Volles Haus an der Finance-2.0-Konferenz

V.l.n.r.: Marc P. Bernegger (Orange Growth Capital), Susanne Chishti (FinTech Circle), Daniel S. Aegerter (Armada Investment), Prof. Andreas Dietrich (HSLU), Falk Kohlmann (Swisscom)
(Fast) alle waren da. Nur die Finma nicht.
 
Mit rund 350 Besuchern hat die diesjährige Ausgabe der FinTech-Konferenz Finance 2.0 eine neue Höchstmarke erreicht. Entsprechend zufrieden zeigte sich Konferenz-Organisator Rino Borini. "Wir haben innerhalb von zwei Jahren ein Besucherwachstum von über 75 Prozent erreicht. Das zeigt, dass wir die Industrie wecken konnten. Auch die Vielfalt der Besucher belegt dies: Von etablierten Banken, über Technologieunternehmen, Startups, Anwälte und Berater war der Mix sehr breit. Das ist eine wichtige Basis, damit ein Ökosystem entstehen kann. Zudem hatten wir viele Strategieverantwortliche und -umsetzer. Letztlich müssen diese wissen, welche aktuellen Trends und Herausforderungen im Markt herrschen."
 
Das Desinteresse der Finanzmarktaufsicht
Nicht nur für die Branche war die Konferenz relevant. Der Anlass war sogar dem Schweizer Fernsehen eine Berichterstattung wert. Nur die Finanzmarktaufsicht (Finma) manifestierte ihr offensichtliches Desinteresse an den aktuellen Entwicklungen des Finanzmarkts und glänzte durch Abwesenheit. Die Entwicklung des Marktes wird heute durch FinTech geprägt. Angebote kann es sowohl durch neue Anbieter wie auch durch neue Angebote von etablierten Anbietern geben. Eine vernünftige Zusammenarbeit zwischen der Finma und FinTech-Firmen wäre Voraussetzung für eine positive und zukunftgerichtete Entwicklung des Schweizer Finanzmarkts. Es würde der Finma auch erlauben, aktuelle Entwicklungen besser zu verstehen. Nur so kann sie kompetent beurteilen, regulieren und sicherstellen, dass die Regularien zeitgemäss bleiben. Profitieren würde von einer solchen Zusammenarbeit der ganze Markt.
 
SIX: Hackathon und verwaltete Innovation
Von Firmen veranstaltete Hackathons sind eine kostengünstige Quelle für Ideen. Das hat auch die SIX gemerkt und letzthin einen Hackathon veranstaltet. Andreas Iten, CIO SIX Financial Information, war hochzufrieden mit dem damit Erreichten. Wie sich das für eine grosse und wichtige Firma gehört, gibt es deshalb jetzt neu auch einen SIX Technology Incubator und natürlich einen Innovation Manager, damit das Ganze proper institutionalisiert ist. So soll Innovation gefördert und verwaltet werden. Schliesslich geht es ja um die Sicherstellung der eigenen Innovationsfähigkeit. Zudem bringt jede Anwendung, die sich auf Daten der SIX Financial Information stützt, zusätzliche Einnahmen.
 
Digitale Zahlungslösungen
Prominent vertreten war die neue Payment-App Paymit, die von der UBS mit Unterstützung von Schwingerkönig Matthias Sempach dem Publikum vorgestellt wurde. P2P-Payment-Apps gibt es viele und es wird sich zeigen, ob Paymit sich erfolgreich etablieren kann. Dafür müsste die App innerhalb der nächsten 6 bis 9 Monate wohl mindestens 100'000 aktive Nutzer - nicht zu verwechseln mit aktivierten Nutzern - gewinnen. Das sind weniger als 5 Prozent der UBS-Kunden und selbst das ist kein Selbstläufer, da der Einsatzbereich zurzeit noch arg limitiert ist. Als Ersatz für Bargeld sind solche P2P-Payment-Apps nur in wenigen Fällen geeignet und die Konkurrenz ist gross.
 
Auch Bitcoin war ein Thema, genauso wie die Block-Chain. Das erste als Zahlungsmittel, das zweite als neue Architektur. Inwieweit sich die Block-Chain als Application Stack durchsetzen wird, steht noch in den Sternen. Der Hype ist gross, doch gibt es bisher erst für die Nutzung mit Bitcoin ein halbwegs ausgereiftes und tragfähiges Modell.
 
