich Walker auf strategische Aufgaben im Banking-Bereich. Zusätzlich hat er die Gesamtverantwortung für alle Cloud-Vorhaben bei Swisscom Enterprise Customers übernommen. Diese Aufteilung mache Sinn, sagt Walker im Gespräch mit inside-it.ch: "Unsere Kunden sind in einer delikaten Situation. Sie fragen sich, wie sie künftig Geld verdienen werden. Dies führt zu Diskussionen über Verträge mit ihren Lieferanten. Dort engagiere ich mich." Das Interview:
 
Vor wenigen Tagen hat sich Swisscom mit einem Anteil von 9 Prozent an den Softwarehersteller Finnova beteiligt. Wann übernehmen Sie die Mehrheit?
 
Walker: Das ist nicht geplant. Wir haben uns beteiligt, weil wir gut mit Finnova zusammenarbeiten. Die Unabhängigkeit von Finnova ist extrem wichtig und das soll auch so bleiben.
 
Welche Ziele verfolgt Swisscom denn mit dieser Minderheitsbeteiligung?
 
Walker: Es handelt sich um eine symbolische Beteiligung, womit wir unsere strategischen Investitionen absichern. Wir investieren zurzeit stark im Bereich Industrialisierung, wo Finnova als Software das Kernprodukt ist. Es ist natürlich wichtig, dass Finnova eigenständig bleibt, aber wir brauchen die Sicherheit, dass unsere Investitionen geschützt sind. Es war sozusagen eine strategische Asymmetrie, die wir nun lösen konnten.
 
Also ging es vor allem darum, zu verhindern, dass ein Drittunternehmen die Kontrolle über Finnova übernimmt?
 
Walker: Ja, das war eine wesentliche Motivation. Und die zweite ist natürlich, dass man Investitionen gemeinsam vorantreiben will.
 
Warum gerade jetzt und nicht schon früher?
 
Walker: Es hat sich insbesondere mit dem laufenden Projekt bei der Zürcher Kantonalbank (ZKB) akzentuiert. Wir kommen hier in eine neue Dimension. Es gibt neue Marktchancen, aber auch Abhängigkeiten.
 
Ist Finnova ein Klumpenrisiko?
 
Walker: Nein. Heute ist es ja so, dass Kernbankensysteme monolithisch aufgebaut sind. Künftig werden wir vermehrt komponentenorientierte Systeme haben. Banken werden also flexibler sein und die Wahl haben, welche Komponenten sie wo beziehen. Dieser Prozess ist relativ jung, doch wir haben zusammen mit Finnova in den letzten zwei Jahren stark daran gearbeitet. Der ZKB-Vertrag war dann der Durchbruch.
 
Wie kommt das Projekt bei der ZKB voran?
 
Kutsch: Es läuft gut. Die Vereinbarung sieht vor, dass wir den Zahlungsverkehr 2016 übernehmen. Erste Teile werden schon dieses Jahr in Betrieb genommen.
 
Es soll Verzögerungen geben...
 
Kutsch: Es war schon immer geplant, die Services 2016 zu übernehmen. Die Frage war, ob dies im Frühling oder Herbst passiert. Nun hat sich das Ganze auf den Herbst verschoben, was aber damit zusammenhängt, dass die ZKB mit anderen Projekten beschäftigt ist.
 
Also kein Delivery-Problem bei Swisscom?
 
Kutsch: Nein. Wir haben diese Woche erfolgreich den ersten Meilenstein abnehmen lassen.
 
Walker: Es läuft wirklich ausserordentlich gut.
 
Für Swisscom ist es ein "make or break"-Projekt.
 
Kutsch: Es ist ein ganz wichtiges Projekt, weil die Volumina natürlich interessant sind. Es ist schon ein rechter Brocken. "Make or break" würde ich nicht sagen, weil wir im Rahmen der Industrialisierung der Banking-Dienstleistungen noch viele andere Themen anpacken wie etwa das Valorendatenmanagement.
 
