IT-Shrink: Die letzte Tabuzone

Annette Kielholz wagt sich an die letzte Tabuzone der Informatik: die Mädchenförderung.
 
Ich weiss, als gute Psychologin sollte man sich langsam, ganz langsam an heikle Themen herantasten und den Patienten nur schonend damit konfrontieren. Liebe Informatik, bitte vergib mir, dass ich trotzdem so direkt bin, aber ich muss: Wir müssen reden, und zwar über Mädchenförderung.
 
Ich hatte zwei Schlüsselerlebnisse: Das eine war letzten Herbst: Über die Plattform IT-dreamjobs, die ich betreue, meldete sich ein Vater bei mir, der mich fragte, ob ich ihm helfen könne, seinen Sohn am Zukunftstag in einer Informatikfirma unterzubringen. Er interessiere sich so sehr für IT und habe bei zahlreichen Firmen angefragt. Aber er sei überall wegen seines Geschlechts abgewiesen worden. Eine Personalfrau hätte ihm sogar empfohlen, er solle doch mal etwas ganz anderes anschauen gehen an diesem Tag, vielleicht einen Pflegeberuf?
 
Ja Herrgott Sternen! Läuft da nicht etwas schief, liebe Informatik? Was machen denn die armen Buben, die sich für dich interessieren? Du hast aktuell einen Frauenanteil von etwa 13 Prozent. Stimmt, das ist wirklich wenig. Aber rein statistisch gesehen, sollte man doch den 87 Prozent Jungen auch eine Möglichkeit bieten, dich kennen zu lernen?
 
Dazu das zweite Schlüsselerlebnis: Es ging um eine Broschüre zu Informatikberufen. Wer soll aufs Titelblatt, eine Frau oder ein Mann? Der erste Vorschlag aus dem Projektteam war: wir nehmen eine Frau aus der Romandie, dann können wir gleich zwei Minoritäten aufs Mal repräsentieren. Da musste ich das heisse Eisen halt anfassen und schlug vor, stattdessen einen Mann zu wählen, der in einem sinnstiftenden Beruf in einer Blaulichtorganisation arbeitet. Die zwei Fragen hierzu sind: Entscheidet sich ein Mädchen eher für Informatik, wenn eine Frau auf dem Titelblatt zu sehen ist oder wenn der Mann auf dem Titelblatt einen sinnstiftenden Beruf ausübt? Und: Sollte die Broschüre nicht auch (oder sogar primär?) jene ansprechen, die nach wie vor den Löwenanteil aller Informatik-Interessenten, -Lernenden und -Studierenden ausmachen?
 
Wer solche Fragen stellt, gerät rasch aufs Glatteis. Oder eben: in eine Zone, in der man gar nichts sagen darf, weil seit Jahrzehnten klar ist, dass vor allem Mädchenförderung betrieben werden muss und wie diese auszusehen hat. Ein Teil dieser Doktrin heisst: Mädchen brauchen Frauenvorbilder, auf Plakaten, auf Events, in Kursen, ohne diese Vorbilder werden sie keine Informatikerinnen. Wir müssen die Mädchen getrennt von den Buben führen, in einem Schonraum, damit sie endlich genügend Selbstvertrauen finden, sich an diese Materie heranzuwagen...
 
Oh ja, über dieses Thema wurde in der Psychologie schon viel geforscht - und praktisch alle Menschen (zumindest in der Informatik) haben eine sehr gefestigte und leidenschaftliche Meinung dazu. Und wie es sich für ein Tabu gehört: man darf die bestehende Praxis nicht in Frage stellen, weil man sofort unter Generalverdacht gerät (konservativ, frauenfeindlich, unqualifiziert etc. etc.). Ich habe auch schon von Männern gehört, die sich mit viel Herzblut für die Frauenförderung engagieren, dass ihnen vorgeworfen wurde, Frauen zwar nicht absichtlich, aber dennoch "unbewusst" zu benachteiligen. Tja, das geht dann ganz tief in die Tiefenpsychologie rein - und wer kann schon gegen eine "unbewusste" Handlung argumentieren?
 
Welche Nachwuchsförderung ist "gut"? Ich habe die Lösung auch nicht. Aber ab und zu einen Schritt zurücktreten und schauen, ob das, was man macht, noch sinnvoll ist, sollte doch schon drinliegen?
 
Als wir das Konzept der Kampagne IT-dreamjobs erstellten, bestand die Hälfte des Projektteams aus 17-jährigen Gymnasiastinnen. Die drei Mädchen sollten uns Hinweise geben, wie wir ihre Peers am besten ansprechen können. Sie waren alle kategorisch dagegen, eine Kampagne nur mit weiblichen Informatikerinnen zu machen. Das wäre geheuchelt, fanden sie, denn jeder wisse ja, dass es da nicht so viele Frauen gibt. Eine der jungen Frauen sagte, mehrere ihrer früheren Mitschülerinnen an der Sek A hätten absichtlich eine Berufslehre mit technischer Ausrichtung gewählt, weil sie dann nicht mit Tussimädchen zusammen sein müssten. Und als die drei Mädchen zwischen mehreren Agenturen für die Umsetzung der Kampagne wählen konnten, verwarfen sie diejenige, die von zwei "Powerfrauen" geführt wurde, am heftigsten. Die seien zu karrieremässig drauf, das sei mega abschreckend.
 
Der langen Rede kurzer Sinn: Es ist sicher richtig und wichtig, Informatik-Schnupperangebote für Mädchen zu bieten - vielleicht schaffen wir es damit, den Frauenanteil in der Informatik in den nächsten 30 Jahren von 13 auf 25 Prozent anzuheben. Aber wir dürfen - als Firmen, die sich für mehr Informatiknachwuchs und Fachkräfte engagieren - die anderen 87 Prozent nicht vergessen.
 
Annette Kielholz ist Kommunikationsverantwortliche bei Ergon Informatik. Sie hat Psychologie und Volkswirtschaft studiert und findet in der Informatik seit 1999 reichlich Stoff für Analysen.