Die Roboter kommen
Die Vermögensverwaltung, ein wichtiges Standbein der Schweizer Bankenwelt, ist im Umbruch. Die Margen sind unter Druck und die Kundenanforderungen steigen. Als ob das nicht genug wäre, steigen auch die regulatorischen Anforderungen und führen zu einem erhöhten Aufwand. So wie der Zahlungsverkehr durch E-Banking und E-Rechnungen transformiert wurde, ist eine ähnliche Entwicklung im Bereich Vermögensverwaltung im Gang. Die Digitalisierung des Wealth-Managements ist aber deutlich komplexer, da Zielsetzung, Anlageverhalten und Portfolio aufeinander abgestimmt bleiben müssen. Neue Lösungen ermöglichen Private-Banking-Anlagequalität für die Massen, denn die Digitalisierung kann zu einer Marginalisierung der Grenzkosten und entsprechend tieferen Gebühren führen. Sie kommen vorwiegend für Kunden in Frage, die regelmässig Anlageentscheide selber treffen, aber auf Unterstützung durch gute Entscheidungsgrundlagen nicht verzichten wollen.
 
Zu den führenden Anbietern solcher Lösungen für "Digital Wealth Management"-Lösungen gehört das Zürcher FinTech-Unternehmen Additiv. Mit der Digital Finance Suite hat Additiv zum Beispiel den Investomat umgesetzt, den Robo-Advisor der Glarner Kantonalbank. Neben anderer Formen im Bereich des digitalen Anlegens bildet die Digital Finance Suite auch weitere digitale Geschäftsmodelle ab.
 
Panel: Kundennutzen, Geschäftsmodelle und Skaleneffekte
Der Höhepunkt der Konferenz war definitiv die Paneldiskussion mit Marc P. Bernegger (Orange Growth Capital), Susanne Chishti (FinTech Circle), Daniel S. Aegerter (Armada Investment), Professor Andreas Dietrich (Hochschule Luzern) und Falk Kohlmann (Swisscom). Es wurden Bereiche thematisiert, die sonst in der wundervollen Welt der FinTech-Startups gerne verdrängt werden. Viele Marktmöglichkeiten sind länderspezifisch und es gibt sowohl positive wie auch negative Skaleneffekte.
 
Wealthfront, ein Online-Vermögensverwalter in den USA, verwaltet zum Beispiel bereits Vermögen im Umfang von 2 Milliarden Dollar in einem Markt von 320 Millionen Einwohnern. Das ist ein tragfähiges Geschäft. Die Schweiz hat 8 Millionen Einwohner. Bei gleichem Erfolg in der Schweiz - 6.25$ pro Einwohner – ergäbe das ein Volumen von 50 Millionen Dollar und das wiederum wäre definitiv kein tragfähiges Geschäft.
 
Skalierungsprobleme gibt es beispielsweise auch beim P2P-Lending in Bezug auf gute Risiken. Es gibt nur eine beschränkte Zahl an guten Risiken und der Sweet Spot liegt bei einem ausgeglichenem Verhältnis zwischen verfügbarem Geld und guten Risiken. Sobald mehr Geld verfügbar ist als es gute Risiken gibt und das Geschäftsvolumen gesteigert wird, geht das nur mit erhöhtem Risiko und entsprechenden Ausfallraten. Wie gut die verwendeten Risikogewichtungsalgorithmen sind, wird sich erst im nächsten Wirtschaftsabschwung zeigen.
 
FinTech-Startups sollten von vornherein langfristig denken, eher in einem Zeithorizont von zehn Jahren und mehr als in einem Zeithorizont von drei bis fünf Jahren. Der Kundennutzen und die langfristige Wettbewerbsfähigkeit sind entscheidend. Startups sollten auch gut abwägen, ob sie ein B2B- oder ein B2C-Geschäftsmodell wählen. Ein ausgereiftes Produkt im FinTech-Bereich ist eine grosse und komplexe Maschine, die hocheffizient und zuverlässig funktionieren muss, um massgebliche Wettbewerbsvorteile zu gewähren. Für kleine Startup-Teams ist dieses Ziel nur schwer zu erreichen. (cj)