Die ZKB war ein grosser Win, aber Swisscom hat in letzter Zeit abgesehen von der kleinen neuen Zähringer-Privatbank kaum Neukunden gewonnen.
 
Walker: Es gibt schon welche, auch grössere, die wir aber noch nicht kommunizieren können. Und sonst geht es uns aktuell natürlich um die Ausweitung des "share of wallet", also darum, mehr Services von bestehenden Kunden zu übernehmen. 200 von rund 290 Schweizer Banken sind bereits unsere Kunden und wir versuchen, das Geschäft mit ihnen auszubauen.
 
Der Swisscom-Konkurrent B-Source im Tessin hat es geschafft, viele Neukunden anzulocken. Gerade im Geschäft mit Privatbanken ist B-Source Platzhirsch.
 
Walker: Ja, das stimmt.
 
Das heisst, Sie geben die Privatbanken auf?
 
Walker: Nein, aber es ist richtig, dass B-Source ein gutes Angebot für Privatbanken hat. Unsere Schwerpunkte sind die Komponenten-Bildung in der Industrialisierung und das Digital Banking. Gerade mit der Digitalisierung sprechen wird unterschiedlichste Banken an. Es ist legitim, dass Privatbanken ein Angebot aus einer Hand suchen und dann bei B-Source landen.
 
B-Source gehört mehrheitlich dem Finnova-Mitbewerber Avaloq. Wie stark ist das Bekenntnis von Swisscom zu Avaloq?
 
Walker: Unsere Beziehung zu Avaloq ist nach wie vor extrem wichtig und intakt. Und zu den Avaloq-Kunden sowieso, die sind uns genauso wichtig und wir werden sie genau gleich weiterpflegen wie bisher. Wir sind im Gespräch mit Avaloq, um unsere Komponenten auch im Avaloq-Umfeld einsetzen zu können. Sehen Sie, mit der Übernahme von B-Source durch Avaloq haben wir die Möglichkeit verloren, mit Avaloq in die Wertschöpfung zu investieren. Avaloq hat entschieden, dies selber beziehungsweise mit B-Source zu machen. Das ist in Ordnung so. Wir setzen auf unsere Plattform mit Finnova, die aber auch offen für Avaloq-Banken ist.
 
Swisscom scheint aber trotzdem nicht recht voranzukommen mit der Industrialisierung. Die Zukäufe von Entris und Sourcag haben nicht dazu geführt, dass Banken reihenweise ihren Zahlungsverkehr oder ihre Wertschriftenverwaltung zu Swisscom migrieren. Wurden die Erwartungen von Swisscom enttäuscht?
 
Walker: Überhaupt nicht. Wie erwähnt gibt es nun den Wechsel vom monolithischen zum modularen Ansatz. In diesem Bereich ging sehr viel, aber das sieht man von aussen nicht. Auch was den Zahlungsverkehr mit Finnova betrifft, sind wir in Bezug auf die Architektur einen grossen Schritt weiter. Wir können diese Komponenten auch den Avaloq-Banken verkaufen.
 
Kutsch: Wir arbeiten daran, den Avaloq-Banken das Valorendatenmanagement anzubieten. Mit unserer Verarbeitungsplattform bieten wir diesen Service sowohl den Finnova- als auch den Avaloq-Banken an. Das ist der erste Schritt in diese Komponenten-Logik. Wir haben Anfang 2014 mit dem Projekt bei der Zuger Kantonalbank den Beweis erbracht, dass wir diesen Adapter von Finnova zu Finnova bauen können. Jetzt geht es um die Verbindung Avaloq-Finnova. Wir können mit dem Adapter, der im weitesten Sinne eine Software-Schnittstelle ist, verschiedene Kernbankenplattformen andocken.
 
Können Sie Kundennamen nennen?
 
