Im Reisswolf: Bedienungs­anleitung, undicht

Kolumnist Peter Wolf wollte seinen neuen E-Reader nass machen.
 
Da kaufe ich mir also einen Tolino-E-Reader, weil er erstens wasserdicht ist und er mir zweitens am Postschalter aufs Auge gedrückt wird. Beides kann Amazon mit seinem Kindle nicht bieten. Bisher habe ich alle meine elektronischen Bücher via Kindle konsumiert (das hat historische Gründe und weil ich viel auf englisch lese). Aber man muss ja auch den Marktbegleitern eine Chance geben.
 
Der Tolino darf also nass werden. Ideal für den Sommer am Strand oder im Pool. Um ganz sicher zu gehen, wie intensiv man das Teil denn nun wässern darf, lade ich mir die Bedienungsanleitung auf das Gerät herunter. Und lese sie. Dort steht dann zu meinem Entsetzen:
 
"Achtung: Schalten Sie den tolino eReader sofort aus, falls er nass werden sollte. Lassen Sie das Gerät auf Betriebssicherheit überprüfen, bevor Sie es wieder benutzen."
 
Das ist nicht gerade das, was ich unter "wasserdicht" verstehe. Doch dann verstehe ich: ich muss weiterlesen. Denn dem weiteren Textverlauf kann ich entnehmen: "Ausnahme: Sie können den tolino vision 2 bis zu 30 Minuten in Süsswasser und einer Tiefe von 1m tauchen, ohne dass der eReader einen Schaden erleidet."
 
Da bringt es der Hersteller also tatsächlich nicht fertig, für das verbesserte Modell eine revidierte Bedienungsanleitung zu verfassen! Und der Konsument wird gezwungen, selber nachzuschauen, wie denn sein Modell überhaupt heisst. So eine Praktik ist schon in der Welt der gedruckten Bedienungsanleitungen verdammenswürdig. Aber wenn es sich um eine E-Book-Bedienungsanleitung handelt – und dann erst noch für einen E-Book-Reader – dann ist sowas ein kapitales Eigengoal.

"Setzen Sie den tolino eReader niemals Feuchtigkeit, Kondenswasser und Nässe aus" darf der Käufer eines wasserdichten Geräts auch noch an anderer Stelle dieser "Universal-Bedienungsanleitung" lesen. Wenn zu einem neuen Modell eines E-Book-Readers noch nicht einmal eine neue Bedienungsanleitung "gedruckt" wird, dann spricht dies ja wohl Bände.
 
Vom ultrakomplizierten Weg, an Bücher heranzukommen und der wenig vertrauenserweckenden Art, wie ich in dem klobigen Interface mein PayPal-Passwort preisgeben muss, will ich gar nicht erst sprechen.
 
Aber die Macher des Readers wollen ja sowieso nicht, dass man ihn überhaupt benutzt. Im Standby-Screen (der e-Ink-typisch keinen Strom verbraucht und daher Dauerzustand ist) wird der Benutzer ermahnt: "Psst. tolino schläft."
 
Peter Wolf (50) beschäftigt sich seit seiner Kindheit mit Technik. Zuerst eher mechanisch durch Aufschrauben und Nachschauen, später vermehrt auch mit elektronischen Produkten und mit Services. Seit 1985 war er immer wieder mal bei Ringier beschäftigt, zuletzt als Trend Scout und Social Media Evangelist. Heute arbeitet er als Research Analyst bei e-foresight im Swisscom-Geschäftsbereich Banking und als Kolumnist und App-Tester für diverse Publikationen - unter anderem für inside-it.ch.