Kutsch: Im Juli wird die erste Avaloq-Bank damit live gehen. Wir gehen davon aus, dass noch weitere hinzukommen. Die Banken beziehen den Service zum Teil schon von uns, aber über eine andere Plattform.
 
Man hört in letzter Zeit vermehrt, dass gewisse Swisscom-Kunden - etwa RBA - unzufrieden sein sollen mit den Services.
 
Walker: Was ich bestätigen kann, ist, dass alle unsere Kunden unter grossem Druck sind. Sie suchen Mittel und Wege, die Kosten zu optimieren. Wir haben volles Verständnis dafür. Aus diesem Grund werden auch laufende Verträge optimiert. Solche Gespräche führen wir mit diversen Banken.
 
Swisscom soll in Gümligen und Münchenstein - also Ex Entris und Ex Sourcag - Stellen gestrichen haben.
 
Kutsch: Tatsächlich ist es so, dass wir im BPO-Bereich ständig schauen müssen, welche Volumen wir haben und wie viele Leute es dafür braucht. Tendenziell ist es so, dass der Zahlungsverkehr vom Volumen her ständig abnimmt. Nicht, weil wir Kunden verlieren, sondern weil weniger Belege eingescannt werden müssen. Deshalb kann es dazu kommen, dass wir Stellen reduzieren. Wir haben dieses Jahr punktuell Reduktionen vorgenommen, in einem tiefen zweistelligen Bereich.
 
Konnten die Leute nicht anderswo bei Swisscom beschäftigt werden?
 
Kutsch: Wenn das Profil passt, ja. Aber das ist nicht immer gegeben. Jemand, der scannt, ist nicht für die Software-Entwicklung im Digital Banking geeignet.
 
Stichwort Digitalisierung der Bankgeschäfte: Was unternimmt Swisscom, um den Banken dabei zu helfen?
 
Kutsch: Unser Kundenberatungstool eVoja ist sicher ein Thema mit grossem Marktpotenzial. Die Schwyzer Kantonalbank und Clientis setzen das Tool bereits ein. Banken sehen sich im Rahmen des Finanzdienstleistungsgesetzes mit regulatorischen Forderungen konfrontiert. So müssen sie ab 2017 stets nachweisen können, dass ihre Beratungsdienstleistungen konform sind. Hier werden wir eVoja künftig vermehrt einsetzen.
 
Und was kommt noch?
 
Kutsch: eVoja ist nur ein Teil unserer Digitalisierungs-Strategie. So bieten wir mit e-Foresight den Banken einen Service an, womit wir ständige Trendanalysen und Screening von Marktentwicklungen anbieten. Ein weiteres Thema ist die Crowdfunding-Plattform als Service, den die Basellandschaftliche Kantonalbank für ihren Crowdfunding-Marktplatz nutzt.
 
Warum sollten Banken in die Digitalisierung investieren?
 
Walker: Weil es ums Überleben geht. Banken müssen alles tun, damit sie präsent sind, damit der Kunde überall, jederzeit und mit jedem Gerät seine Bankgeschäfte erledigen kann. Die Banken haben meiner Meinung nach gut erkannt, dass sie etwas tun müssen, damit sich niemand zwischen ihnen und den Kunden schiebt. Das sind wichtigste strategische Überlegungen. Bei unseren Kunden hat deshalb die Digitalisierung ganz stark an Momentum gewonnen.
 
Dieser jemand, der sich dazwischenschiebt, könnten mächtige amerikanische Tech-Konzerne wie Apple, Facebook oder Google sein. Eine reale Gefahr für Banken?
 
Walker: Wenn sich neue Player dazwischenschieben, fragt man sich, wie sich die Bank differenzieren und weiterhin ihre Kunden ansprechen kann. Was macht sie, damit sie nicht völlig auswechselbar ist? Das sind extrem grosse Herausforderungen, die übrigens nicht nur Banken betreffen. Die Digitalisierung wird ganz viele Branchen fundamental in Frage stellen - oder hat dies bereits getan. (Gespräch: Maurizio Minetti)